Der Zweiradboom  hält ungebremst an
© Arge 2Rad
MOBILITY BUSINESS Redaktion 01.09.2026

Der Zweiradboom hält ungebremst an

Mit den Zulassungen steigt auch die Zahl der Unfälle. Karin Munk von der Arge 2Rad hat einige Tipps parat.

•• Von Alexander Haide

Das Risiko, beim Motorradfahren verletzt zu werden, ist unter Berücksichtigung der Fahrleistung rund 37-mal so hoch wie beim Pkw. Gleichzeitig zeigen aktuelle Erhebungen des Kuratoriums für Verkehrssicherheit, dass 45% der Motorradfahrer keine angemessene Schutzkleidung tragen. Im Ortsgebiet sind es sogar 76%.

Karin Munk ist Generalsekretärin der Arge 2Rad, die als Interessenvertretung der österreichischen Motorradimporteure und Motorradindustrie agiert. Sie engagiert sich für sichere, nachhaltige und zukunftsorientierte Mobilität mit motorisierten einspurigen Kraftfahrzeugen und vertritt die Interessen ihrer Mitglieder gegenüber Politik, Behörden und Öffentlichkeit. Im medianet-Interview umreißt Munk, wie Motorradfahren sicher sein kann, weshalb E-Motorräder auf dem Vormarsch sind und weshalb der Klimawandel den Trend verstärkt.

medianet: Rund ein Drittel der Motorradunfälle ist selbstverschuldet. Wie kann diese Zahl gesenkt werden?
Karin Munk: Mehr Sicherheit entsteht durch Eigenverantwortung, gute Ausbildung, moderne Fahrzeugtechnik und eine sichere Infrastruktur. ABS, Traktionskontrolle, hochwertige Schutzkleidung und freiwillige Fahrsicherheitstrainings tragen bereits wesentlich dazu bei.
Mit steigender Fahrleistung steigt naturgemäß auch die Zahl der Unfälle. Gleichzeitig zeigt der langfristige Trend, dass trotz wachsendem Fahrzeugbestand die Zahl tödlicher Unfälle rückläufig bzw. stabil geblieben ist. Das zeigt, dass technische Fortschritte und Präventionsmaßnahmen wirken. Jeder Unfall ist einer zu viel, dennoch entwickelt sich die Verkehrssicherheit insgesamt positiv.

medianet: Im Allgemeinen herrscht die Meinung, dass Motorradfahren gefährlich ist.
Munk: Motorradfahren verlangt Aufmerksamkeit, Voraussicht und defensives Fahren. Gleichzeitig sollte man Unfallzahlen immer im Verhältnis zur Fahrleistung betrachten. Das KFV weist darauf hin, dass das Verletzungsrisiko pro gefahrenem Kilometer deutlich höher ist als beim Pkw. Ebenso zeigt eine aktuelle Erhebung, dass 45 Prozent der Motorradfahrenden keine angemessene Schutzkleidung tragen, im Ortsgebiet sogar 76 Prozent. Hier liegt großes Verbesserungspotenzial.
Moderne Motorräder verfügen heute über zahlreiche Sicherheitsassistenzsysteme, und wer konsequent Schutzkleidung trägt, regelmäßig trainiert und defensiv fährt, kann das persönliche Risiko deutlich reduzieren. Motorradfahren ist kein risikoloses Hobby, aber Sicherheit beginnt beim Fahrer selbst.

medianet: Die Vorschriften für E-Scooter wurden verschärft. Wie beurteilen Sie die neuen Regelungen?
Munk: Ab dem 1. Oktober dürfen E-Scooter keine Radwege mehr benutzen. Gleichzeitig sind viele dieser Fahrzeuge nicht für den Straßenverkehr homologiert. Besonders betroffen sind Zustelldienste. Rund 5.000 Fahrerinnen und Fahrer mit etwa 150.000 Fahrten täglich könnten ihre Fahrzeuge praktisch nicht mehr einsetzen. Ein Umstieg auf Mopeds würde Führerschein, Helm und höhere Kosten erfordern und ist für viele kaum realisierbar. Die Arge 2Rad setzt sich deshalb mit einer eigenen Initiative für praktikable Lösungen für diese Berufsgruppe ein.

