•• Von Alexander Haide
Hitzewellen im Sommer, wenig Schnee im Winter – die unübersehbaren Folgen der Klimakrise setzen den heimischen Tourismus allerorts unter Druck, egal ob im Flachland, an den Seen oder in den Bergen. Gleichzeitig verringern die stetig steigenden Kosten, von der Energie bis zu den Löhnen, die Gewinne der Betriebe. Österreichs Tourismus steht vor einem Umbruch, ist Oliver Fritz, seit dem Jahr 2015 beim Wifo für Tourismusökonomie zuständig, überzeugt.
medianet: Würden Sie den heimischen Tourismus angesichts der Polykrisen zu den Gewinnern oder Verlierern zählen?
Oliver Fritz: Wenn man sich die Zahlen des ersten Halbjahres und der Sommervorsaison im Mai und Juni ansieht, wie die Anzahl der Gäste und deren Nächtigungen, dann steht der österreichische Tourismus auf den ersten Blick eher auf der Gewinnerseite.
medianet: Wie weit werden Wetterextreme wie die Hitzewellen den Tourismus schädigen?
Fritz: Kurzfristig ändert sich vermutlich wenig. Was wir beobachten ist, dass die Klimawandeladaption der Gäste langsam vonstatten geht. Wir sehen die hohen Temperaturen etwa auf Sizilien und Griechenland, es gibt Waldbrände und trotzdem reisen die Gäste nach wie vor im Juli und August in genau diese Regionen. Es gibt aber einen langsamen Trend zu mehr Urlaub in nördlichen Regionen. Der Gast scheint ein sehr träges Wesen zu sein. Er muss diese neuen Entwicklungen über einige Jahre beobachten. Erst dann stellt sich das Urlaubsverhalten um und gewohnte Destinationen werden nur langsam aufgegeben. Wenn man mehrere Jahre hindurch schlechte Erfahrungen gemacht hat, wird sich das Verhalten langsam, aber sicher verändern. Viele Kollegen erwarten im Juli und August eine Veränderung der Reiseströme Richtung Nordeuropa und in die Alpen. Das passiert bereits und die Zahlen für Skandinavien zeigen ein gutes Wachstum. Aber es zahlt sich vermutlich jetzt aus, im Mai, im September oder Oktober nach Sizilien zu reisen. Es müssen sich auch diese Destinationen umstellen und die Saisonen verlagern.
medianet: Wird Österreich aufgrund der Hitzewellen zu den Verlierern zählen, wenn etwa arabische Gäste keine Abkühlung mehr vorfinden?
Fritz: Das muss man regional differenziert betrachten. Die Chancen für Österreich liegen in der Sommerhauptsaison in höhergelegenen, alpinen Regionen. Andere Regionen werden in der Zeit Gäste verlieren. Es wird sich jeder überlegen, bei 40 Grad einen Städteurlaub in Wien zu verbringen und nur von einem klimatisierten Museum zum anderen zu gehen. Wien wird im Juli und August, wie früher süditalienische Städte, zusperren. Dafür werden sich neue Chancen etwa im Jänner und Februar ergeben, Monate, die historisch eher schwach waren.
medianet: Werden die Gästezahlen gleich bleiben oder sich sogar noch erhöhen?
Fritz: Betrachtet man den Klimawandel mit höheren Temperaturen, Trockenheit und weniger Schnee im Winter isoliert, dann wird sich das bei einer Destination wie Wien ausgleichen. Die Saison wird sich in die Wintermonate von November bis Februar verschieben. Ich glaube nicht, dass Wien zu den Netto-Verlierern zählen wird, denn der Städtetourismus hat in den vergangenen Jahrzehnten unglaublich gewonnen.
Aber man wird in Wien – wie in allen anderen populären Städtedestination – darauf schauen müssen, wie viel Tourismus die Stadt verträgt. Durch die bis zu zweistelligen Wachstumsraten in den vergangenen Jahren gelangt auch eine Stadt wie Wien irgendwann an ihre Grenzen. Es wäre wichtig, nicht darauf zu warten, bis dieser Punkt erreicht ist, sondern schon jetzt, gemeinsam mit der Bevölkerung, zu überlegen, wann man auf die Bremse drücken muss.
