Value #47 – Der Finanz Talk: Österreichs Wirtschaft auf vorsichtigem Erholungskurs
Nach mehreren Jahren wirtschaftlicher Schwäche zeichnet sich für Österreich eine moderate Erholung ab. Im TV-Kooperationsformat „Value – der Finanz Talk“ diskutierte Eric Samuiloff, Obmann der Fachgruppe Finanzdienstleister der Wirtschaftskammer Wien, mit Ralf Kronberger, Ökonom und Leiter der Abteilung Finanz- und Steuerpolitik der Wirtschaftskammer Österreich, über Konjunktur, Inflation, Kapitalmarkt und den zunehmenden Regulierungsdruck.
Kronberger erwartet für 2026 und 2027 ein verhaltenes Wachstum von rund einem Prozent. „Die Lage ist nach wie vor relativ verhalten“, sagte der Ökonom. Positive Signale kämen vor allem von den Anlageinvestitionen, während die Bauinvestitionen weiterhin schwach blieben. Auch der private Konsum entwickle sich mit einem realen Plus von lediglich 0,4 Prozent nur mäßig.
Eine zentrale Belastung bleibt die Inflation. Für 2026 rechnet Kronberger mit 3,2 Prozent, für 2027 mit einem Rückgang auf 2,4 Prozent. Neue geopolitische Spannungen und steigende Energiepreise könnten den Preisauftrieb jedoch erneut verstärken. Weitere hohe Lohnabschlüsse würden aus seiner Sicht die Wettbewerbsfähigkeit zusätzlich belasten. „Wenn Österreich stärker verteuert als andere Länder, werden unsere Exporte teurer, die Nachfrage geht zurück und der Druck auf Unternehmen und Arbeitsmarkt steigt.“
Auch geldpolitisch sei die Normalisierung noch nicht abgeschlossen. Ein weiterer Zinserhöhungsschritt könne nicht ausgeschlossen werden, sollte der Inflationsdruck anhalten. Finanzdienstleister müssten sich daher nach der Hochzinsphase breiter aufstellen. „Das Zinspotenzial dieser Phase ist weitgehend ausgeschöpft. Künftig wird eine stärkere Diversifizierung bei Anlageprodukten notwendig sein.“
Besonders verwundbar ist Österreich aufgrund seiner starken internationalen Verflechtung. Mit einem Außenhandelsanteil von rund 57 Prozent des Bruttoinlandsprodukts treffen gestörte Lieferketten und steigende Produktionskosten die heimische Wirtschaft überdurchschnittlich stark.
Handlungsbedarf sieht Kronberger auch beim Kapitalmarkt. Österreich sei traditionell bankfinanziert, während angelsächsische Märkte stärker von Aktien- und Risikokapital geprägt seien. Zwar habe sich der ATX zuletzt gut entwickelt, die Börsenkapitalisierung bleibe im internationalen Vergleich aber gering. Zur Förderung des Aktienbesitzes plädierte Kronberger für eine Wiedereinführung der KESt-Befreiung nach einer bestimmten Behaltefrist sowie für steuerlich begünstigte Beteiligungsmodelle.
Kritisch äußerte er sich zu den immer kürzeren Begutachtungsfristen bei Gesetzesvorhaben. Als Negativbeispiel nannte er ein mehr als 50 Seiten umfassendes Budgetbegleitgesetz mit lediglich sechs Arbeitstagen Begutachtungszeit. „Das ist nicht gut für die Qualität eines Gesetzes“, so Kronberger. Längere Fristen ermöglichten fundierte Stellungnahmen und reduzierten das Risiko legistischer Fehler.
Für kleine Finanzdienstleister werde zugleich die wachsende Dichte europäischer Regulierung zunehmend schwer überschaubar. Samuiloff forderte mehr Proportionalität, Planbarkeit und Praxisnähe. Kronberger unterstützte diesen Ansatz und sprach sich dafür aus, Richtlinien, Verordnungen und nationale Umsetzungen stärker auf ihre tatsächliche Notwendigkeit zu prüfen.
Für die Stärkung des Wirtschaftsstandorts brauche es aus Kronbergers Sicht nachhaltige Budgetkonsolidierung, strukturelle Reformen, weniger Doppelgleisigkeiten und einen schlankeren Staat. Nach mehreren Steuererhöhungen müsse nun eine klare Grenze gezogen werden: „Jetzt muss mit weiteren Steuererhöhungen Schluss sein.“ Von der Finanzmarktaufsicht wünsche er sich zudem, kleinere Marktteilnehmer stärker zu beraten, bevor unmittelbar Sanktionen verhängt werden.
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