KI wird im Tourismus  zur Infrastruktur
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MARKETING & MEDIA Redaktion 09.10.2026

KI wird im Tourismus zur Infrastruktur

feratel-Chef Schröcksnadel: Wie aus Digitalisierung Wertschöpfung für Betriebe und Destinationen entsteht.

••• Von Sabine Bretschneider

Mehr Nächtigungen, mehr Ankünfte – und dennoch steht der Tourismus wirtschaftlich unter Druck. Steigende Löhne, Energie- und Finanzierungskosten treffen auf Betriebe, die ihre Preise nicht beliebig erhöhen können. Digitalisierung wird damit zur wirtschaftlichen Frage: Wo lassen sich Abläufe effizienter organisieren, zusätzliche Umsätze heben, Entscheidungen verbessern?  Für Markus Schröcksnadel, Vorstandsvorsitzender der feratel media technologies AG, ist Künstliche Intelligenz deshalb kein Selbstzweck. Entscheidend ist, ob sie im Alltag Nutzen
stiftet.

„Es geht immer um den Gast“, sagt Schröcksnadel im Gespräch mit medianet-Herausgeber Chris Radda. Der Satz beschreibt, wohin sich die digitale Tourismuswelt bewegt. Nach der Digitalisierung von Websites, Buchungsplattformen, Gästekarten, Meldes­ystemen und Datenbanken beginnt die nächste Phase: Die Systeme sollen intelligenter miteinander arbeiten – und einfacher werden.

Daten statt Bauchgefühl
feratel sitzt dabei an einer strategisch interessanten Stelle. Das Innsbrucker Unternehmen entwickelt seit mehr als vier Jahrzehnten digitale Lösungen für Destinationen und touristische Betriebe. Das Destinationsmanagementsystem Deskline verknüpft Unterkünfte, Erlebnisse, Veranstaltungen, Gastronomie, Gästekarten, Meldewesen und Vertriebskanäle. Nach Unternehmensangaben vertrauen weltweit mehr als 4.000 Kunden auf feratel; die Gruppe beschäftigt über 200 Mitarbeiter an zwölf Standorten in acht Ländern.
Der Rohstoff für KI ist längst vorhanden: Daten aus operativen touristischen Systemen. Genau darin sieht Schröcksnadel einen entscheidenden Vorteil. Denn mit der Digitalisierung wuchs auch der „Datendschungel“.
KI könne helfen, diese Mengen zu strukturieren und in verwertbare Informationen zu übersetzen. Das beginnt bei banalen Aufgaben: Tausende Fotos müssen gepflegt, beschrieben und für Suchmaschinen oder Barrierefreiheit mit Text versehen werden. KI kann Bilder erkennen, Beschreibungen und Übersetzungen erzeugen oder veraltete Inhalte identifizieren.

Der wirtschaftliche Effekt: weniger Zeitaufwand bei Routinearbeit und mehr Ressourcen für jene Aufgaben, bei denen Menschen tatsächlich gebraucht werden. Schröcksnadel formuliert es pragmatisch: KI solle die bereits weit fortgeschrittene Digitalisierung unterstützen, „die Arbeit geringer machen, aber die Digitalisierung weiter verstärken“.

Chatbot und Digitalconcierge
Noch sichtbarer wird der Wandel an der Schnittstelle zum Gast. Wer wissen will, ob eine Bergbahn fährt, wie viel Schnee liegt oder wann ein Bus kommt, möchte nicht erst eine Website durchsuchen. Informationen sollen sofort verfügbar sein – möglichst in der eigenen Sprache. Hier kommen Sprach- und KI-Assistenten ins Spiel. feratel verbindet solche Systeme mit den Datenbanken der Destinationen. Das Sprachmodell formuliert die Antwort, die Fakten stammen aus kontrollierten touristischen Datenbeständen. „Die Kunst ist, dass die Echtdatenbanken im touristischen Setting mit dem Voicebot, mit den Agents zusammenarbeiten“, sagt Schröcksnadel. Ein Beispiel ist ein bereits realisierter Seilbahn-Voicebot der Engadin St. Moritz Mountains AG. Gäste können Informationen rund um die Uhr und in unterschiedlichen Sprachen abrufen.
Mit PIA – dem persönlichen intelligenten Assistenten – bündelt feratel touristische Infos am Smartphone: Points of Interest, Veranstaltungen, Wanderwege, Gästekarten, Mobilitätsangebote oder buchbare Zusatzleistungen. Wer dem Gast relevante Angebote zum richtigen Zeitpunkt zeigt, kann damit Zusatzwertschöpfung in der Region auslösen.

Prognose gefällig?
Besonders interessant wird KI dort, wo sie nicht nur beschreibt, was bereits passiert ist, sondern Wahrscheinlichkeiten für die Zukunft berechnet. Tourismusorganisationen verfügen über Nächtigungs-, Buchungs-, Anreise- und Auslastungsdaten; hinzu kommen Wetter oder Ferienkalender. Aus diesen Mengen lassen sich heute Prognosemodelle entwickeln.

feratel arbeitet mit Predictive-Funktionen etwa für erwartete Anreisespitzen und Auslastungen. Auch Gemeinden, Behörden oder Bergbahnen können damit früher erkennen, wann Engpässe drohen. Der Nutzen reicht von Personal- und Kapazitätsplanung bis zu Verkehrslenkung und Sicherheit.  „Alles, was in der Zukunft ist, bleibt trotzdem unsicher“, relativiert Schröcksnadel. KI liefere keine hundertprozentige Wahrheit. Aber sie könne Bandbreiten berechnen, die mit hoher Wahrscheinlichkeit eintreten – und damit Entscheidungen besser absichern. Hier trennt sich der Hype vom wirtschaftlichen Einsatz: Der Algorithmus „weiß“ nicht, was passieren wird, wertet aber große Datenmengen schneller und systematischer aus.

