WR. NEUDORF. Frauen tragen in Österreich nach wie vor den größeren Anteil an der organisatorischen und emotionalen Verantwortung für Haushalt und Familie. Das zeigt eine repräsentative Studie von Bipa, die gemeinsam mit dem Österreichischen Institut für Familienforschung (ÖIF) an der Universität Wien durchgeführt wurde. Die Untersuchung macht das Phänomen „Mental Load“ erstmals umfassend messbar und beleuchtet dessen Auswirkungen auf Familienleben, Gesundheit und Beruf.
Die Ergebnisse zeigen deutliche Unterschiede zwischen den Geschlechtern. So übernehmen Frauen häufiger die Organisation des Familienalltags, koordinieren Arzttermine, kümmern sich um die Bedürfnisse von Kindern und tragen mehr Verantwortung für Ordnung und Sauberkeit im Haushalt. Gleichzeitig geben 74 Prozent der Befragten an, bestimmte Aufgaben oft automatisch und aus Gewohnheit zu übernehmen.
„Es gibt nicht das eine richtige Modell, nach dem Familien oder Paare ihr Leben gestalten sollen. Entscheidend ist aber, dass alle Beteiligten sich dabei wirklich wohlfühlen. Dafür braucht es vor allem Bewusstsein für das, was oft unsichtbar bleibt: die mentale Last, die Planung, die Organisation – und die Tatsache, dass sie häufig ungleich verteilt ist“, sagt Bipa-Geschäftsführerin Margit Reisinger.
Wahrnehmungslücke in Partnerschaften
Laut Studie empfinden 87 Prozent der Männer die Aufteilung von Planungs- und Organisationsaufgaben in ihrer Partnerschaft als fair. Bei den Frauen teilen diese Einschätzung lediglich 66 Prozent. Mehr als die Hälfte der Frauen gibt zudem an, dass ihre organisatorische Arbeit vom Partner kaum wahrgenommen werde. Fast jede zweite Frau fühlt sich für diese Leistungen zu wenig anerkannt.
Die Studienautorin Eva-Maria Schmidt vom ÖIF verweist auf die strukturellen Ursachen: „Die Studie wie auch der aktuelle Forschungsstand zeigen eindeutig, dass die ungleiche Verteilung von Care-Arbeit kein individuelles Problem ist, sondern ein strukturelles – eines, das tief in unserer Sozialisation verwurzelt ist. Frauen und Männer wachsen mit unterschiedlichen Erwartungen auf und schreiben sich selbst und anderen geschlechtsspezifische Verantwortlichkeiten zu, lange bevor sie je bewusst darüber nachgedacht haben.”
Auch Männer seien von Mental Load betroffen, allerdings in anderen Bereichen. Während Frauen häufiger die organisatorische Familienarbeit übernehmen, sehen sich viele Männer weiterhin in der Rolle des Hauptverdieners. Fast sechs von zehn Männern betrachten sich primär als verantwortlich für das Erwerbseinkommen der Familie.
Die Belastung bleibt nicht ohne Folgen: Ein Fünftel der Befragten fühlt sich durch Alltagsaufgaben stark belastet. Fast ein Drittel der Frauen leidet mehrmals pro Woche unter stressbedingten körperlichen Beschwerden. Rund 18 Prozent der Befragten waren im vergangenen Jahr wegen Erschöpfung im Krankenstand.
Für Bipa sind die Ergebnisse auch mit Blick auf die eigene Belegschaft relevant. Das Unternehmen verweist auf Maßnahmen wie flexible Arbeitszeitmodelle, Führung in Teilzeit, Kinderbetreuungsangebote und Karenzmanagement. Mit der Initiative „Ehrlich gesagt“ will Bipa Themen wie Mental Load, Frauengesundheit und die Vereinbarkeit von Beruf und Familie stärker in die öffentliche Diskussion bringen. (red)