financent: Massive Neuerungen im Finanzwesen: Wie geopolitische Brüche, Technologie und Regulierung die Spielregeln verändern

Im financenet TV-Studiogespräch diskutierte Herausgeber Chris Radda mit dem Obmann der Fachgruppe Finanzdienstleister der WK Wien Eric Samuiloff, dem an der Wirtschaftsuniversität Wien arbeitenden Wissenschafter, Finanzpublizisten und Berater Stephan M. Klinger, PhD, sowie dem “Quant-Gründer” und Trading-Professional Eduard Pomeranz von FTC Capital GmbH über die Frage, ob das bestehende Finanzsystem vor einem grundlegenden Umbruch steht. Der Tenor der Runde: Globale Disruptionen zwingen Finanzdienstleister zu neuen Antworten – fachlich, technologisch und in der Kundenberatung.

Von Regelwerken zur Interessenpolitik
Stephan M. Klinger verortete den aktuellen Wandel in einer geopolitischen Zeitenwende. Das bisherige, stark regelbasierte internationale System werde zunehmend von interessengeleiteter Machtpolitik abgelöst. Geopolitische Spannungen, Handelskonflikte und der Kampf der großen Hemisphären um wirtschaftliche und technologische Vorherrschaft wirkten direkt auf Finanzmärkte und Asset-Preise. Diese Dynamik habe eine anhaltende Asset-Price-Inflation begünstigt – mit der Folge einer weiteren gesellschaftlichen Spaltung zwischen Vermögenden und Nicht-Vermögenden, sagt Eduard Pomeranz.

Asset Allocation unter Dauerstress
Aus Sicht von Eduard Pomeranz hat eine Abfolge externer Schocks – von der Covid-19-Pandemie über den Ukrainekrieg bis hin zu politischen Zäsuren in den USA – die klassische Asset Allocation massiv verändert. Der lange bewährte Mix aus Aktien, Anleihen und US-Dollar gerate in einem reflationären Umfeld unter Druck. Mathematisch-statistische Modelle, die primär auf historischen Daten basieren, seien für sich genommen nicht mehr ausreichend, um zukünftige Entwicklungen abzubilden. Pomeranz verwies zudem auf eine Verschiebung geldpolitischer Machtverhältnisse: Während die Phase der quantitativen Lockerung (QE) lange von Zentralbanken dominiert wurde, kehre mit einem stärkeren „Treasury QE“ die Geldschöpfung zunehmend in den Einflussbereich des Staates zurück. Damit stelle sich auch die Rolle der Zentralbanken als „Lender of Last Resort“ neu – bis hin zur Frage, ob ihre Unabhängigkeit langfristig Bestand habe.

Digitale Währungen, Tokenisierung und Bankenliquidität
Einen weiteren Schwerpunkt bildeten digitale Währungen, Blockchain und Tokenisierung. Tokenisierung ermögliche es, reale oder digitale Vermögenswerte in digitale Token auf einer Blockchain abzubilden und damit neue Formen von Handel, Eigentum und Liquidität zu schaffen. Gleichzeitig hätte die Einführung eines digitalen Euro erhebliche Auswirkungen auf das Bankensystem: Höhere Liquiditätserfordernisse könnten die Geschäftsmodelle klassischer Institute zusätzlich unter Druck setzen, so Stephan M. Klinger.

Beratung bleibt menschlich
Trotz aller technologischen Fortschritte betonten die Diskutanten die Grenzen künstlicher Intelligenz. KI könne Grundlageninformationen liefern und Prozesse unterstützen, verfüge jedoch über keine Lebenserfahrung. Finanzentscheidungen seien hoch emotional und stark von der individuellen Lebenssituation geprägt. Der Mensch als Berater bleibe daher zentral, insbesondere wenn es darum gehe, Kundenbedürfnisse richtig einzuordnen und zielorientierte Produkte zu entwickeln, die primär den individuellen Nutzen berücksichtigen.

Gute Zukunft – mit neuen Anforderungen
Eric Samuiloff zog ein insgesamt differenziertes Fazit. Ja, Banken zögen sich in der Fläche zunehmend zurück und reduzierten ihr Angebot. Für qualifizierte Finanzdienstleister eröffne dies jedoch Chancen – vorausgesetzt, sie blieben inhaltlich und technologisch „up to date“. Erfolgreich werde nur sein, wer die großen Zusammenhänge versteht, geopolitische und regulatorische Entwicklungen einordnen kann und gleichzeitig den konkreten Bedarf der Kundinnen und Kunden im Blick behält.

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