Reichl und Partner Werbeagentur GmbH: Neuer Group-CEO setzt auf Technologie-Führerschaft, People & Culture und „zielorientierte Kreativität“
Im TV-Studiogespräch „agenda log“ auf medianet.tv sprach Herausgeber Chris Radda mit Matthias Reichl, der seit Jahresbeginn 2026 als Group CEO die Gesamtverantwortung für die Agenturgruppe ReichlundPartner übernimmt. Seine Eltern, Silvia und Rainer Reichl positionierten die 1988 gegründete Kommunikationsgruppe als „ganzheitlich“ aufgestellten Full-Service-Anbieter – und skizzierten einen Kurs, der Kreativleistung konsequent mit digitaler Kompetenz, KI-Governance und Kulturarbeit verknüpfen soll, die Matthias Reichl als „grossartige Startrampe“ bezeichnet und weiter entwickeln möchte.
Generationswechsel in einer 170-Personen-Gruppe
Radda ordnete den Wechsel an der Spitze als Übergabe einer der großen heimischen Kommunikationsgruppen ein. Reichl betonte im Gespräch, er sehe die Aufgabe weniger als „Fußstapfen“, sondern als Chance, auf dem grossartigen Fundament der Gründergeneration aufzubauen. Die Gruppe ist mit rund 170 Mitarbeitenden und Standorten in Linz, Wien und Graz präsent und beschreibt sich als Verbund mehrerer, eigenständig geführter Units (von Kreation über Digital und Media bis PR, Social und Live-Marketing).
„Anpassungsfähigkeit“ als Leitmotiv – und ein klarer Hinweis an die Branche
Inhaltlich legte Matthias Reichl den Schwerpunkt auf die strukturellen Umbrüche durch Digitalisierung: Nicht ein einzelner Trend sei die Herausforderung, sondern die Gleichzeitigkeit und Überlappung vieler Entwicklungen. Daraus leitete er eine deutliche Branchen-These ab: Kreativagenturen ohne technische Kompetenz würden es künftig schwer haben. Kreativität bleibe zwar der Kern – „gute Ideen“ entschieden weiterhin über Erfolg –, doch müsse dieses Können mit digitalem Grundverständnis und neuen Skills zusammenspielen. Sein Anspruch sei „zielorientierte Kreativität“, also Kreativleistung mit messbarem Mehrwert – bis hin zu einem Beitrag zu Geschäftserfolg und Markenwirkung.
B2B „vermenschlichen“ – vom Industriestandort zur Kommunikationsdisziplin
Einen zweiten Schwerpunkt setzte Reichl auf die historisch starke B2B-DNA der Gruppe – plausibel verankert in Oberösterreichs Industrielandschaft. B2B-Kommunikation bedeute häufig, „sperrige“ Themen in Geschichten zu übersetzen, die Menschen erreichen – etwa in Employer Branding Strategien und Kampagnen oder in hochspezialisierten Nischenmärkten. Als Beispiel schilderte Reichl eine Kampagne für den Luxus-Yacht-Ausstatter List GC, bei der Werbung ohne Referenzbilder funktionieren musste: Kein Portfolio, anonyme Kundschaft – die Lösung sei über eine mutige, aufmerksamkeitsstarke Idee und „Neugier“-Mechaniken gelungen und auch gleich in Cannes mit einem Löwen ausgezeichnet worden.
KI: „Gekommen, um zu bleiben“ – Governance statt Hype
Beim Thema Künstliche Intelligenz blieb Reichl zugleich offensiv und nüchtern: KI sei mehr als ein Hype, aber kein Allheilmittel. Entscheidend sei, dass Agenturen KI nicht nur „nutzen“, sondern kontrolliert und rechtssicher in Prozesse integrieren. Reichl verwies auf eine 2023 gegründete KI-Task-Force und eine interne „eigene“ KI-Umgebung – aufgebaut auf bestehenden Modellen (u.a. OpenAI und Google Gemini) und angereichert durch internes Material und Prompt-Libraries, flankiert von Datenschutz-, Urheberrechts- und Compliance-Regeln.
Wachstum: Salzburg als nächster Schritt – gemeinsam mit Social-Spezialisten
Strategisch kündigte Reichl als konkreten Expansionsschritt eine neue Präsenz in Salzburg an – als kleinere Niederlassung gemeinsam mit der Beteiligung SMC Social Media Communications GmbH. Ziel sei Kundennähe; nach dem jüngsten Aufbau in Graz wolle man damit auch Potenziale im Umfeld des Wirtschaftsraums Salzburg und der Nähe zu Süddeutschland besser erschließen.
People & Culture als zweite Säule: Innovation „ermöglichen“, nicht verordnen
Neben Technologie definierte Reichl People and Culture als zweite große Stellschraube. Er sprach von einer Kultur der Neugier, in der Teams Neues ausprobieren, Wissen teilen und Innovation im Alltag entsteht – nicht nur als Top-down-Ansage. Dazu passen Überlegungen zu Weiterbildungs- und Beteiligungsmodellen; Reichl deutete an, dass man sich auch mit Mitarbeiterbeteiligung und variablen Prämien auseinandersetze, trotz steuerlicher und rechtlicher Komplexität.
Breite Kundenbasis als Rückenwind
Radda und Reichl streiften außerdem die breite Kundenbasis der Gruppe – als Beleg für die Positionierung als 360-Grad-Partner. Genannt wurden u.a. ÖBB, EVN, Intersport, Honda, Siemens und Linz AG – ein Mix aus öffentlicher Hand, Industrie, Handel und Markenartiklern.
Unterm Strich zeichnete das Gespräch das Profil eines CEO, der den Kreativkern nicht relativiert, ihn aber klar an Bedingungen knüpft: technologische Anschlussfähigkeit, KI-Kompetenz mit Governance sowie eine Organisationskultur, die Veränderung aktiv trägt. Als Symbol dafür steht Reichls Leitgedanke der „konstruktiven Gelassenheit“: Krise als Realität – aber nicht als Ausrede. In einer Branche, die sich zwischen Plattformlogiken, Datenkompetenz und Markenführung neu vermisst, ist das ein bemerkenswert pragmatischer Anspruch – und ein programmatischer Startpunkt für die nächsten Jahre an der Spitze von Reichl und Partner.