MAILAND. Zum 64. Mal ist der Salone del Mobile Milano heuer über die Bühne gegangen, und er zeigt – obwohl nach menschlichem Maßstab schon im Pensionsalter – noch keine Ermüdungserscheinungen. 316.342 Besucher, um 4,5% mehr als im Vorjahr, allerdings noch deutlich unter (–18%) dem bisherigen Rekord von 2019, können durchaus als Erfolg gewertet werden.
„In einem Jahr, das von instabilen Märkten und wachsender internationaler Komplexität geprägt war, hat die Veranstaltung die Herausforderungen mit einem Angebot gemeistert, das industrielle Stärke, Designqualität, kulturelle Inhalte und neue Geschäftsmöglichkeiten vereint“, zieht Messe-Chefin Maria Porro ein positives Fazit. „Es war nicht nur ein Erfolg für die Messe selbst, sondern für die gesamte Branche: ein Ergebnis von Teamarbeit, einer gemeinsamen Vision und des Dialogs zwischen verschiedenen Welten, die hier eine konkrete Synthese finden. Der Salone bringt die Welt des Designs nicht nur zusammen: Er bringt sie in Bewegung. Er verwandelt Besucherzahlen in Beziehungen, Inhalte in Chancen und Komplexität in Orientierung.“
Deutliches Besucherplus
Ob sich das Fachbesucher-Plus à la longue auch in den Auftragsbüchern der Aussteller positiv niederschlägt, wird sich noch zeigen. Die Analyse der Messebesucher nach Herkunftsland zeigt einen Aufwärtstrend in vielen Regionen. In absoluten Zahlen dominierte erneut China. Auf Platz zwei liegt Deutschland (+5,1% gegenüber 2025), danach Spanien (+8,7%). Besonders kräftig war das Besucherplus aus Österreich (+15,7, Platz 13) und aus Belgien kamen deutlich mehr Messegäste als im Vorjahr (+7,3%).
„Europa hat ein eindrucksvolles Comeback hingelegt, was darauf hindeutet, dass der Alte Kontinent eine zentrale Rolle bei der Gestaltung neuer Wachstumspfade spielt“, kommentiert Claudio Feltrin, Präsident von FederlegnoArredo, dem Dachverband der italienischen Holz- und Möbelindustrie, die Entwicklung. Ebenso seien – ungeachtet Trumps Zoll- und Wirtschaftspolitik – ermutigende Trends aus den USA (+8,8%) zu erkennen. Zudem habe der Salone für Fachbesucher aus Kanada (+28%) und Mexiko (+15%) deutlich sichtbar an Bedeutung gewonnen.
Internationalisierung
Ein Zeichen dafür, dass die vom italienischen Außenministerium unterstützte Internationalisierungsoffensive, die im Vorjahr gestartet wurde, bereits erste Früchte trägt: Sie reicht von der Expo Osaka 2025 über die dreijährige Partnerschaft mit der Art Basel in Miami Beach und Hongkong sowie B2B-Reisen nach Indien, in die Vereinigten Staaten, nach Kanada und China bis hin zur ersten Ablegerveranstaltung des Salone del Mobile in Saudi-Arabien. Auch Werbeaktivitäten an den führenden europäischen Standorten, von Paris über London und Berlin bis nach Madrid, gehören dazu.
Botschafter für Design
Die Ernennung des Branchen-Events zum „Botschafter des italienischen Designs weltweit“ geht weit über die rein messebezogene Ökonomie hinaus. „Ich wollte die Rolle würdigen, die der Salone del Mobile.Milano bei der Stärkung des internationalen Profils unseres Landes spielt“, so der italienische Außenminister Antonio Tajani. „Im Laufe der Jahre hat die Veranstaltung Design weltweit als Markenzeichen des ‚Made in Italy‘ und als Motor für nachhaltige Entwicklung gefördert und damit Italiens internationalen Ruf als Zentrum für kreative, produktive und bildungsbezogene Exzellenz in diesem Sektor gefestigt.“
„Dieser Titel hat für uns große Bedeutung, da er eine Vision widerspiegelt, die Design als Schlüsselinstrument der Wirtschafts- und Kulturdiplomatie sowie als strategischen Hebel für die internationale Präsenz der italienischen Wirtschaft anerkennt“, sagt Porro, die mit ihrem Team kontinuierlich das Messeformat optimiert und erweitert.
