WIEN. Clemens Pig will am 11. Juni zum ORF-Generaldirektor gewählt werden. medianet bat ihn vorab zum Interview und fragte nach, wie er den ORF in die Zukunft führen will.
medianet: Herr Pig, Sie wurden lange Zeit als Topkandidat für den Posten des ORF-Generaldirektors gehandelt – mit sehr guten Chancen auch gewählt zu werden. Dann kam die öffentliche Umarmung durch die ÖVP. Haben Sie danach kurz überlegt, doch nicht zu kandidieren?
Clemens Pig: Ich habe einen Entschluss für diese Bewerbung gefasst und lasse mich von rundherum nicht negativ beeindrucken. Beeindruckend allerdings ist, in welcher Geschwindigkeit ich politisch vereinnahmt wurde. Ich glaube mittlerweile, dass das ein gezielter Akt war, um meine Bewerbung und eine allfällige Bestellung tatsächlich zu verhindern. Ich hatte nie eine Zusage von irgendeiner Partei – weder Regierung noch Opposition – auch von keinen Stiftungsräten. Ich habe auch bis zum heutigen Tag niemanden in dieser Republik ersucht, mich zu wählen oder für mich zu lobbyieren. Ich bin kein Parteikandidat und war mein ganzes Leben lang nie Mitglied irgendwo – weder im CV noch bei einer schlagenden Burschenschaft oder den Freimaurern. Diese gezielt gestreuten Gerüchte kann ich mit der Kraft meiner eigenen Glaubwürdigkeit und Marke dementieren. Ich bin froh, dies nun tun zu können, nachdem meine Bewerbung offiziell ist.
medianet: Trotzdem noch einmal persönlich zu Ihnen: Sie haben gesagt, Sie haben keinen Plan B und Sie werden ja die APA auf jeden Fall verlassen. Für österreichische Verhältnisse ein eher ungewöhnlicher und klarer Cut.
Pig: Das hat zwei Gründe. Der erste Grund ist, dass es sich mit meinem Selbstverständnis, wie man Spitzenfunktionen lebt, nicht ausgeht, parallel auf zwei Hochzeiten zu tanzen. Andererseits ist es eine klare arbeitsrechtliche Angelegenheit. Ich habe in der APA einen klassischen CEO-Zeitvertrag, der nur einvernehmlich aufkündbar ist. Würde ich am 11. Juni bestellt, müsste ich als designierter Generaldirektor des ORF in der APA meine Funktion zurücklegen. Und alle Arbeitsjuristen werden Ihnen so eine Situation bestätigen: mein Dienstverhältnis mit der APA ist damit im Vorfeld des 11. Juni aufzulösen, um keine Treue- und Sorgfaltspflichten gegenüber meinem derzeitigen Arbeitgeber zu verletzen.
medianet: Apropos designiert: Unabhängig davon, wer am 11. Juni gewählt wird: Ab diesem Tag gibt es für ein halbes Jahr einen zweiten Generaldirektor, der noch nicht in Funktion ist, während die aktuelle Direktorin noch bis Jahresende im Amt ist. Wie stellt man sich diese Konstellation vor?
Pig: Diese Situation gab es bei ORF-Wahlen immer. Der Zeitraum ist dieses Mal nur etwas länger. Die hohe Kunst liegt darin, dass die bestehende Generaldirektorin – die ja nicht mehr antritt – und die designierte neue Führung in einer guten, vertrauensvollen Kooperation zusammenarbeiten. Ich bin sehr zuversichtlich, dass das auch dieses Mal gelingen wird.
medianet: Bei der Bestellung des neuen Generaldirektors wird in der Öffentlichkeit mehr darüber geredet, welche Parteien Unterstützung leisten, als über Qualifikationen. Bei Ihnen war immer die Kritik, Sie hätten keine TV-Erfahrung. Geht die Diskussion nicht am Kern vorbei, wenn man mit dieser notwendigen Qualifikation quasi nur klassisches TV assoziiert?