Auch beim Pricing wächst die Bedeutung solcher Systeme. Preise können schneller an Nachfrage, Auslastung und Marktveränderungen angepasst werden. Dynamic Pricing wird dadurch auch für kleinere und mittlere Betriebe leichter zugänglich. Schröcksnadel sieht Potenzial, warnt aber vor blindem Vertrauen: Auch bei komplexen Modellen müsse man prüfen, welche Vorschläge plausibel sind. Die Kunst ist, dass die Echtdatenbanken im touristischen Setting mit dem Voicebot, mit den Agents zusammenarbeiten.

Direktvertrieb als Hebel
Ein weiterer Hebel liegt im Vertrieb. Sichtbarkeit auf Plattformen bringt Buchungen, kostet aber Provisionen. Für Betriebe geht es daher um den richtigen Mix aus Portalen und Direktbuchungen über die eigene Website oder jene der Destination.

feratel versucht, diesen Prozess technisch zu vereinfachen. Über Deskline und zahlreiche Schnittstellen können Verfügbarkeiten, Preise und Angebote in mehrere Vertriebskanäle ausgespielt werden. Das System verfügt unter anderem über integriertes Channel Management und zahlreiche Schnittstellen zu touristischen Leistungsträgern und Vertriebspartnern.

Gerade kleinere Tourismusregionen stoßen dabei oft an personelle Grenzen. Ihnen fehlen Mitarbeiter, um Portale zu pflegen, Verträge zu verwalten oder Preise zu optimieren. feratel bietet deshalb zusätzlich Buchungs- und Vertriebsservices an. Das Ziel: mehr Online-Sichtbarkeit, weniger Verwaltungsaufwand und ein größerer Anteil der Wertschöpfung, der beim Betrieb beziehungsweise in der Region bleibt.
Schröcksnadel plädiert dabei nicht für ein Entweder-oder. Auf möglichst vielen relevanten Portalen präsent zu sein, erhöhe die Sichtbarkeit. Gleichzeitig müsse der Direktvertrieb über die eigene Hotel- oder Destinations­website ein wesentlicher Bestandteil des Mixes bleiben – schon allein, weil dort Provisionen entfallen.

Camping wird digital
Dasselbe Prinzip überträgt die Gruppe auf den Campingmarkt. Die 2023 gegründete feratel-Tochter onlinejungle.camp spezialisiert sich auf digitale Buchbarkeit und Vertrieb von Camping- und Wohnmobilstellplätzen. Sie greift auf die Deskline-Infrastruktur mit mehr als 150 Schnittstellen zurück. Im August 2026 zog onlinejungle.camp nach drei Jahren Bilanz: fünf PMS-Systeme aus der Campingbranche und acht Portale waren angebunden.

Für Schröcksnadel ist Camping längst kein Nischenthema mehr. Viele Plätze seien touristisch attraktiv, digital aber noch nicht ausreichend in Buchungs- und Vertriebssysteme eingebunden. Gerade dort könne Technologie unmittelbar zusätzliche Nachfrage erschließen.  Damit zeigt sich auch, was feratel unter KI im Tourismus versteht. Unter der Dachmarke feratelAIplus bündelt das Unternehmen seine KI-Anwendungen – nicht als isoliertes Chatfenster auf einer Website, sondern als zusätzliche intelligente Ebene über bereits vorhandenen Systemen. Je besser Daten strukturiert, aktuell und miteinander verknüpft sind, desto größer wird der Nutzen der KI.

Das ist zugleich die Hürde. Aus schlechten oder veralteten Daten kann auch KI keine verlässliche Infrastruktur machen. Destinationen und Betriebe müssen Daten pflegen, Schnittstellen schaffen und Prozesse digitalisieren. Erst dann lassen sich Automatisierung und Prognosen sinnvoll aufsetzen. Schröcksnadel sieht deshalb keinen Gegensatz zwischen Technologie und Qualitätstourismus. Gerade ein Hochpreisland wie Österreich müsse Fortschritt nutzen, um Produktivität und Angebotsqualität gleichzeitig zu erhöhen. Sein Befund fällt deutlich aus: „Hohe Lohnkosten per se sind nicht das Problem. Hohe Lohnkosten mit einem durchschnittlichen Produkt sind ein Problem.“

Aus Hype wird Wertschöpfung
Österreich sei im Wintertourismus international Weltklasse. Diesen Vorsprung zu halten, werde anspruchsvoller. Wenn Kosten steigen, müsse auch die Qualität steigen – und damit der Wert für den Gast. KI kann Prozesse günstiger machen, Mitarbeiter entlasten, Nachfrage besser prognostizieren und zusätzliche Umsätze ermöglichen. Sie ersetzt aber weder ein gutes Produkt noch eine funktionierende touristische Strategie.

Vielleicht liegt genau darin die nüchterne Erkenntnis nach Jahren des KI-Hypes: Die Technologie wird im Tourismus dann relevant, wenn man sie irgendwann gar nicht mehr bemerkt. Wenn der Gast seine Frage einfach stellt und sofort eine korrekte Antwort erhält. Wenn der Hotelier einen Preisvorschlag bekommt, bevor sich die Nachfrage verändert. Wenn eine Destination weiß, wann der nächste Anreisestau droht. Und wenn aus vorhandenen Daten tatsächlich mehr Geschäft entsteht. Dann ist KI nicht mehr das große Zukunftsthema. Dann ist sie Infrastruktur.

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