Value #45 Der Finanztalk: FMA Vorstand Helmut Ettl: “Wir haben gemeinsam in den Abgrund geblickt.”

Nach 18 Jahren im Vorstand der FMA – Österreichische Finanzmarktaufsicht, wechselt Helmut Ettl im November 2026 zum Internationalen Währungsfonds IWF nach Washington. Im Koproduktionsformat „Value – Der Finanz Talk“ sprach er mit Fachgruppenobmann Eric Samuiloff, der FG Finanzdienstleister der WK Wien über Krisenerfahrung, Finanzmarktstabilität, Geldwäscheprävention und neue digitale Anbieter.

Seit Februar 2008 steht Helmut Ettl im Vorstand der Österreichischen Finanzmarktaufsicht FMA. Seine Amtszeit fiel in eine Phase massiver Umbrüche: globale Finanzkrise, Hypo Alpe Adria, Fremdwährungskredite, Covid-Pandemie, Ukraine-Krieg, Inflation sowie der Aufstieg von Neobrokern und Krypto-Assets. Im November 2026 übernimmt Ettl nun als Executive Director im Board des Internationalen Währungsfonds IWF in Washington eine neue internationale Aufgabe.

Sein zentrales Learning aus 18 Jahren Aufsichtstätigkeit formulierte er knapp: „Es kann alles passieren.“ Besonders prägend sei der Herbst 2008 gewesen. Kurz nach seinem Amtsantritt wurde Lehman Brothers geschlossen. „Nach Lehman haben wir damals alle in den Abgrund gesehen“, erinnerte sich Ettl. Es sei kein langsames Hineinwachsen in den Job gewesen, sondern ein Start „von null auf hundert“.

Mit Blick auf die Finanzdienstleister sprach Ettl von einem Markt, der sich über die Jahre stark professionalisiert habe. Nach turbulenten Anfangsjahren habe sich inzwischen ein redlicher und stabiler Bereich entwickelt. Gleichzeitig stehe die Branche vor neuen Herausforderungen. Österreich bleibe ein konservativer Finanzmarkt: Rund 300 Milliarden Euro lägen auf Bank- und Sparkonten, während nur ein kleinerer Teil in Wertpapieren veranlagt sei. Digitale Anbieter wie Neobroker erreichten hingegen mit niedrigen Einstiegssummen erfolgreich ein junges Publikum. Darauf müssten klassische Finanzdienstleister reagieren.
Auch der Krypto-Bereich habe für den Standort Wien an Bedeutung gewonnen. Laut Ettl gibt es derzeit neun konzessionierte Krypto-Asset-Service-Provider in Österreich. Diese betreuen rund 6,7 Millionen Kunden, verwahren 4,4 Milliarden Euro an Krypto-Assets und kommen auf rund sieben Milliarden Euro Handelsumsatz. Wien profitiere dabei von einem gewachsenen Ökosystem rund um Anbieter wie Bitpanda, spezialisierte Berater, Rechtsanwälte, IT-Experten und Forschungseinrichtungen.

Ein weiterer Schwerpunkt des Gesprächs war die Geldwäscheprävention. Der österreichische Finanzbereich habe im aktuellen Geldwäschebericht das beste Ergebnis seiner Geschichte erzielt – laut Ettl sogar die beste Benotung in Europa. Das sei das Ergebnis jahrelanger konsequenter Aufsicht. Die FMA habe eine Null-Toleranz-Politik verfolgt und bei schweren Verstößen auch Banken geschlossen. Dennoch dürfe man sich nicht ausruhen. Gerade Vermögensberater könnten durch ihre Nähe zum Kunden einen wichtigen Beitrag leisten, um verdächtige Geldflüsse früh zu erkennen.
Auch die geografische Nähe Österreichs zu Mittel- und Osteuropa sowie zu GUS-Staaten bleibe ein Risikofaktor. Im Krypto-Bereich werde Geldwäscheprävention zusätzlich an Bedeutung gewinnen, da digitale Assets auch für kriminelle Zahlungsströme missbraucht werden können.

Mit seinem Wechsel zum IWF rückt Ettl künftig stärker auf die globale Ebene. Der Währungsfonds habe in einer weltpolitisch konfliktreichen Situation deutlich an Bedeutung gewonnen. Er sei eine zentrale Plattform, auf der wirtschaftliche Krisen und internationale Spannungen verhandelt würden. Zudem könne der IWF in Krisensituationen enorme Mittel mobilisieren. Länder ohne IWF-Programm würden häufig auch vom privaten Kapitalmarkt abgeschnitten.

Zum Abschluss betonte Ettl die Bedeutung der Unabhängigkeit der FMA. Diese sei verfassungsgesetzlich abgesichert und für die Stabilität des Finanzsektors notwendig. Aufsicht müsse auf Analyse, Expertise und eigener Überzeugung beruhen – nicht auf politischem oder wirtschaftlichem Zuruf. Besonders würdigte Ettl die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der FMA, deren Fachwissen und Engagement die Arbeit der Behörde wesentlich prägten.

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