Vom Sammelweltmeister zur industriellen Kreislaufwirtschaft: Im Interview mit medianet-Herausgeber Chris Radda beschreibt Harald Hauke, Sprecher des Vorstands der ARA Altstoff Recycling Austria AG, warum Österreich zwar beim Sammeln europaweit vorne liegt, die eigentliche Bewährungsprobe aber erst jetzt beginnt.
Professionell seit 30 Jahren
Seit mehr als 30 Jahren organisiert die ARA Verpackungsrecycling im großen Stil. „Wir bewegen eine Milliarde Kilogramm Verpackungen und rund 100 Millionen Kilogramm Elektroaltgeräte und Batterien pro Jahr“, sagt Hauke. Über zwei Millionen Sammelbehälter, 16.000 Kunden und ein digital gesteuertes System sichern hohe Quoten. Papier und Metall liegen bei einer Recyclingquote von über 80%, die EU-Ziele für 2030 werden damit bereits erfüllt. Doch Sammeln allein reicht nicht mehr.
„Der Engpass ist nicht das Erfassen, sondern die Verwertungstiefe“, so Hauke. Besonders deutlich wird das bei Kunststoffen. Die Recyclingquote wurde von 22,5% auf 50% angehoben. „Um 50% Recycling zu erreichen, musst du rund 80% sammeln und davon mindestens 80% aussortieren.“ Mit der neuen Sortieranlage TriPlast verarbeitet die ARA 100.000 t pro Jahr und erreicht Sortiertiefen von teils über 80%. Doch selbst das sei nur ein Zwischenschritt. „20% würden thermisch verwertet – das war uns zu viel.“
Mit dem Upcycle-Prozess, einer eigenen Polyolefin-Aufbereitung, wird dieser Reststrom erneut genutzt. Rund 70 Mio. € investierte die ARA in die erste Ausbaustufe, weitere Projekte sind geplant. Das Ziel ist ein geschlossener Kreislauf. Ein Beispiel ist eine lebensmitteltaugliche Kunststoffschale aus 100% Material aus dem Gelben Sack. „Das zeigt, dass technisch sogar 100% Rezyklat möglich sind“, betont Hauke mit Blick auf die EU-Verpackungsverordnung, die ab 2030 verpflichtende Rezyklatanteile vorsieht.
Der Markt dahinter wächst dynamisch. „Der globale Rezyklatmarkt liegt bei rund 50 Mrd. US-Dollar und könnte sich bis 2030 verdoppeln.“ Gleichzeitig drohen Engpässe: In Europa könnten bis zu 40% der benötigten Rezyklate fehlen. Neu entstehende industrielle Kapazitäten seien daher keine Umweltromantik, sondern Voraussetzung für Wettbewerbsfähigkeit. „Kreislaufwirtschaft ist Standort-, Energie- und Rohstoffpolitik.“
Zukunft: Textilbereich
Während Verpackungen weit entwickelt sind, steht der Textilbereich erst am Anfang. Ab 2028 müssen Produzentenverantwortungssysteme etabliert werden. „Sammeln ist nicht das Problem, wir können alles sammeln“, sagt Hauke. Die Schwierigkeit liege im Sortieren und Rezyklieren komplexer Mischgewebe. Baumwolle, Polyester, Elastan – oft in einem einzigen Kleidungsstück kombiniert – erfordern neue Technologien und industrielle Lösungen, die in Europa erst aufgebaut werden müssen.
Auch jenseits von Verpackungen sieht Hauke große Hebel: Etwa die Bauwirtschaft mit ihrem hohen CO2-Anteil, Batterien, Altfahrzeuge oder Lebensmittelabfälle. „Wir sammeln 130 Kilogramm Verpackungen pro Kopf, aber wir werfen auch rund 130 Kilogramm Lebensmittel weg.“ Kreislaufwirtschaft müsse daher entlang gesamter Wertschöpfungsketten gedacht werden.
Dass das Thema in der Wirtschaft angekommen ist, zeigt das ARA Circular Economy Barometer. 91% der befragten Unternehmen nutzen oder planen Maßnahmen der Kreislaufwirtschaft. Gleichzeitig bleibt der Investitionsdruck hoch. Innovation, Kooperation mit Industrie und Handel sowie Bewusstseinsbildung seien daher zentrale Bausteine. „Wenn du nicht kommunizierst, wie wichtig das ist, verliert das System an Dynamik.“ Die strategische Verschiebung ist klar: Österreich hat ein starkes Sammelsystem aufgebaut. Nun geht es darum, daraus eine industriell tragfähige Kreislaufökonomie zu formen.
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