retail.conversations: Handelsverband skizziert Wachstumsagenda: Fünf Reformhebel für den Standort

In der aktuellen Ausgabe des medianet TV-Formats „retail conversations“ trifft medianet-Herausgeber Oliver Jonke auf Rainer Will, Geschäftsführer des Handelsverbands Österreich. Im Mittelpunkt des Studiogesprächs steht ein Befund, der sich durch die gesamte Diskussion zieht: Österreich habe wirtschaftlich „sechs verlorene Jahre“ hinter sich, die reale Wertschöpfung pro Kopf liege 2025 – laut WIFO – weiterhin mehr als drei Prozent unter dem Niveau von 2019.
Will leitet daraus eine klare Priorität ab: Ohne Wirtschaftswachstum sei der Wohlfahrtsstaat langfristig nicht finanzierbar – gleichzeitig müsse die Budgetkonsolidierung gelingen. Der Handelsverband positioniert sich dabei ausdrücklich nicht mit Einzelmaßnahmen, sondern mit einem Fünf-Punkte-Programm, das aus Sicht der Branche Wachstumsbremsen lösen soll.

Handel: leichtes Umsatzplus – aber Rekorddruck durch Kosten und Insolvenzen
Dass die Lage im Handel trotz eines kleinen Lichtblicks angespannt bleibt, untermauert Rainer Will mit Zahlen: Für den Einzelhandel prognostiziert der Verband – unter Verweis auf WIFO – einen Jahresumsatz 2025 von 79,8 Mrd. Euro; inflationsbereinigt entspreche das einem realen Plus von 1,0% gegenüber 2024.
Dem gegenüber stehen laut Handelsverband ein massiver Kostendruck (Mieten, Personal, Energie, Logistik) und eine weiterhin hohe Pleitenzahl: 2025 habe der Handel – auf Basis einer KSV1870-Hochrechnung – 1.208 Firmenpleiten verzeichnet, umgerechnet rund 23 Insolvenzen pro Woche. Parallel ortet Will strukturelle Standortprobleme, die sich auch in internationalen Rankings spiegeln: Im IMD-Wettbewerbsfähigkeitsranking liegt Österreich 2025 auf Platz 26.

Die fünf Wachstums-Forderungen des Handelsverbands

1) „Amtsschimmel ade“: Bürokratie halbieren bis 2035
Als erste Stellschraube nennt Will die Reduktion der Bürokratiebelastung – mit einem klaren Zielhorizont: Halbierung bis 2035. Der Handelsverband argumentiert, dass der „Regulierungs-Overkill“ besonders KMU und beschäftigungsintensive Betriebe bindet und Investitionen hemmt. Als konkrete Stoßrichtung werden Deregulierungspakete und Prinzipien wie „1-in-2-out“ (für jedes neue Gesetz zwei alte streichen) genannt.

2) Inflationsbekämpfung an der Wurzel: Kreuzbeteiligungen im Energiesektor auflösen
Inflation sei für den Handel nicht nur Konsumthema, sondern Kostenmotor entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Will verweist auf Analysen, wonach eingeschränkter Wettbewerb im Energiesektor – u.a. durch Kreuzbeteiligungen – Preisdruck verstetigt. Der Handelsverband fordert daher die Auflösung solcher Verflechtungen, um Wettbewerb zu erhöhen und Energie als „unsichtbare Steuer“ auf Konsum und Betriebe zu senken.

3) „Leistung muss sich lohnen“: Arbeitsanreize statt Abgabenkaisertum
Der dritte Punkt zielt auf Arbeitsmarkt und Abgabenquote: Will spricht von einem Steuersystem, das Mehrarbeit zu wenig belohnt und Teilzeitstrukturen begünstigt. Gefordert werden eine Abflachung der Steuerprogression sowie eine stufenweise Senkung der Lohnnebenkosten – beides mit dem Ziel, Beschäftigung auszuweiten und Unternehmen wieder mehr finanziellen Spielraum für Qualifizierung und Innovation zu geben.

4) „Fair Play“ im E-Commerce: Plattform-Haftung und Vollzug
Den größten Handlungsdruck sieht Will bei Wettbewerbsasymmetrien im Onlinehandel: Plattformen aus Drittstaaten würden – so die Kritik – von Vollzugsdefiziten, Zollfreigrenzen und Falschdeklarationen profitieren, während heimische Händler regulatorisch immer stärker gebunden seien. Der Handelsverband fordert eine Plattform-Haftung für korrekte Waren- und Steuerdeklaration, flankiert von härterem Vollzug bis hin zu temporären Sperren bei wiederholten Verstößen.

5) KI nutzen – aber Kapital mobilisieren: „EU-Kapitalmarkt vervierfachen“
Beim fünften Punkt verknüpft Will Technologie- und Kapitalmarktpolitik. KI – insbesondere generative Systeme – werde als Produktivitätshebel gesehen, der gerade in Handel, Logistik und Customer Experience Wirkung entfalten könne. Voraussetzung sei jedoch, dass Europa mehr Wachstumskapital mobilisiert: Der europäische Kapitalmarkt sei aktuell etwa viermal kleiner als jener der USA; langfristig müsse Europa hier „gleichziehen“.

„Nur echte Erleichterungen erzeugen Wachstum“
Im Gespräch mit Jonke wird die Agenda als wirtschaftspolitisches Gesamtpaket gerahmt: Entlastung, mehr Wettbewerb (insbesondere bei Energie), stärkere Arbeitsanreize, fairer Vollzug im grenzüberschreitenden E-Commerce – und ein europäischer Schulterschluss bei Technologie- und Kapitalmarktfragen. Rainer Will betont dabei, dass „nur echte Erleichterungen“ Wachstum auslösen könnten – und sieht zugleich eine „große Chance“, wenn Europa als geeinter Player auftritt.

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