GMUNDEN. Wie bleiben Lebensmittel leistbar, welche Rolle spielen künftig KI-Agenten beim Einkauf und wie kann sich Europa in einem zunehmend unsicheren wirtschaftlichen Umfeld behaupten? Diese Fragen standen beim Tag des Handels am 8. und 9. Oktober im Toscana Congress Gmunden im Mittelpunkt. Mehr als 400 Teilnehmer aus Handel, Industrie und Politik diskutierten über die Herausforderungen der Branche. Mit dabei waren unter anderem Landwirtschaftsminister Norbert Totschnig und Außenministerin Beate Meinl-Reisinger.
Zum Auftakt verwies Handelsverband-Geschäftsführer Rainer Will auf die vergleichsweise niedrigen Ausgaben österreichischer Haushalte für Lebensmittel. „In Österreich entfallen nur 10,2% der Haushaltsausgaben auf Lebensmittel. Damit liegen wir an viertletzter Stelle in der EU. Wenn wir von der Teuerung sprechen, müssen wir die Ursachen ehrlich benennen. Und die Hauptursache sind die hohen Energiepreise. Die Stromrechnung trifft den Bauern, den Lebensmittelproduzenten, das Kühllager und den Supermarkt. Am Ende landen sie auch bei den Kunden. Wer Lebensmittel dauerhaft leistbarer machen will, muss also dort ansetzen“, sagte Will.
Lebensmittelpreise und wirtschaftliche Rahmenbedingungen
Landwirtschaftsminister Norbert Totschnig betonte die Bedeutung einer Zusammenarbeit zwischen Landwirtschaft und Handel, um die Versorgung mit heimischen Lebensmitteln langfristig sicherzustellen. „Die Ausgaben der österreichischen Haushalte für Lebensmittel sinken. Gleichzeitig ist der Druck in der Wertschöpfungskette riesengroß. Umso wichtiger sind starke Partnerschaften auf Augenhöhe. Das Bekenntnis zu Premium-Lebensmittelqualität aus Österreich muss auch weiterhin bestehen. Daher bin ich auch heuer wieder beim Tag des Handels dabei“, so Totschnig.
Bei einer anschließenden Podiumsdiskussion diskutierten Max Hofmarksrichter (Hofer), Josef Moosbrugger (Landwirtschaftskammer Österreich), Hans K. Reisch (Spar) und Barbara Teiber (Gewerkschaft GPA) über die Zukunft der Lebensmittelversorgung. Im Mittelpunkt standen die wirtschaftlichen Bedingungen für landwirtschaftliche Betriebe, Händler und Beschäftigte. Auch die EU-Kommission sei gefordert, die Interessen der kleinstrukturierten österreichischen Landwirtschaft stärker zu berücksichtigen.
Mit der Preisgestaltung im Lebensmittelhandel befasste sich eine weitere Diskussionsrunde mit Gabriele Zgubic-Engleder (Arbeiterkammer), Marcel Haraszti (Rewe), Markus Kaser (Spar) und Günter Thumser (Markenartikelverband). Dabei ging es um gesetzliche Vorgaben, den bürokratischen Aufwand und faire Rahmenbedingungen entlang der Wertschöpfungskette. Die zentrale Frage lautete, wie Lebensmittel leistbar bleiben können, ohne die wirtschaftliche Grundlage der beteiligten Unternehmen zu gefährden.
KI verändert den Handel
Auch technologische Entwicklungen prägten das Programm. Elisabeth L’Orange, Partnerin für AI & Data bei Deloitte, beschäftigte sich in ihrer Keynote mit den Möglichkeiten und Grenzen künstlicher Intelligenz im Handel. Sie sieht darin keine Bedrohung für den stationären Handel: „Die KI wird den stationären Handel nicht gefährden. Im Gegenteil, wir werden eine Renaissance der Fläche erleben“, so L’Orange. Philip Walther von der Universität Wien gab darüber hinaus Einblicke in die Quantentechnologie und ihre mögliche Bedeutung für die Wirtschaft.
