Value #49 Der Finanz Talk – Vermögen sichern heißt handlungsfähig bleiben
Der studierte Verhaltensökonom und Experte für institutionelles Investment- und Vermögensmanagement, Andreas Lindner, bringt in seinem gerade erschienen Sachbuch “Kapitalsouveränität” wertvolle zusätzliche Perspektiven zur Thema “Asset Protection Engineering” in bewegten Zeiten ein.
Wie zugänglich bleibt Vermögen, wenn sich politische und wirtschaftliche Rahmenbedingungen ändern? Diese Frage stand im Mittelpunkt des Studiogesprächs im Kooperations-TV-Format „Value Der Finanz Talk mit der Fachgruppe Finanzdienstleister der WK Wien“. Obmann Eric Samuiloff sprach mit dem bayerischen Kapitalmarktspezialisten Andreas Lindner über dessen neues Sachbuch „Kapitalsouveränität“ und die Möglichkeiten strategischer Vermögensstrukturierung.
Lindner, studierter Verhaltensökonom und Berater von Stiftungen, Family Offices, Fonds und Emittenten, sieht insbesondere bei vermögenden Menschen ab etwa 50 Jahren Verunsicherung. Sie hätten ihren Wohlstand unter den Bedingungen einer fortschreitenden Globalisierung aufgebaut. Geopolitische und geoökonomische Veränderungen stellten diese Erfahrungen nun infrage. Sein Buch “Kapitalsouveränität” (Novum Verlag) soll eine sachliche Auseinandersetzung ermöglichen: zwischen der Absicherung einzelner Portfoliorisiken und alarmistischen Vorstellungen einer Kapitalflucht.
„Wie handlungsfähig ist mein Vermögen bei veränderten Vorzeichen?“, lautet Lindners zentrale Frage. Damit verschiebt sich der Blick von Rendite und Anlageklassen auf die rechtlichen und organisatorischen Bedingungen des Vermögenszugriffs. Ein Vermögenswert kann weiterhin vorhanden sein, während seine Verfügbarkeit eingeschränkt ist.
Besonders anschaulich wird das bei Unternehmern, deren Vermögen überwiegend im eigenen Betrieb und in Immobilien gebunden ist. Befinden sich diese im selben Land, entstehen Abhängigkeiten von einem Rechts- und Währungsraum. Ein Fremdwährungskonto allein löse dieses Problem nicht, erläutert Lindner: Entscheidend seien auch der Standort des Kontos und die Möglichkeiten, über das Guthaben zu verfügen.
Sein Ansatz des „Asset Protection Engineering“ überträgt das Prinzip der Redundanz aus kritischen Infrastrukturenauf die Vermögensstruktur. Wie bei technischen Systemen sollen zusätzliche, voneinander möglichst unabhängige Möglichkeiten die Handlungsfähigkeit erhalten. Lindner nennt dafür fünf Prüffelder: Rechtsstaatlichkeit, Währung, Verwahrung beziehungsweise Registrierung, Krisenfestigkeit der Vermögenswerte und Liquidität. Ziel ist, Konzentrationsrisiken zu erkennen und zu verringern.
Bei Family Offices beobachtet Lindner eine stärkere Beschäftigung mit der Verteilung von Vermögen auf unterschiedliche Rechtsräume. Die Streuung über Anlageklassen werde damit um die Frage ergänzt, welchen rechtlichen Rahmenbedingungen das Vermögen unterliegt. Eine vollkommen sichere Jurisdiktion gebe es aus seiner Sicht nicht.
Samuiloff hinterfragte auch die Abgrenzung zur Steuervermeidung. Lindner versteht Vermögensschutz als übergeordnete Struktur, für deren Umsetzung steuerliche, rechtliche und anlagespezifische Fachleute zusammenarbeiten. Die Gestaltung müsse innerhalb des gesetzlichen Rahmens erfolgen.
Ein allgemeingültiges Rezept verspricht der Autor nicht: „Es gibt nicht die perfekte Lösung.“ Das Buch führt vom Verständnis der Abhängigkeiten über die Analyse des eigenen Vermögens bis zur Auswahl geeigneter Rechtsräume und Verwahrstellen. Ein Selbstcheck soll dabei helfen, Risiken systematisch zu erfassen. Am Anfang steht damit die Diagnose der bestehenden Vermögensstruktur – erst danach die Entscheidung über mögliche Änderungen.