medianet technology: Die Ära der Software Defined Automation

Im TV-Format „medianet Technology“ sprach medianet-Verlagsleiter Bernhard Gily mit Johannes Wolf, Managing Director CEE/ME von COPA-DATA GmbH, über softwaredefinierte Automatisierung, Energieinfrastruktur, KI und die Wettbewerbsfähigkeit des Industriestandorts. Dabei machte der Salzburger Softwareanbieter deutlich, wie stark sich industrielle Automation derzeit vom klassischen Anlagenbetrieb hin zu offenen, datengetriebenen und flexibleren Systemen entwickelt.

COPA-DATA hat sich in den vergangenen Jahren vom österreichischen Spezialisten zu einem global agierenden Hidden Champion der softwaregetriebenen Prozess-Automatisierung entwickelt. Wie Johannes Wolf im Gespräch ausführte, wuchs die Unternehmensgruppe 2025 bei einem Umsatz von rund 120 Mio. um 21%, in der von ihm verantworteten Region Central Eastern Europe und Middle East sogar um mehr als 24%. Möglich gemacht habe dies vor allem die Konzentration auf Wachstumsbranchen wie Life Sciences, Pharma, Chemie, Halbleiter und Energiewirtschaft sowie eine breite Diversifikation über Branchen, Regionen und Kundensegmente hinweg. Gerade diese breite Aufstellung helfe, Rückgänge in einzelnen Märkten durch Dynamik in anderen Bereichen auszugleichen.

Besonders stark entwickelt sich laut Wolf derzeit der Mittlere Osten. Dort würden Infrastrukturprojekte mit einer Geschwindigkeit umgesetzt, die in Europa kaum vorstellbar sei. Am Beispiel Saudi-Arabiens verwies er auf die „Vision 2030“ und auf eine Vielzahl von Energie- und Infrastrukturprojekten, bei denen innerhalb weniger Monate neue Umspannwerke, Erzeugungsanlagen und weitere zentrale Einrichtungen entstehen. COPA-DATA ist in dieser Region insbesondere mit seiner Softwareplattform zenon im Bereich der Energieautomation präsent. Der Unterschied zu Europa liege weniger in den technologischen Möglichkeiten als vielmehr im Umsetzungstempo und in regulatorischen Rahmenbedingungen.

Im Zentrum des Gesprächs stand die Frage, warum Automatisierungssoftware gerade jetzt einen so hohen Stellenwert gewinnt. Wolf nannte dafür insbesondere die Transformation der Energiewirtschaft. Der Ausbau erneuerbarer Energien, die stärkere Dezentralisierung der Erzeugung und der steigende Bedarf an Netzmodernisierung erhöhten die Komplexität der Systeme massiv. Gleichzeitig fehle es an Fachkräften, um diese Entwicklungen mit klassischen Methoden zu bewältigen. Automatisierung und Standardisierung seien daher unverzichtbar, um die Energiewende überhaupt realistisch umsetzen zu können. Wolf verwies in diesem Zusammenhang auf Prognosen, wonach sich der globale Energiebedarf bis 2050 auf 50.000 TWh verdoppeln werde. Hinzu kämen zusätzliche Lasten durch Rechenzentren, Klimatisierung und wachsende Mittelschichten in vielen Weltregionen.

Als technologischen Paradigmenwechsel beschrieb Wolf das „Zeitalter der softwaredefinierten Automatisierung“. Dabei werde die Logik klassischer industrieller Steuerungen zunehmend aus dedizierter Hardware in virtualisierte IT-Umgebungen verlagert. Anwendungen könnten damit etwa in Docker-Containern laufen und über moderne IT-Strukturen orchestriert werden. Für Unternehmen eröffne das neue Möglichkeiten: geringere Investitions- und Betriebskosten, schnellere Innovationszyklen, bessere Skalierbarkeit sowie die Übernahme von IT-Methoden wie DevOps und Cybersecurity-Konzepten in die Automatisierungswelt. Dieser Wandel werde nicht von heute auf morgen in der Breite stattfinden, so Wolf, doch die Richtung sei eindeutig.

