Value #48: Ethische Investments: Haltung statt Etikett
Im TV-Format „Value – Der Finanz Talk“, einer Kooperation mit der Fachgruppe Finanzdienstleister der Wirtschaftskammer Wien, diskutierte Fachgruppenobmann Eric Samuiloff mit Günter Bergauer, Leiter der Stabsstelle für kirchliche Investoren der Schelhammer Capital Bank AG, über den Wandel ethisch-nachhaltiger Geldanlagen.
Bergauer, der als Wegbereiter ethischer Investments in Österreich gilt, beobachtet seit vier Jahrzehnten grundlegende Veränderungen. Kriege, Klimawandel, Energieknappheit und neue politische Rahmenbedingungen stellten bisherige Anlagekriterien zunehmend auf den Prüfstand. Besonders deutlich werde das am Umgang mit Rüstungsunternehmen: Deren wirtschaftlicher Erfolg zeige, dass „nachhaltig“ nicht automatisch „ethisch“ bedeute.
Für Bergauer beginnt verantwortungsvolle Veranlagung deshalb nicht bei einem Gütesiegel, sondern bei der persönlichen Haltung. Anleger wie Berater müssten klären, wie sie zu sozialen, menschlichen und ökologischen Fragen stehen. Dabei sei es legitim, wenn Berater keine Produkte anböten, die ihren eigenen Grundsätzen widersprechen. Er selbst schließe Unternehmen aus, die Waffen produzieren oder mit menschenverachtenden Geschäftspraktiken verbunden seien.
In Beratungsgesprächen stellte Bergauer seinen Kunden häufig zunächst eine unerwartete Frage: „Was wollen Sie nicht?“ Diese zwinge Anleger dazu, Prioritäten und Ausschlusskriterien zu formulieren. Entscheidend seien für ihn drei Aspekte: das Verhältnis von Preis und Qualität, das „rechte Maß“ als Gegenentwurf zur Gier sowie Ehrlichkeit und Nachvollziehbarkeit. Kunden sollten verstehen können, woher Erträge stammen und welche Wirkung ihr Geld entfaltet. „Die Einstellung des Kunden zu spiegeln, ist unsere Dienstleistung als Berater“, sagte Bergauer. Zugleich müsse vor groben Fehleinschätzungen geschützt werden.
Auch die Energiewende verlangt aus seiner Sicht eine differenzierte Betrachtung. Der Ausstieg aus fossilen Energieträgern sei notwendig, alternative Energien hätten sich zu einer eigenständigen Industrie entwickelt. Gleichzeitig steige der Strombedarf durch Elektromobilität, künstliche Intelligenz und andere neue Technologien stark an. Bei der politischen und wirtschaftlichen Planung seien Netzausbau und Speichermöglichkeiten jedoch nicht ausreichend berücksichtigt worden. Das hat auch eine Neubewertung zu Einschätzungen von Atomkraft geführt. Gefragt sei daher nicht das schnelle Geld, sondern eine langfristige und durchdachte Entwicklung.
Besondere Bedeutung misst Bergauer den Richtlinien der Österreichischen Bischofskonferenz für Geldanlagen der Kirche bei. Deren Ursprung liegt in einem kurzen Kriterienkatalog, den er gemeinsam mit dem inzwischen verstorbenen Altabt Gregor Henckel-Donnersmarck entwickelte. Aus dem Papier mit Ausschluss- und Positivkriterien entstand später ein umfassendes Regelwerk, das auch im Vatikan als Vorbild für kirchliche Investments gilt.
Für die Zukunft erwartet Bergauer, dass die soziale Dimension nachhaltiger Geldanlagen stärker in den Vordergrund rückt. Neben Solidarität seien Bildung, Forschung und die transparente Bewertung von Unternehmen entscheidend. Orientierung könnten die UN-Nachhaltigkeitsziele und etablierte Kennzeichnungen wie das Österreichische Umweltzeichen bieten. Sein Fazit: Ethisches Investieren bleibt ein fortlaufender Prozess – getragen von Bewusstsein, nachvollziehbaren Kriterien und der Bereitschaft, das eigene Handeln immer wieder zu hinterfragen.