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Wrabetz sieht geeignetes ORF-Direktorenteam © ORF/Thomas Ramstorfer
© ORF/Thomas Ramstorfer

Redaktion 21.09.2021

Wrabetz sieht geeignetes ORF-Direktorenteam

Der scheidende Generaldirektor des ORF, Alexander Wrabetz, äußerte sich beim IPI-Kongress über das neue Direktorenteam von Roland Weißmann.

WIEN. Der Unabhängigkeit von und Finanzierungsmöglichkeiten für Qualitätsmedien hat sich der Weltkongress des Internationalen Presse Instituts (IPI) letzten Freitag, 17. September 2021, zugewandt. Dabei sprach ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz über gegenwärtige Herausforderungen für öffentlich-rechtliche Medien. Dem jüngst vom ORF-Stiftungsrat bestellten Direktorenteam steht er durchaus positiv gegenüber.

Checks and Balances herstellen
Wrabetz identifizierte mehrere wichtige Faktoren für die Unabhängigkeit des öffentlich-rechtlichen Rundfunks: ein starkes Redaktionsstatut, Finanzierung unabhängig vom Staatsbudget und ein von diversen Institutionen beschickter Stiftungsrat. Derzeit komme aber eine Partei - die ÖVP - mit ihren nahestehenden unabhängigen Stiftungsräten auf eine Mehrheit im obersten ORF-Gremium, monierte Wrabetz einmal mehr. In Zukunft müsse man darüber nachdenken, eine neue Form der Checks and Balances herzustellen, regte er an. Die Unabhängigkeit öffentlich-rechtlicher Medienhäuser dürfe aber nicht allein nationale Angelegenheit sein. Vielmehr müsse auch die EU regulierend tätig werden.

Seinem Nachfolger als ORF-Generaldirektor, Roland Weißmann, dürfte er mittlerweile weit weniger skeptisch gegenüberstehen. Weißmann komme aus dem ORF und wisse um die Wichtigkeit von hochqualitativem Journalismus, so Wrabetz. Die von Weißmann am Donnerstag den Stiftungsräten vorgeschlagenen und schlussendlich mit eindeutiger Mehrheit bestellten Direktorinnen und Direktoren erachtet er als "zu 100 Prozent" geeignet. Somit könne es gut sein, dass Weißmann die von so manchem Wähler eventuell gehegten Erwartungen wohl enttäuschen werde, glaubt der amtierende ORF-Generaldirektor. Sollten Eingriffe in die Unabhängigkeit angestrebt werden, würde es aber zunächst eine interne und anschließend externe Debatte geben, war sich Wrabetz sicher.

Gefragt, wer der "größte Feind" öffentlich-rechtlicher Rundfunkanstalten sei, wollte sich der ORF-Generaldirektor nicht festlegen. Normalerweise würde er Rechtspopulisten anführen, aber die Lage befinde sich stets im Fluss. So hätten ihm in letzter Zeit etwa die Neos Bauchweh bereitet. "Manche von deren Ideen würden uns auch ruinieren", so Wrabetz und plädierte darauf, auch in scheinbar ruhigen Zeiten, "sehr vorsichtig" zu sein.

Herausforderungen für Medien
Stephen Engelberg, Chefredakteur des US-amerikanischen Newsdesks "ProPublica", sah es als größte gegenwärtige globale Herausforderung an, zu Menschen mit Nachrichten durchzudringen. Nur wenn man das angesichts der unzähligen kursierenden Inhalte und Desinformationen schaffe, wären sie wohl auch bereit, für unabhängigen Qualitätsjournalismus zu zahlen. Das sei nicht unwesentlich, da man aus seiner Sicht in Nordamerika "allergischer" darauf reagiere, Geld von Regierungen in Form von Inseraten oder Förderungen zu beziehen.

Auch Medienhaus-Wien-Geschäftsführer Andy Kaltenbrunner kritisierte die in Österreich hohen und willkürlichen Inseratenvergaben der Regierung. Davon profitierten vor allem Gratiszeitungen stark. Deshalb aber Regierungsgelder per se abzulehnen, erscheint ihm nicht sinnvoll. Die Gelder müssten jedoch transparent und nach klaren, nachvollziehbaren Kriterien an unabhängige Medienhäuser vergeben werden. Gerold Riedmann, Chefredakteur der Vorarlberger Nachrichten, stellte die Frage in den Raum, ob es gesund sei, wenn - wie bei so manchem Medienhaus der Fall - bis zu 40% des Umsatzes aus öffentlichen Geldern generiert werde. Besser sei es, wenn auf viele verschiedene Umsatzquellen gesetzt werde - gerne auch Weinshops oder Events.

Anita Zielina, Leiterin der Weiterbildungsprogramme für Medienführungskräfte an der Newmark Graduate Journalism School der City University New York, sieht zwar kein allgemeingültiges Rezept dafür gegeben, wie qualitativer, unabhängiger Journalismus solide abgesichert werden könne, doch mehrere finanzielle Standbeine seien definitiv ein guter Anfang. Um erfolgreich zu sein, müsse man Geschäftsmodelle aggressiv transformieren und mit anderen Medienunternehmen kooperieren können. "In Österreich ist man bisher sehr schlecht darin", so Zielina. (APA/red)

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