financenet: The New World Order: Europa unter Druck zwischen USA und China
Im medianet-TV-Format „financenet“ diskutierte Herausgeber Chris Radda mit Eduard Pomeranz, Gründer von FTC Capital GmbH, dem Ökonomen Stephan M. Klinger von der Wirtschaftsuniversität Wien und Eric Samuiloff, Obmann der Fachgruppe Finanzdienstleister der Wirtschaftskammer Wien, über Gewinner und Verlierer der geopolitischen „New World Order“.
Im Zentrum stand die Frage, welche Regionen, Staaten, Ökonomien und Anlageklassen vom Zerfall der regelbasierten Weltordnung profitieren und welche unter Druck geraten. Pomeranz beschrieb die aktuelle Lage als Machtspiel zwischen den USA und China. „Die Volksrepublik China fordert den Hegemon, die Vereinigten Staaten, öffentlich heraus“, sagte er. Die USA hätten weiterhin Vorteile bei Halbleitern und militärischer Stärke, litten aber unter Deindustrialisierung und Verschuldung. China wiederum kontrolliere wichtige Teile des verarbeitenden Gewerbes und strategische Rohstoffketten, habe aber Schwächen bei Energie.
Klinger ordnete die Entwicklung geopolitisch ein. Die regelbasierte Ordnung sei lange eine Antwort auf das Prinzip gewesen, dass „der Stärkere den Schwächeren frisst“. Nun rückten wieder stärker Macht, Geografie, Demografie, Rohstoffe und Handelswege in den Mittelpunkt. Als Zeichen der neuen Kräfteverhältnisse verwies er darauf, „welche Staats- und Regierungschefs in den letzten Monaten alle in Peking vorstellig geworden sind“. China baue Bündnisse in zentralen Netzwerken auf.
Besonders kritisch fiel der Blick auf Europa aus. Samuiloff sah die EU derzeit als möglichen Verlierer zwischen den großen Machtblöcken. Europa sei im Vergleich zu den USA oder China keine geschlossene Einheit. Zwar gebe es starke Ressourcen, Forschung und Technologie, diese würden aber zu wenig gebündelt. „Es müsste irgendwo jemand geben, der diese Ressourcen konzentriert“, sagte er sinngemäß.
Auch Pomeranz verwies auf strukturelle Schwächen Europas. Der technologische und energietechnische Rückstand sei problematisch. Zudem müsse Europa erkennen, dass Sicherheitspolitik nicht nur Militär bedeute. „Wir müssen das verarbeitende Gewerbe wieder nach Europa oder in den Westen holen“, sagte er. Nicht nur Rohstoffe seien entscheidend, sondern auch deren Verarbeitung.
Ein weiterer Kritikpunkt war die europäische Regulierungslogik. Samuiloff warnte vor überbordender Bürokratie. Europa übernehme oft Ideen aus den USA, setze sie aber mit einer solchen Regelungsdichte um, dass Dynamik verloren gehe. Regeln seien notwendig, dürften aber nicht zur Selbstbeschäftigung werden.
Für Anleger ergeben sich aus Sicht der Runde erhebliche Konsequenzen. Pomeranz betonte, Aktien blieben „definitiv ein Muss in einem Portfolio“. Die Herausforderung liege darin, Portfolios stabiler und szenariofähiger zu machen. An Bedeutung gewinnen könnten Rohstoffe, Edelmetalle, Managed Futures, spezielle Anleihen und strategisch relevante Industrien.
Samuiloff sieht die Zeit rein passiver Indexstrategien kritischer. Langfristig brauche es stärker aktiv gemanagte Core-Satellite-Strategien, die auf geopolitische Verschiebungen reagieren können. Klinger ergänzte, Sanktionen könnten Investmententscheidungen künftig stärker prägen. Anleger müssten sich fragen, ob sie in „Freund oder Feind“ investieren.
Trotz aller Risiken endete die Diskussion mit einem vorsichtig optimistischen Befund. Börsen seien auch Ausdruck von Schwarmintelligenz, sagte Klinger. Langfristig hätten „die Optimisten eigentlich fast immer recht gehabt“. Für Europa bleibt die Aufgabe, seine Stärken rascher zu bündeln, wenn es in der neuen Weltordnung nicht weiter an Gewicht verlieren will.
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