Leitartikel ••• Von Sabine Bretschneider
IMPACT. Oktober 1990: „Den Wissenschaftern mangelt es international noch erheblich an Daten und Erkenntnissen, um das Ausmaß der Erwärmung der Erdatmosphäre und auch die Auswirkungen genauer vorhersagen zu können“, berichtet die APA. Die Erwärmung könnte in einigen Regionen der Erde durchaus positive Folgen haben, hebt zeitgleich ein russischer Meteorologe bei der Zweiten Weltklimakonferenz in Genf hervor. In Kanada, Alaska und Sibirien könne die Erwärmung der Atmosphäre mehr Boden für die Landwirtschaft nutzbar machen. Die damalige UdSSR und die USA wehren sich gegen die geforderte CO2-Verringerung. Auch Finnland und Schweden versprechen sich plötzliche Vorteile vom Treibhauseffekt. Ein Kompromisspapier wird präsentiert.
Zwei Jahre später, beim UNO-Weltgipfel in Rio de Janeiro: Die globalen Temperaturen könnten im Laufe des bevorstehenden Jahrhunderts um zwei bis fünf Grad zunehmen, heißt es jetzt. USA und Japan sträuben sich mit Blick auf ihre Wirtschaft. Eine weitgehende konsequenzbefreite „Erd-Charta“ wird diskutiert.
Schon ein paar Jahre zuvor, 1986, wollten Manager des niederländisch-britischen Mineralölriesen Shell es genau wissen und beauftragten die „Arbeitsgruppe Treibhauseffekt“, sechs konzerneigene Wissenschaftler, mit einem Bericht zum Thema. Zwei Jahre später lag er vor, Vermerk „vertraulich“. Darin schildern die Forscher die Effekte des bei der Verbrennung von fossilen Energieträgern freigesetzten Kohlendioxids auf den Planeten. Steigende Temperaturen, steigende Meeresspiegel, destabilisierte Ökosysteme, Hunger, Wassernot, Extremwetter. Die darin enthaltenen Zahlen und Prognosen sind geradezu faszinierend korrekt.
Im Jahr darauf tat sich Shell mit Ölmultis wie Chevron, BP und Exxon zusammen, gründete die Organisation „Global Climate Coalition“ und schürte mit einem Millionenetat systematisch Zweifel am Wahrheitsgehalt der Klimaforschung. Der Klimawandel schreitet fort. Die Wirkung der Desinformationskampagne hält bis heute an.