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„Die guten Köpfe finden schon den richtigen Ort“ © Universität Wien/Daniel Hinterramskogler
© Universität Wien/Daniel Hinterramskogler

Redaktion 10.12.2015

„Die guten Köpfe finden schon den richtigen Ort“

Biochemikerin Renée Schroeder über Wiens Profilierung als Biotop für innovative Ideen – und als Wissens-Kapitalgeber.

••• Von Sabine Bretschneider

WIEN. In Zeiten steigenden Innovationsdrucks auf alle Bereiche von Wirtschaft und Gesellschaft ist es insbesondere die Nutzung lokalen „Wissenskapitals“, die auf der Agenda vieler Städte ganz oben steht. In der medianet-Serie ­„Intellectual Capital/Wissensstadt Wien“ haben wir bereits mit einigen prominenten Wissenschaftlern, die (auch) in Wien arbeiten und forschen, diese Themen besprochen – und auch deren Arbeit präsentiert. Dieses Mal war die Biochemikerin Renée Schroeder unsere Gesprächspartnerin.

medianet: Wie würden Sie die Hauptbestandteile des Wiener Wissenskapitals kurz beschreiben?
Renée Schroeder: Ich finde es toll, dass Wien diese internationale Auszeichnung bekommen hat (Wien hat kürzlich den internationalen „Most Admired Knowledge Cities Award 2015“ gewonnen; siehe Interview re.). Wien – und auch Österreich – haben sich sehr bemüht, das ‚Vakuum‘, das nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden ist und bis in die 1980er-Jahre vorhanden war, zu beseitigen und diese Stadt in eine offene Stadt mit breitgefächerten, innovativen Ideen und Projekten zu verwandeln. Das ist sicherlich teilweise auch gelungen. Wien ist in sehr vielen Disziplinen besonders innovativ, sei es in Verkehr, Architektur, Medizin, Lebenswissenschaften, Kultur, Mathematik – und auch sehr stark in den Geisteswissenschaften.
Das Gesamtbild macht es aus; es hat vielleicht keine ‚Weltspitzen‘ – die auch nicht notwendig sind –, aber als lebenswerte, offene und sehr breit gestreute Wissensstadt finde ich Wien sehr bemerkenswert.

medianet: Aber könnte sich Wien hinsichtlich der wissenschaft­lichen Leistungen, die hier erzielt werden, nicht noch attraktiver präsentieren?
Schroeder: Das ist nicht notwendig. Die heutige Kultur der Selbstdarstellung bringt nichts, sobald jemand nach Inhalten sucht, um ein Projekt zu entwickeln. Inhalt ist wichtiger als die Darstellung – obwohl immer das Gegenteil propagiert wird …

medianet: Im Gegensatz zur Geldbeschaffung etwa für innovative Projekte, die einer strikten Regulierung unterworfen sind, ist die Versorgung mit Wissenskapital in einer Universitätsstadt wie Wien jedenfalls einfacher. Würden Sie dem zustimmen?
Schroeder: Die strikten Regulierungen bei der Finanzierung von innovativen Ideen laufen derzeit Gefahr, sich selbst zu zerstören. Wenn die Mittel zu gering sind zur Finanzierung von Projekten, dann wird das System selbstzerstörend. Man sollte dann eher auslosen, welche für gut befundenen Projekten finanziert werden. Das wäre ehrlicher …

medianet: … oder braucht es auch für ‚Wissensarbeit‘ Möglichkeiten der Finanzierung aus privaten Quellen, wie zum Beispiel das Crowdfunding – etwa auf Wissenschaftlerplattformen, die ihr ‚Kapital‘ für erfolgversprechende Konzepte zur Verfügung stellen?
Schroeder: Ja, unbedingt! Die Förderlandschaft muss vielseitiger werden; es kann nicht sein, dass alles staatlich gefördert wird und ein kleiner Kreis an Personen bestimmt, was finanziert wird. Diese Personen können nicht Weitblick genug haben, um die Breite und Vielseitigkeit zu garantieren, die dazu notwendig wäre. Crowdfunding ist gut, wird aber wahrscheinlich nicht genug sein. Private Förderungen sind aber notwendig.

