HEALTH ECONOMY
Wie Kommunikation die Impfquote heben kann © BMSGPK/Lisa Kirchmayer

Österreich liegt bei der Durchimpfungsrate unter dem EU-Schnitt. Was helfen könnte, wäre eine bessere Aufklärung, sagen Kritiker.

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Österreich liegt bei der Durchimpfungsrate unter dem EU-Schnitt. Was helfen könnte, wäre eine bessere Aufklärung, sagen Kritiker.

Redaktion 17.09.2021

Wie Kommunikation die Impfquote heben kann

Viele Impfskeptiker sind vor allem verunsichert. Information könnte helfen, doch dabei passieren viele Fehler.

••• Von Martin Rümmele

WIEN. Im EU-Vergleich liegt Österreich in Sachen Durchimpfungsraten klar unter dem Durchschnitt und insgesamt nur an 16. Stelle – nur noch vor Ungarn, Griechenland, Tschechien, Estland, Polen, Slowenien, Lettland, Slowakei, Kroatien, Rumänien und Bulgarien. Regierungsvertreter machen dafür vor allem die FPÖ verantwortlich, die Stimmung gegen die Impfung mache. Das Problem dürfte aber tiefer liegen – Impfskeptiker sind oft einfach verunsichert, nicht ausreichend informiert und kommen aus Bevölkerungsschichten, die nicht zur Zielgruppe von Türkis oder Grün gehören.

Impf-Alternative bremst

Es dürften aber auch kommunikatorische Fehler gemacht worden sein. So lief vor dem Sommer die Rot-Kreuz-Kampagne für die Regierung aus, und die Ankündigungen, dass im Sommer alles vorbei sei – „Sommer wie damals”, „Sommer wird cool” – dürfte bei vielen ängstlichen Menschen den Eindruck erweckt haben, dass Impfen nicht wirklich nötig ist. Dazu kam mit den Tests und den so möglichen Zugängen zu Gastronomie und Co., dass eine einfache Alternative zur Impfung geschaffen wurde.

Und die Kommunikationsprobleme dürften weitergehen. Dem Epidemiologen Gerald Gartlehner fehlt etwa im nun vorgestellten „Stufenplan” der Regierung, „dass eigentlich nichts dabei ist, das die Ursache des Problems behandelt – nämlich, wie wir die Impfrate erhöhen”. Man müsse sich vor Augen halten, dass die sich zuspitzende Covid-19-Situation „völlig vermeidbar” ist, wenn sich mehr Leute impfen lassen würden. Dass der Fokus nun auf den Krankenhauskapazitäten liegt, findet Gartlehner „gut”. Leider handle es sich bei diesem Paket aber um „Symptombekämpfung”, die noch dazu nicht unmittelbar einsetzen soll, sagt der Experte für Evidenzbasierte Medizin von der Donau-Uni Krems: „Es sieht ja jeder, in welche Richtung es geht und worauf man sich vorbereiten muss.” Außerdem sei es in Österreich „fast noch ein bisschen zu bequem, ungeimpft zu sein”.

Skeptiker schlecht informiert

Erkenntnisse, wie die Kommunikation ankommt, liefert das Gallup-Institut, das in Kooperation mit dem Medienhaus Wien die Corona-Stimmung seit Ausbruch der Pandemie erhebt. 74% der Bevölkerung fühlen sich sehr gut oder gut über die Coronapandemie informiert. Bei nicht impfbereiten Personen ist der gefühlte Informationsstand schlechter: 60% meinen, sie seien sehr gut oder gut im Bilde. Hinsichtlich Informationen zur Impfung fühlen sich Impfverweigerer zu 52% sehr gut oder gut informiert. Dabei zeigt sich, dass nicht impfbereite Personen besonders oft vermeiden, aktiv Corona-Nachrichten zu rezipieren. 62% verzichten sehr häufig oder häufig bewusst auf diese; bei bereits geimpften oder impfbereiten Personen sind es 31%.

Kampagne erreicht Ziel nicht

Als Ursache führt Andrea Fronaschütz, Leiterin des Gallup-Instituts, den Faktor Vertrauen ins Treffen. Rund die Hälfte der Impfverweigerer vertraut den Medien nicht und erachtet Nachrichten als einseitig und oberflächlich. „Verweigerer meinen, sie hätten keine vertrauenswürdige Quelle”, sagt Fronaschütz. Die Informationskampagne der Bundesregierung zum Thema stößt zudem auf wenig Gegenliebe: Nur 25% halten die Kampagne für sinnvoll, 15% für nützlich. Für 63% der Impfverweigerer stellt sie eine Verschwendung von Steuergeldern dar. „Bei Impfverweigerern kommt man auf diesem Weg praktisch nicht mehr an”, konstatierte Medienhaus-Wien-Geschäftsführer Andy Kaltenbrunner.

Ärzte sollen helfen

Teils seien die Inserate auch kontraproduktiv, da sie einen Abwehrreflex hervorrufen. Kaltenbrunner empfiehlt, bei den Kommunikationsmitteln auf neue Wege zu setzen. Helfen soll nun die Ärztekammer, die eine eigene Kampagne starten soll, berichtete zuletzt Gesundheitsminister Wolfgang Mückstein (Grüne). Dort setzt man auf Beratung und das direkte Gespräch zwischen Arzt und Patient. Aus Sicht der Patientensicherheit ist es ungerechtfertigt, sich nicht gegen SARS-CoV-2 impfen zu lassen, sagt Ärztekammerpräsident Thomas Szekeres.

Lockerung dank Impfungen

„Mein Appell an alle Menschen ist: Lassen Sie sich impfen, denn es ist wirkungsvoll, sicher und der einzige Weg aus der Pandemie.” Wer von Fake-News so verunsichert ist, dass er sich vor der Covid-19-Impfung fürchtet, solle sich von seinem niedergelassenen Arzt beraten lassen. „Es muss uns gelingen, die Leute besser aufzuklären.” Für Szekeres ist es enttäuschend, dass „der einzige Schlüssel, um die Pandemie einzudämmen”, so inkonsequent genutzt wird. In Dänemark könne man dank einer Durchimpfungsrate von über 80% die Covid-19-Maßnahmen zurücknehmen, in Österreich müsse man die Restriktionen wegen der geringen Impfbereitschaft wieder hochfahren. Das heißt, für die einen gibt es ein Leben nach Covid-19, für die anderen eine Fortsetzung des Lebens mit dem Coronavirus, meint er.

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