medianet: Die Anmeldungen von Zweirädern lagen im ersten Halbjahr bei den Motorrädern um 7,5 Prozent über dem Vorjahr, jene von Rollern bei plus 14,8 Prozent. Insgesamt wurden im ersten Halbjahr rund 22.000 Zweiräder neu angemeldet. Woran liegt das?
Munk: Motorisierte Zweiräder sind heute eine feste Säule der Mobilität. Sie sind deutlich günstiger als ein Zweitauto, kommen staufrei ans Ziel, benötigen wenig Parkplatz und verursachen keine Parkgebühren. Im ländlichen Raum kommt zusätzlich der Freizeit- und Fahrspaß hinzu.
Ein besonderer Meilenstein ist, dass es erstmals in Österreich am Ende des Jahres mehr als eine Million zugelassene motorisierte Zweiräder geben wird. Damit besitzt statistisch bereits jede neunte Person über 15 Jahren ein Motorrad, einen Roller oder ein Moped. Das zeigt, dass diese Fahrzeuge längst nicht mehr nur Freizeitgeräte sind, sondern für viele Menschen zum Alltag gehören.
Dort, wo Bus- und Bahnverbindungen nicht jederzeit verfügbar sind, ermöglichen motorisierte einspurige Fahrzeuge eine unabhängige und leistbare Mobilität. Sie erleichtern den Weg zur Arbeit oder zur Ausbildungsstätte ebenso wie alltägliche Erledigungen und Freizeitwege. Besonders für Pendlerinnen und Pendler sowie für junge Menschen bieten sie eine wirtschaftliche Möglichkeit, mobil zu bleiben, ohne die Kosten eines zusätzlichen Pkw tragen zu müssen.

medianet: Wird Zweiradfahren auch aufgrund des Klimawandels, weniger Niederschlägen und einer verlängerten Saison immer attraktiver?
Munk: Ja, der Klimawandel trägt durchaus dazu bei, dass das Zweiradfahren für viele Menschen attraktiver wird. Durch die steigenden Durchschnittstemperaturen, mildere Winter und eine insgesamt verlängerte warme Jahreszeit kann das Motorrad oder der Roller über einen deutlich längeren Zeitraum im Jahr genutzt werden als noch vor einigen Jahrzehnten. In vielen Regionen fällt zudem weniger Schnee, und längere frostfreie Phasen erleichtern das Fahren auch in den Wintermonaten.
Allerdings ist der Klimawandel nur einer von mehreren Faktoren. Ebenso wichtig sind die technischen Fortschritte bei Fahrzeugen und der Schutzausrüstung. Moderne Motorrad- und Rollerfahrer profitieren von hochwertiger, wetterfester Schutzkleidung, beheizbaren Griffen und Sitzen, speziellen Winterreifen sowie Beinschutzsystemen wie sogenannten Hot Covers oder Thermodecken, die den Fahrkomfort auch bei niedrigen Temperaturen deutlich erhöhen. Dadurch entscheiden sich immer mehr Menschen dafür, ihr Zweirad nicht nur als Freizeitfahrzeug, sondern als ganzjähriges Verkehrsmittel zu nutzen.

medianet: Zeichnet sich ein Boom bei E-Zweirädern ab?
Munk: Ja. Vor allem bei Rollern, Mopeds und Leichtkrafträdern steigt die Nachfrage kontinuierlich. In Österreich sind bereits mehr als 70 E-Modelle erhältlich. Im urbanen Bereich wird Elektromobilität künftig eine immer größere Rolle spielen.
E-Zweiräder überzeugen durch niedrige Betriebskosten, geringen Wartungsaufwand, lokale Emissionsfreiheit und leisen Betrieb. Moderne Akkus bieten ausreichende Reichweiten für den Alltag, viele Roller können mit herausnehmbaren Akkus bequem zu Hause geladen werden. Herausforderungen bleiben der höhere Anschaffungspreis, Ladezeiten und die noch lückenhafte Ladeinfrastruktur im ländlichen Raum. Große Reise- und Sportmotorräder werden daher vorerst überwiegend mit Verbrennungsmotor unterwegs sein.

medianet: Wie ist die Infrastruktur für E-Zweiräder?
Munk: Im Stadtverkehr werden überwiegend Roller genutzt, deren Akkus meist zu Hause geladen werden können. Für größere E-Motorräder braucht es vor allem im ländlichen Raum jedoch deutlich mehr öffentliche Ladestationen.

medianet: Geht der Trend hin zu stark motorisierten Motorräder oder urbanen Rollern?
Munk: Beides wächst. Leistungsstarke Motorräder bleiben für Freizeit und Touren gefragt, während Roller und E-Roller vor allem in Städten als praktische Alltagsfahrzeuge zulegen. Die Wahl orientiert sich heute stärker denn je am individuellen Mobilitätsbedarf.

BEWERTEN SIE DIESEN ARTIKEL

TEILEN SIE DIESEN ARTIKEL