In einem längeren Zeitraum kann man die Klimakrise nicht isoliert betrachten. Daran hängen auch die Wirtschaft, etwa die Produktion von Nahrungsmitteln, oder gesellschaftliche Entwicklungen, wie klimainduzierte Migrationsbewegungen. Die drohenden gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Verwerfungen durch die Klimakrise werden Auswirkungen auf das System Tourismus haben. Wenn dadurch der Wohlstand verringert wird, bleibt auch weniger Geld für Reisen. Das sollte man im Hinterkopf behalten.
medianet: All das zeichnet ein düsteres Bild der Zukunft …
Fritz: Der Tourismus hat sich als sehr resiliente Branche gezeigt. Nach der Pandemie ist die Nachfrage schnell wieder angestiegen. Das Reisen ist zu einem sehr wichtigen Bedürfnis geworden und die Menschen verzichten auch in Krisenzeiten sehr ungern darauf. Der Tourismus scheint, zumindest was die Nachfrage und die Anzahl der Reisenden betrifft, auf Krisen kaum zu reagieren. Wir konnten gleichzeitig beobachten, dass in wirtschaftlichen Krisenzeiten das Kostenbewusstsein steigt.
Unser eigentliches Ziel ist aber nicht, die Zahl der Gäste, sondern die Einnahmen und damit die Wertschöpfung zu steigern. Wenn es zwar mehr Gäste gibt, aber weniger für das wirtschaftliche System übrig bleibt, haben wir wirklich ein Problem. Eine höhere Anzahl von Gästen bringt eine höhere Belastung der Natur, der Bevölkerung und einen steigenden Bedarf an Mitarbeitern, aber wir profitieren wirtschaftlich weniger. Diese Schere hat sich in den vergangenen Jahren geöffnet.
medianet: Die wirtschaftliche Situation der Tourismusunternehmen ist unbefriedigend?
Fritz: Es gehen vor allem die Gewinne als Teil der Wertschöpfung zurück und wir suchen händeringend nach Rezepten, das zu stoppen und diese Schere wieder zu schließen.
medianet: Gibt es Rezepte?
Fritz: Man sucht nach dem wertschöpfungsintensiven, dem ausgabefreudigen Gast. Das sind zum Beispiel Gäste aus Fernmärkten wie Japan, China und den USA, die gleichzeitig aber unsere Klimabilanz verschlechtern. Man muss versuchen, eine breitere Basis an zahlungskräftigen Gästen anzulocken. Dazu zählen auch Geschäftsreisende und Kongresstouristen, die doppelt so viel Geld ausgeben wie ein Urlaubsgast.
medianet: Sind die Winterdestinationen für den Klimawandel mit Alternativen zum Wintersport gut aufgestellt?
Fritz: Mit künstlicher Beschneiung können die Auswirkungen der Klimakrise nur kurzfristig gedämpft werden. Da ist Österreich mit einer hohen Beschneiungsrate ganz gut aufgestellt. Mittel- und langfristig wird es aber auch mit der Beschneiung eng, die Temperaturen werden zu hoch sein, es mangelt auch an Wasser. Natürlich gibt es Alternativen zum schneegebundenen Tourismus, wie Wellness, Winterwandern oder Mountainbiken. Die Frage ist, ob das die traditionellen Wintersportgäste nach Österreich bringt. Da habe ich meine Zweifel. Das Volumen an Menschen, die nach Österreich kommen, um Wintersport zu betreiben, ist nicht zu halten.
medianet: Sollte man sich bereits auf ein Schrumpfen des Tourismus vorbereiten?
Fritz: Beim klassischen Wintersporttourismus müssen wir uns darauf vorbereiten. Hoch gelegenen Orten wird das erspart bleiben, aber dort werden die Preise steigen und Schifahren wird eher zum Luxus. Dieser Trend ist mittelfristig absehbar. Andere Destinationen werden sich darauf einstellen müssen, dass sie im Winter weniger Gäste haben und überlegen, wie sie das in den anderen Monaten kompensieren können. Die Herausforderungen sind riesig und über die Folgen sollte man jetzt bereits nachdenken, denn langfristig werden im Winter weniger Touristen nach Österreich kommen. Und die heimischen Gäste werden das nicht kompensieren können, dafür ist die Bevölkerung zu klein.