medianet: Profiliert sich Wien im Wettbewerb um Talente und Investments schon in ausreichendem Maße über ihre großen Wissenschaftler und Denker bzw. ­deren Leistungen?
Schroeder: Nicht notwendigerweise! Die guten Köpfe finden schon den richtigen Ort. Statt in Werbung und Reglementierung soll das Geld lieber direkt in die Wissenschaffung und Vermittlung investiert werden.

medianet: Sie könnten mit Ihrer wissenschaftlichen Tätigkeit sicherlich einiges zur ‚DNA‘ der Marke Wissensstadt Wien beitragen …
Schroeder (lacht): Wien ist jedenfalls ein Weltzentrum auf dem Gebiet der RNA-Forschung. Das wissen alle, die daran forschen. Ich bemühe mich sehr, dieses Molekül breit bekannt zu machen, was nicht leicht ist. Denn in Österreich sind viele gegen die Gentechnik, wissen aber nicht, was ein Gen ist. Das ist mein Problem.

medianet: Was können wir hinsichtlich besserer Aufklärung von anderen europäischen Städten lernen?
Schroeder: Jede Stadt ist anders; ich bin gegen das Nachmachen. Wien ist selbstbewusst und braucht höchstens eine bessere breitere Bildung für alle! Da würde ich investieren, damit die Schere der Gebildeten und Ungebildeten nicht zu breit wird.

medianet: Und was könnte wiederum Wien mit seinem Wissensreichtum zur Lösung der aktuellen ökonomischen Krise beitragen?
Schroeder: Ganz hemmend für die Kreativität von jungen Menschen sind der immer größer werdende administrative Aufwand und die Vorschriften, welche die Forschung zu regulieren versuchen. Viele der vorgegebenen Regeln und Vorschriften sind sinnlos, kosten viel Geld und Zeit, die der eigentlichen Forschung dann abgehen.
Die Veradministrierung der Gesellschaft ist sehr hinderlich. Regeln sind in manchen Kontexten wichtig, aber sie sind zu breit angelegt. Viele dieser Regeln laufen unter dem Vorwand der Sicherheit, sind aber echt hinderlich und nehmen den Menschen oft die Verantwortung weg – und tragen noch dazu nichts zur Sicherheit bei. Im Namen der Sicherheit wird die ­Politik der Angst betrieben; das ist nicht gut.

medianet: Würden Sie uns abschließend noch Ihre eigene Rolle und Leistung in der Wissenschafts-Community kurz erläutern?
Schroeder: Als Professorin an der Universität Wien habe ich sehr viel mit Studierenden zu tun – sowohl mit Bachelor-, Master- als auch mit PhD-Studierenden. In diesem Bereich spüre ich eine große Verantwortung.
Zusätzlich ist es mir sehr wichtig, das Wissen, welches auf den Universitäten weltweit generiert wird, für Laien aufzuarbeiten; dazu schreibe ich populärwissenschaftliche Bücher. Es macht mir enorm viel Spaß, Bücher zu schreiben – und noch toller finde ich die Lesungen und Diskussionen in kleinen Buchhandlungen. Da bekomme ich einen richtig guten Einblick in den Wissensstand der Bevölkerung.
Gemeinsam mit Andrea Barta habe ich seit 30 Jahren das Gebiet der RNA-Forschung in Wien ­gepusht – mit Erfolg, meine ich. Wenn wir demnächst in Pension gehen, können wir stolz und beruhigt auf die vielen jungen Top-Forscherinnen und -Forscher in Wien schauen, die sensationelle Erkenntnisse auf diesem Gebiet gewinnen.

Max F. Perutz Laboratories, Wien:
www.mfpl.ac.at/rna-biology

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