Konkreter wurde es beim Thema Agentic Commerce. Dabei übernehmen KI-Agenten zunehmend Aufgaben bei der Produktsuche und beim Einkauf. Stefanie Ahammer-Lampe (Visa), Gerald Eder-Schmidinger (CRIF) und Martin Traxl (OMV) diskutierten über die Auswirkungen auf Zahlungsprozesse und die Bedeutung von Cyber Security.
Welche Rolle Gesundheit künftig bei Kaufentscheidungen spielen könnte, war Thema einer weiteren Runde mit Marlies Gruber (forum. ernährung heute), Julia Hoffmann (Biogena), Eva Paschinger (Bipa) und Elisabeth Wagner (NielsenIQ). Die Teilnehmer beleuchteten den Trend zu Langlebigkeit und gesundem Lebensstil aus Sicht von Ernährung, Marktforschung und Handel.
Ergänzend präsentierten Unternehmen beim Innovation Zapping neue Ansätze für den Handelsalltag. Die Themen reichten von der Nutzung von Wetterdaten über Quick Commerce bis zur Frage, wie sich mit Shopper-Daten und lokaler Ansprache mehr Kunden in die Filialen bringen lassen.
Handelspreis für Familie Mayr, Industriepreis für Markus Marek
Im Rahmen der Abendgala wurden der Österreichische Handelspreis und der Große Industriepreis verliehen. Der Handelspreis ging erstmals an eine Unternehmerfamilie: Karl und Ernst Mayr, Geschäftsführer der Fussl Modestraße, nahmen die Auszeichnung für die Eigentümerfamilie Mayr entgegen.
Der Große Industriepreis 2026 wurde an Markus Marek verliehen, der seit 2017 Managing Director von Kelly Snacks ist. Die Laudatio hielt Hannes Royer von Land schafft Leben.
Verpackung, Nachhaltigkeit und Europas Rolle
Am zweiten Veranstaltungstag standen unter anderem die Gestaltung der Kassenzone sowie neue Anforderungen an Verpackungen im Mittelpunkt. Melanie E. Bednar (Mars) und Lukas Steyer (umdasch Store Makers) diskutierten über die letzten Meter vor dem Bezahlen. Harald Hauke (ARA) und Holger Jöckel (Metro Österreich) widmeten sich den Auswirkungen europäischer Vorgaben wie der Verpackungsverordnung PPWR und den Regeln zur Umweltkommunikation auf den Handelsalltag.
Einen geopolitischen Schwerpunkt setzte der Historiker und Autor Philipp Blom mit seiner Keynote zur Zukunft Europas. Er thematisierte die Frage, ob Europa angesichts globaler Machtverschiebungen seine Zukunft aktiv gestalten kann. Anschließend diskutierte Blom mit Außenministerin Beate Meinl-Reisinger und dem ehemaligen DSN-Direktor Omar Haijawi-Pirchner über Europas Handlungsfähigkeit und wirtschaftliche Abhängigkeiten.
Meinl-Reisinger sprach sich dafür aus, Risiken in internationalen Lieferketten zu verringern: „Wir haben gelernt, wie fatal einseitige Abhängigkeiten sein können, etwa von Russland in Energiefragen. Daher muss unser Ziel sein, für die nächste Zeit Risikominimierung zu betreiben und bei unsere Lieferketten zu diversifizieren“, so die Außenministerin.
Auch die nationale Paketsteuer, die seit 1. Oktober eingehoben wird, kam zur Sprache. Meinl-Reisinger kündigte an, dass die Neos die Abgabe rückgängig machen wollen. „Die nationale Paketsteuer ist ein Murks. Verantwortung übernehmen heißt auch, zu korrigieren, was nicht funktioniert“, sagte sie.
Der nächste Tag des Handels findet am 7. und 8. Oktober 2027 erneut in Gmunden statt. (red)