Pig: Der ORF ist wesentlich mehr als Fernsehen. Er ist auch Radio und insbesondere mit orf.at das stärkste Newsangebot des Landes. Und würde man das aus dieser Nutzung betrachten, dann hätte ich mit Abstand die höchste Qualifikation, wenn es darum geht, Newsseiten-Kompetenz herzustellen. Darum geht es aber gar nicht. Auch was Fernsehen an sich betrifft, bringe ich beim Zukunftsthema digitale Bewegtbildkommunikation eine zehnjährige Erfahrung mit. Ich habe in der APA die gesamte Video- und Livevideo-Schiene – von Produktion und Teamdisposition bis zur Distribution – aufgebaut. Zudem habe ich mit der Austria Videoplattform eine Lösung für den gesamten österreichischen Bewegtbildmarkt inklusive Vermarktungslösung auf die Beine gestellt und besitze eine hochgradige technologische Kompetenz, weil wir ganz intensiv die gesamte Technik rund um die Themen Streaming, Load Balancing und Geoprotection für den ORF durchführen.
Und nochmal zum Kernthema zurück: Es ist ja kein Channelmanager für ORF 1 oder der Chef von orf.at ausgeschrieben, sondern die Generaldirektorin bzw. der Generaldirektor des ORF. Die hier notwendige Qualifikation geht weit über die handwerklichen Fähigkeiten eines TV-Managers hinaus; Kompetenzen in wirtschaftlicher Führung und digitaler Transformation bilden lediglich die Basis. Die zentralen Dinge für mich sind: Man muss erstens ein glaubwürdiger Botschafter des öffentlich-rechtlichen Prinzips sein, zweitens ein verlässlicher Partner des gesamten gemeinsamen Medienstandorts und drittens muss man mit der eigenen Person redaktionelle Unabhängigkeit und Public Value personifizieren. Dieses Rüstzeug bringe ich im höchsten Maße mit.
medianet: Sie betonen, dass der ORF in seiner jetzigen Situation für einen Neustart jemand von außen braucht, und sehen sich hier als den richtigen Kandidaten. Es ist aber auch so, dass die APA als Genossenschaft zu einem beträchtlichen Teil dem ORF gehört. Wie viel Blick von außen ist da als CEO der APA noch möglich?
Pig: Ich bringe die ideale Mischung als unabhängiger Externer mit viel Wissen über die Strukturen und Prozesse des ORF mit, ohne selbst Teil davon zu sein.
medianet: Können Sie ein bisschen konkreter werden, was die Kooperation angeht? Da gibt es viele Ideen seitens der Privaten, wie das Teilen von Inhalten oder gemeinsame Streamingplattformen. Haben Sie da Ideen?
Pig: Jeder, der professionell Kooperationen betreibt, weiß: Kooperationen scheitern nicht an der technischen Machbarkeit, sondern in erster Linie an der gemeinsamen Willensbildung. Es braucht zum ersten Mal einen vollumfänglichen Ordnungsrahmen, wo ganz klar abgesteckt ist, zu welchen Rahmenbedingungen Kooperation hergestellt werden kann. Ich begreife den ORF auf Basis dieses Ordnungsrahmens als Schweizer Messer des österreichischen Medienstandorts.
medianet: Etwas konkreter …
Pig: Es beginnt bei der Infrastruktur und geht weiter über die Inhaltsseite – also ein kluges Teilen von Content, der mit der Haushaltsabgabe erstellt wurde, auf Basis eines fairen Ordnungsrahmens, der Wettbewerb zulässt. Der dritte Punkt ist die Vermarktung, der vierte eine gemeinsam neu gedachte Streamingplattform und ein weiteres Thema ist das Sportrechte-Management. Man sollte diesen Ordnungsrahmen im Herbst festlegen, damit das kein unkontrollierter Prozess wird, sondern man ein Thema nach dem anderen strukturiert vom Eis holen kann.
medianet: Mit Inhaltsseite meinen Sie die ‚blaue Seite‘ orf.at ?
Pig: Mit der Inhaltsseite meine ich ganz grundsätzlich öffentlich-rechtlich erstellte Inhalte, Archive und all diese Dinge. orf.at ist natürlich der neuralgische Punkt, da sich Verleger an deren Aufbau stoßen; der zweite Punkt ist der Social-Media-Auftritt des ORF. Bei orf.at sehe ich schon länger die Notwendigkeit, dass die Seite deutlich multimedialer werden muss. orf.at kann in einer digitalen Welt, die Sichtbarkeit zerstört, wieder ein neuer Traffic-Bringer sein.
medianet: Die blaue Seite soll also weniger zeitungsähnlich aufgebaut sein …
Pig: … so habe ich es nicht formuliert. Ich habe gesagt: Der ORF muss multimedialer werden.
medianet: Sie haben auch das Thema Vermarktung angesprochen. Verstehen Sie darunter im Rahmen von Kooperationen auch eine Zusammenarbeit mit den Privaten und welche Rolle soll hier der ORF einnehmen?
