retail.conversations: Im TV-Studiogespräch diskutierten Herausgeber Chris Radda und Harald Hauke, Sprecher des Vorstands der ARA Altstoff Recycling Austria AG, über den nächsten Entwicklungsschritt der österreichischen Kreislaufwirtschaft: weg vom erfolgreichen Sammelsystem – hin zu einer industriell tragfähigen, marktwirksamen Verwertung von Sekundärrohstoffen.

Seit mehr als 30 Jahren ist die ARA ein zentraler Akteur im heimischen Verpackungsrecycling. Im Gespräch wurde deutlich: Die reine Sammellogik gilt in Österreich in weiten Teilen als etabliert. Die strategische Herausforderung liegt nun zunehmend in den nachgelagerten Stufen – also im Sortieren, Rezyklieren und im Aufbau funktionierender Absatzmärkte für Recyclate.

Hauke zeichnete dabei das Bild eines Systems, das in Österreich im europäischen Vergleich bereits sehr weit entwickelt ist. Die ARA versteht sich als Role Model auf dem Weg zur Kreislaufwirtschaft – nicht nur aufgrund hoher Erfassungs- und Recyclingleistungen, sondern auch wegen ihrer Infrastruktur und ihrer langjährigen Systemkompetenz. Diese Positionierung deckt sich mit der Selbstdarstellung der ARA als Innovations- und Marktführerin im Bereich Kreislaufwirtschaft in Österreich.

Vom Sammelweltmeister zur Verwertungsökonomie

Ein zentraler Tenor des Gesprächs: Nicht das Sammeln ist heute der Engpass, sondern die Verwertungstiefe. Während Österreich bei der Verpackungssammlung und bei vielen Quoten sehr gut aufgestellt sei, werde der nächste Fortschritt vor allem über Technologie, Sortierqualität und industrielle Einbindung entschieden. Hauke betonte, dass hohe Recyclingquoten – insbesondere bei Kunststoffen – bereits in der Erfassungsphase große Anstrengungen erfordern. Soll eine Recyclingquote von 50 Prozent erreicht werden, müsse deutlich mehr Material gesammelt werden, weil in der Praxis Verluste entlang der Sortier- und Aufbereitungsprozesse entstehen. Diese Perspektive verschiebt die Debatte weg von reinem Konsument:innenverhalten hin zu einer systemischen Betrachtung der gesamten Wertschöpfungskette.

In diesem Zusammenhang sprach Hauke auch über technische Innovationen der ARA, mit denen der Anteil thermischer Verwertung durch hochwertigere Verarbeitungs- und Upcycling-Lösungen weiter reduziert werden soll. Der Anspruch: Altstoffe sollen nicht nur entsorgt oder energetisch verwertet, sondern als wertvolle Rohstoffe wieder in Produktionskreisläufe zurückgeführt werden.

Kreislaufwirtschaft als Investitions- und Industriethema

Das Gespräch machte auch deutlich, wie stark sich die gesellschaftliche und wirtschaftspolitische Einordnung des Themas verändert hat. Was früher häufig als Umwelt- oder Abfallthema behandelt wurde, ist heute ein Feld der Industriepolitik, der Rohstoffsicherheit und der Wettbewerbsfähigkeit.

Diese Entwicklung wird auch durch aktuelle ARA-Daten unterstrichen: Laut dem ARA Circular Economy Barometer 2025 nutzen oder planen 91 Prozent der österreichischen Unternehmen Maßnahmen der Kreislaufwirtschaft – ein Höchstwert. Gleichzeitig ist die Investitionsbereitschaft, insbesondere bei kleineren Betrieben, rückläufig. Genau in diesem Spannungsfeld – hohe strategische Relevanz, aber wirtschaftlicher Druck in der Umsetzung – verortete Hauke die derzeitigen Herausforderungen.

Im Studio wurde damit ein Kernproblem sichtbar: Kreislaufwirtschaft ist zwar konzeptionell breit akzeptiert, doch die Skalierung verlangt Investitionen in Anlagen, Sortiertechnik, Produktdesign, Materialinnovation und stabile Abnahmebeziehungen. Die Vision kann nur dann wirtschaftlich tragen, wenn Recyclate zuverlässig verfügbar sind und zugleich einen Markt finden.

Märkte schaffen, nicht nur Materialien sammeln

Besonders klar formulierte Hauke die Marktfrage am Beispiel von Textilrecyclaten. Dort sei die technische und logistische Herstellung von Sekundärmaterialien nur ein Teil der Aufgabe; schwieriger sei oft deren Markteinführung, auch weil viele Produzenten und Verarbeitungskapazitäten international – insbesondere in Asien – angesiedelt seien. Damit verwies er auf ein strukturelles Problem der Kreislaufwirtschaft: Recycling allein schafft noch keinen Kreislauf, wenn die industrielle Nachfrage und die Produktintegration fehlen.

Vor diesem Hintergrund ordnete Hauke den wachsenden globalen Recyclatmarkt als wirtschaftliche Chance ein. Kreislaufwirtschaft werde damit nicht nur zur regulatorischen Pflicht, sondern zunehmend zu einem eigenständigen Geschäftsmodell – für Recyclingunternehmen, verarbeitende Industrie und technologiegetriebene Zulieferer.

Verpackung bleibt zentral – aber das nächste Spielfeld wird breiter

Ein weiterer Schwerpunkt des Gesprächs war die Frage, welche Bereiche in Zukunft stärker in den Fokus rücken. Hauke machte deutlich, dass im Verpackungsbereich bereits viele Optimierungen realisiert wurden und das Feld entsprechend „ausgereizt“ sei. Zusätzliche Dynamik erwartet er daher auch in anderen Sektoren – etwa bei Gebäuden, Batterien und Altfahrzeugen.

Zugleich wurde die Bedeutung von Lebensmittelverschwendung als Hebel hervorgehoben. Sie ist nicht nur ein Ressourcen-, sondern auch ein Klimathema. Damit verschiebt sich die Kreislaufwirtschaftsdebatte zunehmend in Richtung einer umfassenden Ressourceneffizienzstrategie, die weit über klassische Abfalltrennung hinausgeht.

Bildung, Forschung und Akzeptanz als langfristige Hebel

Neben Technik und Investitionen verwies Hauke auf zwei langfristige Voraussetzungen für den Wandel: Forschungund Umweltbildung. Die ARA unterstütze zahlreiche heimische wissenschaftliche Einrichtungen, um Sortier-, Recycling- und Materiallösungen weiterzuentwickeln. Ebenso relevant sei die frühe Bewusstseinsbildung – etwa durch Umweltbildungsprogramme bereits in Kindergärten und Volksschulen.

Diese Kombination aus Technologieentwicklung, Infrastruktur und gesellschaftlicher Verankerung erscheint im Gespräch als ARA-Strategie für die nächste Phase: Österreich hat beim Sammeln ein starkes Fundament aufgebaut – nun geht es darum, daraus eine industriell belastbare Kreislaufwirtschaft zu machen.

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