destination: Tourismusrekorde, aber weniger Ertrag: Fremdenverkehrsbranche warnt vor strukturellem Druck
Österreichs Tourismus meldet Rekorde bei Ankünften, Nächtigungen und nominellen Einnahmen. Doch hinter der positiven Bilanz wächst der wirtschaftliche Druck auf viele Betriebe. Im Tourismus-TV-Format „destination“ diskutierten Herausgeber Chris Radda, ÖHV-Präsident Walter Veit und WIFO-Senior Economist Oliver Fritz über steigende Kosten, sinkende Margen und die Grenzen eines wachstumsorientierten Tourismusmodells.
Radda verwies auf die auffällige Divergenz zwischen Mengenwachstum und realer Ertragslage: Trotz kräftiger Preissteigerungen von bis zu 66% sei vielen Hotels real weniger geblieben als vor zehn Jahren. Walter Veit bestätigte diese Einschätzung aus der Praxis: „Wir als Hoteliers sehen das ja jedes Jahr oder jedes Monat in unseren Zahlen, dass es nicht so bergauf geht, wie immer dargestellt.“
Als zentralen Kostenfaktor nannte der ÖHV-Präsident Löhne und Lohnnebenkosten. „Unsere Mitarbeiter verdienen zu wenig, aber sie kosten uns zu viel“, sagte Veit. Weitere Preissteigerungen könnten die Hotels kaum durchsetzen, ohne sich im internationalen Wettbewerb aus dem Markt zu preisen. Ein Gast habe ihm zuletzt gesagt, der Preisunterschied zwischen der Schweiz und Österreich sei in Hotellerie und Gastronomie mittlerweile fast verschwunden.
Neben Personalkosten belasten Energiepreise, Bürokratie und Investitionsdruck die Betriebe. Veit kritisierte, dass energieintensive Tourismusbetriebe mit Thermen oder spa im Unterschied zur Industrie kaum von Begünstigungen profitierten. „Wir sind ein großer Exportfaktor für das Land“, betonte er mit Blick auf den hohen Anteil von 70 Prozent ausländischer Gäste. Zugleich erschwere die lange steuerliche Abschreibungsdauer notwendige Modernisierungen. Während die Ausstattung von Hotels rasch erneuert werden müsse, seien die Abschreibungszeiträume in der Hotellerie über Jahrzehnte drastisch verlängert worden.
Tourismus-Ökonom Oliver Fritz sieht darin ein grundsätzliches Problem der Branche. „Schauen wir nicht auf die Mengen, auf die Nächtigungen, schauen wir eher auf die Einnahmen“, sagte der Ökonom. Die öffentliche Debatte konzentriere sich weiterhin zu stark auf neue Nächtigungsrekorde. Entscheidend sei jedoch, was nach Kosten bei Unternehmen und Beschäftigten ankomme.
Auch die Zusammensetzung des Wachstums spiele eine Rolle. Veit verwies auf Zuwächse bei Apartments, Ferienwohnungen und Campingplätzen. Diese Segmente seien zwar Teil des touristischen Angebots, erzielten aber im Schnitt eine geringere Wertschöpfung als qualitätsorientierte Hotels. Fritz warnte zugleich vor einer zu einfachen Gegenüberstellung: Qualität hänge nicht allein von der Zahl der Hotelsterne ab; auch günstigere Betriebe oder Campingplätze könnten hochwertiges Angebot schaffen.
Einigkeit bestand darin, dass Österreich seine Position nicht über niedrige Löhne absichern könne. Fritz plädierte für einen differenzierten, qualitätsorientierten Tourismus und bessere Investitionsbedingungen. Veit forderte einen steuerlichen Kurswechsel: „Wenn man am Weltmarkt bestehen will, braucht es andere steuerliche Zugänge.“ Das Wirtschaftsforschungsinstitut Österreich verweist seit Langem darauf, Arbeit weniger und Ressourcen stärker zu besteuern.
Die Rekordmeldungen im Tourismus bleiben damit ambivalent: Sie zeigen eine hohe Nachfrage nach Österreich. Ob daraus auch ausreichend Ertrag für Betriebe, Beschäftigte und Regionen entsteht, wird zur zentralen wirtschaftspolitischen Frage.
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