Zugleich warb er für einen pragmatischen Zugang. Bestehende Anlagen müssten nicht radikal ersetzt werden; vielmehr gehe es darum, sich dem Thema schrittweise zu nähern, erste Erfahrungen in weniger kritischen Bereichen zu sammeln und softwarebasierte Ansätze vor allem bei neuen Projekten stärker mitzudenken. Der Vorteil liege in höherer Flexibilität und geringerer Abhängigkeit von einzelnen Hardwarelieferanten. In Zeiten geopolitischer Unsicherheiten, fragiler Lieferketten und wachsender Anforderungen an Resilienz werde genau das zu einem strategischen Faktor.

Für den Wirtschaftsstandort Österreich sieht Wolf in der Automatisierungssoftware einen wesentlichen Hebel zur Sicherung der Wettbewerbsfähigkeit. Steigende Energiepreise, Investitionszurückhaltung und der Fachkräftemangel ließen sich nur mit technologischer Unterstützung abfedern. COPA-DATA versteht sich dabei als Enabler, der Effizienzsteigerungen, Kostensenkungen und eine ganzheitlichere Sicht auf industrielle Standorte ermöglicht. Wolf betonte, dass die Technologie nicht nur einzelne Produktionsprozesse, sondern auch Gebäudeautomatisierung, Energieerzeugung und -speicherung sowie weitere betriebliche Infrastrukturen integrieren könne. Gerade diese holistische Perspektive helfe, Datensilos aufzubrechen und Synergien zu schaffen, die in vielen Unternehmen bislang ungenutzt bleiben.

Ein weiterer Schwerpunkt des Gesprächs war die Rolle von Künstlicher Intelligenz. Wolf machte deutlich, dass COPA-DATA KI auf mehreren Ebenen adressiert. Zum einen liefert die zenon-Plattform die hochqualitativen Daten, die für KI-Anwendungen überhaupt benötigt werden. Zum anderen entwickelt das Unternehmen Schnittstellen zu KI-Engines und schafft Möglichkeiten, KI direkt in die eigene Umgebung zu integrieren, etwa über Python-Skripte in zenon Logic. Hinzu kommen KI-gestützte Hilfestellungen im Engineering sowie Forschungsprojekte, in denen untersucht wird, wie KI oder Agentensysteme künftig selbst Automatisierungsprojekte aufsetzen könnten. Für Wolf ist klar, dass an KI in den kommenden Jahren kein Weg vorbeiführen wird, wenn Unternehmen wettbewerbsfähig bleiben wollen.

Beim Thema Fachkräfte setzt COPA-DATA auf langfristige Partnerschaften mit Schulen und Hochschulen. Wolf verwies etwa auf die enge Zusammenarbeit mit der FH Salzburg, die bereits seit mehr als 20 Jahren besteht. Labore würden mit der Technologie des Unternehmens ausgestattet, Studierende kämen früh mit entsprechenden Systemen in Berührung. Grundsätzlich gelte aber auch für COPA-DATA, dass qualifizierte Fachkräfte nicht einfach zu finden seien. Wolf plädierte deshalb für einen Fokus auf Haltung und Lernbereitschaft: Wichtiger als starre Skill-Profile sei in einem Softwareunternehmen das richtige Mindset, Offenheit für Veränderung und Innovationsbereitschaft.

Für die kommenden Jahre erwartet Wolf tiefgreifende Veränderungen in Industrie und Energie. Künstliche Intelligenz, Agentic AI, digitale Souveränität, offene Architekturen und modulare Produktion auf Basis von Standards wie dem Module Type Package werden seiner Einschätzung nach zentrale Themen bleiben. Gerade in Life Sciences und Pharma könne softwaregestützte Prozesssteuerung die Time-to-Market massiv reduzieren – im Gespräch war von bis zu 50% die Rede. Gleichzeitig wachse bei Industrieunternehmen und Energieversorgern der Wunsch, aus dem Lock-in mit einzelnen Lieferanten auszubrechen und auf offene, unabhängige Systeme zu setzen.

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