Neue Projekte
Ein wichtiges Thema dabei ist, Design in einen breiteren Kontext zu setzen. Unter dem Titel „abito“ – der Begriff bezeichnet nicht nur den Anzug, sondern steht auch für eine Art, in der Welt zu leben – wurde thematisiert, wie sich die Rolle der Frau seit Anfang des 20. Jahrhunderts gewandelt hat und wie sich Haushaltsgegenstände und Wohnumgebungen daran anpassen. Das Präsentationskonzept war im Grunde simpel (eine chronologische Gegenüberstellung), aber eindrücklich; die einstigen Fashion-Trends wirken von gestern und haben nur noch historische Bedeutung, Designmöbel (alle gezeigten Stücke werden bis heute produziert) hingegen überdauern die Epochen. Immer öfter rücken solche Design-Klassiker sogar zum begehrten Sammelobjekt auf.
Sammlermarkt
Dass die Grenzen zwischen Design und Kunst immer durchlässiger werden und insgesamt die Nachfrage nach besonderen Stücken zunimmt, adressiert die Messe heuer erstmals mit einer eigenen Sonderschau. Im „Salone Raritas“ präsentierten insgesamt 28 Galerien, Manufakturen und Designer ein vielfältiges Potpourri aus außergewöhnlichen Unikaten, Kleinserien- und Vintage-Objekten. Obwohl das Konzept noch nicht ausgereift ist – die Antiquitäten passten nicht ganz in das recht avantgardistische Umfeld –, war die Premiere des „Salone Raritas“ erfolgreich und lässt auf mehr für die Zukunft hoffen.
Großer Masterplan
Aktuell laufen schon die Vorbereitungen für das nächste Jahr, die 65. Ausgabe ist ja so etwas wie ein Jubiläum. Und diese wird mit dem „Salone Contract“ erstmals eine Plattform für alle Akteure im Projektgeschäft bieten. Entwickelt wurde der Masterplan von den beiden Architekten Rem Koolhaas und David Gianotten.
Die Ausstattung von Hotels, Wohnbauprojekten oder Bürogebäuden gewinnt für Hersteller und Designer immer größere Bedeutung, hat aber auch ihre Tücken.
„In vielen Bereichen sind diese Systeme mittlerweile so komplex geworden, dass sie für Designer und Architekten zunehmend unzugänglich sind. Unsere Zusammenarbeit mit dem Salone zielt darauf ab, die Voraussetzungen zu schaffen, unter denen diese Bereiche sichtbar werden können, indem wir Branchen, Investoren, Designer und Betreiber miteinander verbinden und so ein Ökosystem bilden, anstatt eine Abfolge isolierter Transaktionen“, so Koolhaas bei der Vorstellung des Konzepts, das viel Interesse erregte.
Roadshow
Ab September 2026 wird der „Salone Contract“ im Rahmen einer internationalen Roadshow durch die wichtigsten Regionen mit Großprojekten gehen.
Zu den Highlights der diesjährigen Messe gehörte aus Sicht vieler Besucher die Installation „Aurea, An Architectural Fiction“. Mit der zeigte der Pariser Innenarchitekt Oscar Lucien Ono seine persönliche Vision eines Luxushotels. „Es soll eine Gastlichkeit zum Ausdruck bringen, in der Architektur und Design durch eine erzählerische Komposition und einen einfühlsamen Dialog zwischen Licht und Materie intime Szenarien gestalten“, beschreibt er den Ansatz.
Das Interieur ist ein bunter Mix aus Art déco, Surrealismus, Orientalismus, Mythologie und Film-Set. Viel Gold und Glitzer, Samt und Damast, es erinnert an die pompösen Grandhotels des Fin de Siècle.
Ein Faible für die (vermeintlich) gute, alte Zeit hat aber nicht nur Ono. Insgesamt liegt Retro im Trend. Farben spielen nach dem Minimalismus der Postcovid-Zeit wieder eine deutlich größere Rolle. So gab es etwa viel Orange – von soft bis knallig – und Braun, was fast sofort Erinnerungen an die 70er weckt.
Ebenfalls stark vertreten war Rot in den unterschiedlichsten Nuancen, Grün und Blau. Dass heuer Cloud Dancer, ein cremiges Weiß, vom Pantone-Institut zur Trendfarbe erklärt wurde, kümmert im Einrichtungssektor – anders als in der Mode – kaum jemandem.
Viele Möglichkeiten
Was außerdem aufgefallen ist, ist, dass die klassische Trennung in Möbel für den Innen- und Außenbereich zunehmend aufgehoben wird. Sofas aus dem Wohnzimmer gibt es zunehmend auch in einer Outdoor-Version mit wetterfestem Bezug. Outdoor-Küchen gewinnen an Beliebtheit – ein echter Trend sind sie aber auch im Luxussegment (noch) nicht. Das Fehlen großer, übergeordneter Trends, denen alle nachjagen, ist im Grunde aber positiv. Die Wohnung ist der persönlichste Bereich und da gilt beim Einrichten: Erlaubt ist, was gefällt.
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