Pig: Der ORF hat an dieser Stelle eine zentrale Stärke: Er hat die Marktdominanz, um hohe Preise durchzusetzen.
medianet: Kommen wir zu den wirtschaftlichen Herausforderungen, vor denen der ORF steht. Er muss, wie es aussieht, zusätzlich zum bereits laufenden Sparpaket weitere 80 Millionen Euro einsparen. Wo sehen Sie hier noch Potenzial?
Pig: In meiner Zukunftsstrategie sehe ich insbesondere die Notwendigkeit, austauschbares, verwechselbares Programm – das man auch auf anderen Streamingplattformen findet – eher herunterzufahren und dafür originäres Programm als Gegenwert und Legitimation für die Haushaltsabgabe nach oben zu fahren. Der zentrale Einsparungspunkt ist aber nicht, unmittelbar in die Programmressourcen hineinzugreifen. Das wäre falsch. Vielmehr muss man in die Strukturen und Prozesse des Unternehmens gehen.
medianet: Wo genau?
Pig: Hier sehe ich – beginnend bei der Aufbauorganisation des ORF – die Frage, wie sich der ORF als gesamte Unternehmensgruppe strukturiert, auch mit den Tochtergesellschaften. Der strategische Zugang wäre hier eine Konsolidierungsstrategie und im Bereich der Organisation eine Fokussierungsstrategie: Wo sind Doppelgleisigkeiten? Wo gibt es überlagernde Strukturen? Das, was private Medienunternehmen tun müssen, wird auch beim ORF notwendig sein. Das ist eine harte Sparnummer.
medianet: Sehen Sie genug Sparpotenzial in anderen Bereichen, ohne ins Programm einzugreifen? Ingrid Thurnher meinte ja, man wird die zusätzlichen Einsparungen nächstes Jahr im Programm spüren.
Pig: Aus externer Sicht haben wir natürlich nicht alle detaillierten Finanzkennzahlen vorliegen. Ich halte die notwendigen Einsparungsvorgaben aufgrund der Nicht-Valorisierung der Haushaltsabgabe und des Entfalls der Vorsteuer-Refundierung für einen sehr, sehr harten Sparkurs. Ich halte es aber für möglich, dass man hier wirklich Synergien hebt und strukturelle Einsparungen herstellt. Einsparen ist immer schmerzhaft, aber zunächst ist bei Strukturen, Effizienzen und doppelten Organisationsabläufen anzusetzen. Es gibt viele Ansätze, die ich verfolge, die ich aber zunächst direkt an die Stiftungsräte richten möchte.
medianet: Die Zuseherinnen und Zuseher würden das also merken?
Pig: Ich finde, die Zuseherinnen und Zuseher sollten vor allem spüren, dass sie einen tollen Gegenwert aus der Haushaltsabgabe haben.
medianet: Was die Zuseherinnen und Zuseher eher spüren ist aber aktuell ein ORF, der in eine Vertrauenskrise geschlittert ist; nicht wegen seinem Programm oder der Haushaltsabgabe, sondern wegen vermeintlich hohen Managergehältern und einem möglichen Verhalten einzelner Personen dort. Wie würden sie dieser Stimmung im Hause und den Konsumentinnen und Konsumenten hin begegnen?
Pig: Mein Konzept für den ORF setzt einen ganz klaren Schwerpunkt auf Governance, Transparenz und vor allem auf eine moderne Unternehmenskultur. Ein öffentlich-rechtliches Medienhaus muss für seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ein absoluter Schutzort sein – ein Umfeld, in dem man sicher ist und gerne arbeitet. Dafür braucht es eine strikte Zero-Tolerance-Politik gegenüber Diskriminierung und Belästigung. Klare, transparente Regelwerke sind das eine, aber entscheidend ist ihre konsequente Exekution. Dass so etwas funktioniert, habe ich in meiner Ära bei der APA bewiesen, wo wir solche Strukturen erfolgreich implementiert und hart gelebt haben. Neben den Strukturfragen geht es mir um ein neues Führungs- und Kooperationsleitbild, das Antidiskriminierung und echte Gleichstellung fest verankert. Ich garantiere dafür, dass diese Regeln im ORF ohne Kompromisse umgesetzt werden.
