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EY-Studie: Fachkräftemangel in Österreich erreicht Höchststand © Tourismuskolleg Ibk./Langreiter
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Redaktion 02.02.2022

EY-Studie: Fachkräftemangel in Österreich erreicht Höchststand

Mehr als jedes vierte Unternehmen will 2022 zusätzliche Stellen schaffen.

WIEN. In der heimischen Wirtschaft fehlt es bereits seit einigen Jahren branchenübergreifend an qualifizierten Fachkräften. Die Coronakrise und die damit verbundene Rezession haben die Situation am Arbeitsmarkt abermals verschärft. Nach einem Jahr Unterbrechung – 2021 lag die Sorge vor einem erneuten schweren Ausbruch der Pandemie an der Spitze – sehen Österreichs Unternehmen wie schon in den Jahren zuvor den Fachkräftemangel als größte Gefahr (61%) für ihr Geschäft.

Den Unternehmen fällt es aktuell so schwer wie noch nie, geeignete Fachkräfte zu finden: 83% haben dabei derzeit (erhebliche) Schwierigkeiten – sieben Prozentpunkte mehr als 2021 (76%). Das ist gleichzeitig der höchste Stand seit Erhebungsbeginn 2014. Nur zwei von 100 Betrieben geben auf der anderen Seite an, keine Schwierigkeiten bei der Rekrutierung geeigneter Fachkräfte zu haben.

In fast allen Teilen der österreichischen Wirtschaft ist 2021 der Fachkräftemangel wahrnehmbar. Besonders stark, trotz wiederholter Lockdowns und starkem Gästerückgang, im Bereich Tourismus, wo 33% sehr schwer und weitere 48% eher schwer die gesuchten Fachkräfte finden. Auch im Energiesektor bzw. der Transportwirtschaft (30% bzw. 53%) und im Handel (28% bzw. 52%) gibt es große Schwierigkeiten, qualifiziertes Personal zu rekrutieren.

Das sind Ergebnisse der Studie „Beschäftigung und Fachkräftemangel in Österreich“ der Prüfungs- und Beratungsorganisation EY. Dafür wurden österreichweit über 600 Verantwortliche von mittelständischen Unternehmen mit 30 bis 2.000 Mitarbeitern befragt.

„Die Zahlen sprechen eine klare Sprache: Der Fachkräftemangel hat sich durch die Coronakrise und den Wirtschaftsabschwung im letzten Jahr weiter verschärft. Es gibt innerhalb Österreichs keine Branche und kein Bundesland, das vom Fachkräftemangel verschont bleibt. Das bremst – gemeinsam mit dem Rohstoffmangel – den Wiederaufschwung nach der Krise, weil österreichische Unternehmen aufgrund der schon wieder gefüllten Auftragsbücher zusätzliche Stellen schaffen wollen, aber oft nicht die Fachkräfte mit der richtigen Qualifikation dafür finden“, so Erich Lehner, Managing Partner Markets bei EY Österreich, und verantwortlich für den Bereich Mittelstand.

Einstellungsbereitschaft steigt nach drei Jahren mit Rückgang wieder
Nachdem die Einstellungsbereitschaft der Unternehmen in den letzten drei Jahren jeweils zurückgegangen ist, planen Österreichs Unternehmen in diesem Jahr wieder mehr Neuanstellungen. Mehr als jeder Vierte (26%) möchte in den kommenden sechs Monaten zusätzliche Mitarbeiter einstellen – deutlich mehr als Anfang 2021 (20%). Nur jedes 20. Unternehmen (fünf Prozent) plant Stellenstreichungen – so wenige wie seit vier Jahren nicht mehr. Damit kehrt die Beschäftigungsdynamik auf das Niveau vor dem Ausbruch der Coronapandemie zurück.

Die meisten neuen Stellen wollen Unternehmen in Oberösterreich (33%), Vorarlberg (30%) und Niederösterreich (29%) schaffen. Am wenigsten neue Arbeitsplätze sind im Burgenland (zehn Prozent) geplant.

Die hohe Einstellungsbereitschaft aufseiten der Unternehmen dürfte zudem den bereits bestehenden Fachkräftemangel noch weiter verschärfen, führt Lehner aus: „Auch in Pandemiezeiten hat sich die Lage am Arbeitsmarkt kaum entspannt, ganz im Gegenteil. Es wird für viele Unternehmen immer schwieriger, qualifizierte Mitarbeitende für sich zu gewinnen und zu halten. Im Zuge des erwarteten Nach-Corona-Booms wird der Bedarf an Top-Mitarbeitenden nochmal stark steigen. Das wissen die Unternehmen und planen langfristig.“

Fachkräftemangel verursacht bei 39 Prozent der Unternehmen Umsatzeinbußen
In Österreich bedeutet der Fachkräftemangel eine enorme Herausforderung für die Wirtschaft: Bei fast vier von zehn Unternehmen (39%) verursacht der Fachkräftemangel Umsatzeinbußen – noch mehr als 2021 (35%). Jeder Zehnte leidet sogar unter erheblichen Umsatzeinbußen von mehr als fünf Prozent.

Besonders ausgeprägt sind die Folgen des Fachkräftemangels auf den Umsatz in der Baubranche (58%), der Industrie (46%) und dem Gesundheitsbereich (44%). Auch die Tourismusbranche verliert trotz der Lockdowns und Stornierungen Umsätze (40%), weil es an geeignetem Personal fehlt.

Probleme in allen Bundesländern – Fachkräftemangel besonders im Westen
Probleme bei der Fachkräftesuche haben Unternehmen in ganz Österreich – unabhängig vom Bundesland. Immer mehr Betriebe spüren die zunehmenden Fachkräfteengpässe, die sich seit mehreren Jahren in vielen Berufen bemerkbar machen. Allerdings zeigen sich erhebliche regionale Unterschiede: Am ausgeprägtesten ist – wie im Vorjahr – der Fachkräftemangel bei Unternehmen in Vorarlberg (39% haben „große“, 40% „eher große“ Probleme). Auch in Tirol (30% bzw. 50%) sowie Niederösterreich (27% bzw. 56%) ist die Suche nach qualifiziertem Personal oft sehr schwierig oder erfolglos. Am besten ist die Situation noch im Burgenland – allerdings klagen dort dennoch 21% über „große“ und weitere 66% über „eher große“ Schwierigkeiten bei der Fachkräfterekrutierung.

„Angesichts der demografischen Entwicklung ist die Sicherung des Fachkräftebedarfs eine der großen Herausforderungen der kommenden Jahrzehnte für alle Akteure aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft. Stellenbesetzungsprobleme sind inzwischen ein flächendeckendes Phänomen, auch wenn der Fachkräftemangel im Westen und Süden Österreichs immer noch stärker ausgeprägt ist“, ergänzt Lehner. (red)

 

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