•• Von Alexander Haide
Die Nächtigungszahlen der Statistik Austria für April senden ein deutliches Signal: Bis auf Kärnten, das sich über einen minimalen Zuwachs von 0,1% freuen darf, gingen die Nächtigungen im Rest Österreichs im Vergleich zum Vorjahr zurück. Allen voran verzeichnete Salzburg ein Minus von 12,8%, gefolgt von Tirol (–9,7%) und dem Burgenland (–6%). Multiple Krisen, vom Nahost-Konflikt über immer weiter steigende Energiekosten, die hohe Inflation und eine generelle Unsicherheit trüben die Reiselust. Der Präsident der Österreichischen Hotelvereinigung, Walter Veit, analysiert im Interview mit medianet die aktuelle Situation.
medianet: Wie zufrieden waren Sie mit der Wintersaison? Gab es merkbare Rückgänge durch höhere Preise und den Konflikt in Nahost?
Walter Veit: Wer nur auf die Auslastung schielt, sieht die Saison zweigeteilt. Der freut sich vom Start weg bis in den Februar hinein. Ab März sind die Nächtigungen, und das entwickelt sich mittlerweile schon fast zu einem Klassiker, stark zurückgegangen. Da sollten sich bald alle Akteure an einen Tisch setzen, um das Ruder herumzureißen. Denn der Winter ist mit seinen hohen Gästeausgaben nicht nur dann die wirtschaftlich wichtigste Saison, wenn es gut läuft. Denn bleiben Gäste aus, fehlt umso mehr Umsatz. Und das passiert jetzt praktisch schon seit Jahren immer im März.
Dann gibt es aber auch noch den zweiten Blickwinkel, und der ist der entscheidende: der betriebs- und volkswirtschaftliche. Die Preise sind gestiegen, die Kosten aber noch stärker. Das geht nicht lange gut. Da hinzusehen und aktiv zu werden ist noch viel wichtiger, weil sich das das ganze Jahr über auf die Betriebe auswirkt.
medianet: Hat die Auslastung während des Song Contests enttäuscht?
Veit: Ehrlich gesagt nein. Wir haben das ganz klar so kommen gesehen, und zwar auch für die Tage und Wochen davor und danach. Der Song Contest ist wie ein Magnet. Die einen zieht er stark an, die anderen stößt er ab. Angezogen hat er viele junge Menschen, die Campingplätze waren ausgebucht, in der Top-Hotellerie, wo Businessgäste absteigen, war viel frei. Dennoch ist er als Fenster zur Welt, ist seine Werbewirkung ein absolutes Highlight. Da liegt der Bonus für die Stadt und das Land. Österreich ist durch und durch Tourismus- und Kulturland.
medianet: Wie wird das Sommergeschäft, auch angesichts der geopolitischen Situation und der Konflikte?
Veit: Es wird einerseits stark darauf ankommen, wie der Konflikt in Nahost sich weiterentwickelt. Da hoffen wir natürlich auf ein rasches Ende, und zwar auch unabhängig von den wirtschaftlichen Auswirkungen. Es ist ja schrecklich, was da passiert. Andererseits wird es in den Regionen auch stark davon abhängen, wie stark sie von Gästegruppen abhängig sind, die aus und über die Hubs in Vorderasien kommen, und wie gut und schnell sie darauf reagieren im Marketing. Ich bin überzeugt, dass Zell am See heuer viele Menschen aus der Region ansprechen kann und wird, die schon immer dort Urlaub machen wollten, bisher aber Abstand davon genommen haben.
medianet: Sie üben massive Kritik an Fake-Bewertungen im Internet. Was sind solche Bewertungen überhaupt noch wert und wie können Sie dagegen vorgehen?
Veit: Sie sind wahnsinnig viel wert, im wahrsten Sinn des Wortes! Weil niemand mehr durchschauen kann, welche Bewertung echt ist und welche nicht. Die große Frage ist ja, ob die KI da die Spielregeln ändert, weil falsche Bewertungen erkannt werden. Aber bis die nächste Generation der Online-Bewertungen kommt, brauchen wir eine Lösung, die allen Seiten hilft.
Das italienische Modell sieht da sehr vielversprechend aus. Das sollte rasch auch bei uns umgesetzt werden. Bis dahin muss aber jedes Unternehmen so gut aufgestellt sein, dass es Fake-Bewertungen nicht wehrlos ausgeliefert ist. Ich empfehle dringend, da up to date zu sein. Es gibt da hervorragende Seminare, etwa vom ÖHV-Campus. Die sind absolut auf den Bedarf in der Hotellerie ausgerichtet.
medianet: Trotz guter Auslastung klagen Hotels über eine Kostenexplosion. Wie sehen Ihre Lösungsvorschläge aus? Alle Kosten an den Gast weitergeben?
Veit: Das eine hat ja mit dem anderen wenig zu tun. Wenn die Kosten höher sind als die Preise am Markt hergeben, kann das Hotel noch so voll sein: Es kann nicht wirtschaftlich arbeiten. Und da liegt auch das Problem bei der Weitergabe der Kosten an den Gast. Das gibt der Markt aktuell nicht her, wir würden uns international aus dem Markt preisen und das ist bei drei Viertel internationalen Gästen genauso schlecht wie bei dem Viertel, das aus Österreich kommt und dann vielleicht auf Alternativen ausweicht. Es wird darum gehen, die Kosten zu senken und die Prozesse effizienter zu gestalten, also die Auslastung zu erhöhen, ohne den Aufwand im selben Ausmaß zu steigern. Da muss man an vielen Rädern drehen. Hilfreich wäre auch, dass die Politik Steuern zurückschraubt. Wenn ich mir den Finanzminister ansehe und anhöre, kommen mir da die Zweifel. Das ist noch freundlich ausgedrückt.
medianet: Die KV-Verhandlungen stocken, und Sie haben bereits signalisiert, dass ein Plus von sechs Prozent nicht machbar ist. Wie sehen Ihre Vorschläge aus und sind Sie im schlimmsten Fall für Streiks in der Hauptsaison gewappnet?
Veit: Das Plus von sechs Prozent war allein auf die sehr realitätsfremde Forderung nach einer bezahlten Mittagspause bezogen. Ich hoffe, das ist vom Tisch. Und was die Streiks angeht: Die gab es noch nie im Tourismus. Ich würde das anders einordnen. Dass der KV rückwirkend in Kraft treten musste, weil die Einigung zu spät kam, war über Jahre hinweg praktisch Branchenstandard – solange die Gewerkschaft die Saisonnierkontingente blockieren konnte. Jetzt sind wir über einen anderen Weg wieder dort angelangt. Das ist unerfreulich und aufwendig. Ich hoffe auf ein gutes und rasches Ergebnis.
medianet: Um Energiekosten zu senken, steht die Idee von Energiegemeinschaften und der eigenen Energieproduktion für Hotels im Raum. Ist das eine realistische, kurzfristige Lösung für die Kostensteigerungen?
Veit: Das ist von Hotel zu Hotel und von Region zu Region unterschiedlich und kommt auch stark darauf an, wie eine Energiegemeinschaft arbeitet. Unter idealen Rahmenbedingungen funktioniert das hervorragend, anderswo gar nicht. Aber davon darf doch nicht abhängen, ob ein Hotel wirtschaftlich arbeiten kann. Hier muss die Politik ordnend eingreifen, aber anders als bisher. Energie ist in Österreich zu teuer. Das ist nicht nur für den Standort und die Wirtschaft wichtig, sondern auch für das Vertrauen in die Politik. Das muss man größer sehen und endlich handeln.