medianet: Blicken wir über den 11. Juni, dem Tag der Wahl hinaus. Sollten sie gewählt werden, werden sie ein Direktorium vorschlagen müssen. Welche Qualifikationen müssen die Personen in diesem Team mitbringen? Und kann man daraus vielleicht einen Rückschluss ziehen, wie weit diese Struktur auch die Gliederung des ORF künftig darstellt.
Pig: Im internationalen Benchmarking zeigt sich: Der ORF der Zukunft muss im Abbild der Geschäftseinteilung des Direktoriums dem einzigen Maßstab verpflichtet sein – und das ist das Publikum. Es gilt, diesen Übergang von Linearität ins Digitale sowie die Unterschiede innerhalb des Publikums – zwischen Stadt und Land, zwischen Jüngeren und Älteren – dahingehend aufzulösen. Ich werde in meinem Bewerbungskonzept eine sehr moderne, international benchmarkfähige Führungsarchitektur für das Direktorium präsentieren, die dieses Thema Publikum und Audience sehr direkt adressieren wird.
medianet: Dann bleiben wir gleich bei dieser Audience, die sie ansprechen möchten. In Ihrem Buch ‚Welt ohne Wahrheit‘ schreiben Sie, dass es neben der Legislative, Exekutive, Judikative und einer freien, unabhängigen Presse als ‚vierte Gewalt‘ eine fünfte Säule braucht; und zwar eine informierte, aufgeklärte Informationsgesellschaft. Haben Sie angesichts der Überdominanz der Big Tech und vieler Menschen, die längst in digitalen Bubbles verschwunden sind und damit kaum noch zu erreichen sind, tatsächlich die Hoffnung, dass so etwas möglich ist?
Pig: Wir müssen diese Hoffnung haben. Denn wenn es keine Medien mehr gibt und wir alle nur mehr abhängig davon sind, was wir auf den Plattformen finden, dann wird auch die Demokratie den Bach hinuntergehen. Eine konkrete Maßnahme wäre eine völlige Offensive beim Thema Medienkompetenz in Kooperation zwischen ORF und Privaten. Vor allem hier sollte es keine Alleingänge geben, denn diese Maßnahmen gehören gebündelt und jene, die Journalismus produzieren, sollten viel stärker integriert werden. Journalistinnen und Journalisten sollten der Bevölkerung aktiv die Unterschiede zwischen geprüften journalistischen Nachrichten und sogenanntem digitalem Content klarmachen, der oft ungeprüft auf den digitalen Kanälen herumgeistert.
medianet: Sollten Sie gewählt werden – was wären Ihre ersten Amtshandlungen? Und sollten Sie nicht gewählt werden – was machen Sie dann?
Pig: Mein ganzer Fokus gilt jetzt dem 11. Juni. Ich glaube auch, dass dieses Mal ein klassisches 100-Tage-Programm ab Jänner gar nicht möglich ist, denn bereits im September steht das Zukunftsforum an, bei dem der ORF voll auskunftsfähig sein muss. Deshalb würde ich dem ORF sofort im Sommer zur Verfügung stehen, um mich gemeinsam mit der jetzigen Generaldirektion einarbeiten. Meine ersten 100 Tage würden damit bereits diesen Sommer beginnen, um ab dem ersten Tag im neuen Jahr voll handlungsfähig für die Umsetzung zu sein.
medianet: Am Ende nochmals zum Anfang zurück, weil es schwer fällt zu glauben, dass es in Österreich möglich ist, ohne politische Deals und Zusagen Generaldirektor des ORF zu werden. Sie glauben fest an ein offenes, faires Rennen – so wie es auch das Gesetz vorsieht – an dessen Ende der oder die Beste gewinnt?
Pig: Ich habe überhaupt keine Zusage von irgendjemandem. Wer mich kennenlernen will, dem stehe ich immer für ein offenes und ehrliches Gespräch zur Verfügung, um mich als Person und meine Zukunftsideen für den ORF zu präsentieren.