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Einwegpfand-System volkswirtschaftlich fragwürdig © Stephan Dolescha

Rainer Will.

© Stephan Dolescha

Rainer Will.

Redaktion 03.02.2020

Einwegpfand-System volkswirtschaftlich fragwürdig

Handelsverband empfiehlt Intensivierung der getrennten Sammlung; Pfand auf Einweg-Plastikflaschen würde die Mehrwegquote senken und die Nahversorgung gefährden.

WIEN. Das Umweltministerium hat heute eine neue Studie über die "Möglichkeiten zur Umsetzung der EU-Vorgaben betreffend Getränkegebinde, Pfandsysteme und Mehrweg" vorgestellt. Darin werden verschiedene Maßnahmen zur Erreichung der von der EU bis 2029 geforderten Sammelquote von 90% bei Kunststoffgetränkeflaschen evaluiert.

Im Wesentlichen stellt die Studie vier Varianten zur Auswahl

Variante 1: Intensivierung der getrennten Sammlung und ergänzende Sortierung aus gemischten Siedlungsabfällen;

Variante 2: Massive Intensivierung der getrennten Sammlung und ergänzende Sortierung aus gemischten Siedlungsabfällen;

Variante 3: Pfand auf Gebinde kleiner 1,0 Liter, Intensivierung der getrennten Sammlung und ergänzende Sortierung aus gemischten Siedlungsabfällen;

Variante 4: Pfand auf alle Kunststoffgetränkeflaschen;

Fazit: Das Erreichen der in der EU-Richtlinie zur Verringerung von Einwegplastik (Single-Use-Plastic-Richtlinie) vorgegebenen 90%-Sammelquote bei Kunststoffgetränkeflaschen bis zum Jahr 2029 wäre bei allen vier Varianten möglich.
Handel unterstützt Intensivierung der getrennten Sammlung in Österreich

Daher plädiert der heimische Handel ganz klar für die Umsetzung von Variante 1 oder Variante 2 – eine (massive) Optimierung der getrennten Sammlung und ergänzenden Sortierung aus gemischten Siedlungsabfällen. Diese Lösung wird auch vom größten heimischen Sammel- und Verwertungssystem (ARA) empfohlen.

"Ganz Europa beneidet uns um unser Sammel- und Verwertungssystem. Gerade in einem kleinen Land wie Österreich brauchen wir kein neues paralleles System. Daher empfehlen wir, den eingeschlagenen Erfolgsweg konsequent weiterzugehen und unsere Anstrengungen bei der getrennten Sammlung zu intensivieren. Es sollte bei der Interessenabwägung berücksichtigt werden, dass die Einführung eines Einwegpfand-Systems die Nahversorgung durch selbstständige Kaufleute in den ländlichen Regionen massiv gefährdet. Wir hoffen hier auf politisches Augenmaß", so Handelsverband-Geschäftsführer Rainer Will in einer ersten Stellungnahme.

Die Einführung eines Einwegpfand-Systems auf Gebinde kleiner 1 l oder gar auf alle Kunststoffgetränkeflaschen macht aus folgenden Gründen volkswirtschaftlich keinen Sinn:

Für viele selbstständige Kaufleute ist die Anschaffung von Pfandautomaten, einer Presse, der Umbau der Fläche und die zusätzlichen Logistikanforderungen keinesfalls finanzierbar. Hunderte Geschäfte, vor allem im ländlichen Bereich, müssten ihre Geschäfte schließen, wodurch die Nahversorgung in manchen Regionen gänzlich entfallen würde. Dies würde mittelfristig auch die Landflucht befeuern.

Im ländlichen Bereich müssten im Falle eines Zubaus die Adaptierungen mit den unterschiedlichen Raumordnungen und Bauvoraussetzungen der jeweiligen Bundesländer vereinbar sein, was für einige Supermärkte im Nachgang nur schwer realisierbar sein wird. Die gesamte vor- und nachgelagerte Kette führt zu gravierenden Umstellungserfordernissen und Aufwänden. Die heimischen Supermärkte müssten neben ihrer eigentlichen Nahversorgungsfunktion quasi auch als Entsorger fungieren.

Die Einführung eines Einwegpfand-Systems nach deutschem Vorbild wäre für den österreichischen Lebensmittelhandel mit unverhältnismäßigen Investitionen in Höhe einer dreistelligen Millionensumme verbunden.

Die derzeit in Österreich bereits großflächig eingesetzten Mehrwegautomaten erfüllen nicht die Kriterien für eine PET Sammlung. Es müssten daher neue kostenintensive Automaten sowie Plastikpressen angeschafft werden. Das alles würde ebenfalls CO2-Emissionen generieren.

Ein Einwegpfand-System macht die Bereitstellung zusätzlicher Flächen erforderlich. Die baulichen Änderungen wären einerseits mit hohen Kosten verbunden, andererseits fehlt vor allem bei innerstädtischen Geschäften schlichtweg der hierfür erforderliche Platz.

Nach bisherigen Erfahrungen, vor allem aus Deutschland, erhöht die Einführung des Einwegpfandes die ökologisch zu bevorzugende Mehrwertquote nicht, sie trägt sogar zur Reduktion der Mehrwegquote bei. Im Falle Deutschlands führte die Einführung von Einwegpfand zu einer gravierenden Reduktion der Mehrwegquote von -22,3%.

Nicht umsonst ist in der Single-Use-Plastics Richtlinie klar festgelegt, dass nicht zwingend Pfandsysteme zur Erreichung der Getrenntsammelziele eingeführt werden müssen, sondern – wie auch die neue Studie ergeben hat – verschiedenste Maßnahmen zur Erreichung des Ziels denkbar sind. (red)

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