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Der ESC ist Kult, und deshalb ein Publikumsmagnet © ORF/Günther Pichlkostner

Stefan Zechner

© ORF/Günther Pichlkostner

Stefan Zechner

Redaktion 15.05.2019

Der ESC ist Kult, und deshalb ein Publikumsmagnet

Stefan Zechner ist seit vielen Jahren  Delegationsleiter der österreichischen ORF-Delegation beim Song Contest. „medianet“ bat ihn vor Ort zum Interview.

TEL AVIV. Seit vielen Jahren ist Stefan Zechner bereits Delegationsleiter der Österreich-Delegation im jeweiligen ESC-Gastgeberland. „medianet“ traf Zechner vor Ort in Tel Aviv und sprach mit ihm über seine Aufgabe und über die Besonderheiten des Eurovison Song Contest und seine Bedeutung für den ORF als öffentlich- rechtlicher Sender.

medianet: Herr Zechner, Sie sind ja der Delegationsleiter und damit verantwortlich für die ganze Gruppe jener Menschen, die im Namen des ORF hier in Tel Aviv ist. Jetzt gab es im Vorfeld Bedenken bezüglich der Sicherheit. Wenn ich mir das so ansehe, dann habe ich das Gefühl, dass es in Kiew oder in Lissabon viel mehr Polizei auf der Straße gab. Das ist hier gar nicht der Fall. Wie ist hier Ihr Eindruck?

Zechner: Ja, das ist genau mein Eindruck. Wir haben uns im Vorfeld sehr stark mit dem Thema Sicherheit beschäftigt, weil ja, bevor wir hergekommen sind, auch schon die ersten Raketen abgefeuert worden sind. Und auch jetzt sind wir täglich mit der Botschaft in Kontakt und lassen uns die Sicherheitslage erklären. Ich glaube, der große Unterschied ist, dass das für die Bevölkerung hier Normalität ist. Und so kommt es einem auch vor, wenn man am Strand oder in der Stadt spazieren geht: Es sind nicht nur die Touristen, die hier eigentlich nichts mitbekommen, sondern auch die einheimische Bevölkerung. Ich glaube, die Bevölkerung hat einfach einen anderen Zugang zu dem Thema, weil sie unter offensichtlich wirklich großartigem Sicherheitsschutz steht. Aber merkbar ist für uns so gut wie nichts. Wie Sie richtig gesagt haben: Bei anderen Song Contests war mehr Security spürbar als hier in Israel.

medianet: Das meiste Ihrer Arbeit passiert ja schon im Vorfeld, also in Österreich - was ist denn Ihre Hauptaufgabe hier vor Ort? 

Zechner: Das stimmt, das meiste passiert im Vorfeld. Roman Horacek, unser Head of Press, hat hier vor Ort sicher noch wesentlich mehr zu tun als ich. Seine Aufgabe ist es, ganz viele Interviews unter einen Hut zu bringen, die gesamte Crosspromotion zu organisieren. Meine Aufgabe ist es, für die Proben des Künstlers gut vorbereitet zu sein. Dass er entspannt ist, dass er bei der Sache ist, etc. So ein bisschen die Stimmung zu beobachten und auch, dass der Künstler genügend Freizeit hat, aber trotzdem professionell an die Sache herangeht. 

medianet: Paenda ist eine sehr eigenständige Künstlerin, die bei der künstlerischen Umsetzung klare Vorstellungen davon hat, was sie möchte und was sie nicht möchte. Tangiert Sie das in irgendeiner Art und Weise als Delegationsleiter oder haben Sie damit weniger zu tun?

Zechner: Doch, wir sprechen natürlich viel darüber, was ihr gefällt und was ihr nicht gefällt. Hier hat es auch im Vorfeld schon viele Gespräche gegeben. Mir ist es eigentlich fast lieber, wenn ein Künstler eine sehr genaue Vorstellung davon hat, was er machen soll. Das gehört für mich zu dem Bild eines Künstlers dazu, dass er ein Ziel hat, das nicht nur der Song Contest per se ist. Auf der anderen Seite bringen wir natürlich unsere Expertise dahingehend ein, was für eine Fernsehsendung gut ist. Am Ende des Tages ist die Eurovision die größte Musikfernsehsendung, also das muss man schon unter einen Hut bringen. Aber das funktioniert im Normalfall mit Künstlern, die sehr zielgerichtet sind, sehr gut. 

medianet: Sie haben schon sehr viele Song Contests erlebt. Israel gilt sozusagen als eine der Hardcore-Länder, wenn es um den Song Contest geht. Wie würden Sie denn den Song Contest in Tel Aviv einsortieren?

Zechner: Es hat Song Contests gegeben, die besser organisiert waren. Da geht es aber um Kleinigkeiten, etwa wenn Taxis bestellt wurden, die dann nicht kommen. Am Ende des Tages ist das aber egal. Ich habe mit ein paar Israelis gesprochen und die haben gemeint, es gehöre auch irgendwie zu ihrem Lebensstil dazu, alles auf den letzten Drücker zu machen. Wenn man zwei Wochen vor Ort ist und einen gewissen Plan hat, dann ist das natürlich manchmal ein bisschen anstrengend. Aber am Ende des Tages wird es eine tolle Show werden. Von der Stimmung her in der sogenannten Bubble, also in der Veranstaltungshalle, bekommen wir noch relativ wenig mit. Wie die Gesamtstimmung ist, können wir also noch nicht wirklich sagen, aber ich gehe davon aus, dass sie großartig ist. Denn wie Sie sagen, in Israel lebt ein Teil der Bevölkerung den Song Contest einfach so richtig mit.

medianet: Warum ist es für den ORF als öffentlich-rechtlicher Sender und Partner der EBU wichtig, den Song Contest auszutragen? Er wurde ja nicht immer ganz ernst genommen. 

Zechner: Die Zeit, als der Song Contest nicht ernst genommen wurde, ist vorbei. In meiner Wahrnehmung hat sich der Song Contest in den letzten Jahren sehr gut zu einem seriösen Bewerb mit hochqualitativer Musik entwickelt. Natürlich gibt es auch immer lustige und aufregende Geschichten, dieses typische Song Contest-Ding eben, mit Windmaschine und Feuerwerk und was es dazu alles braucht. Aber in den letzten Jahren war es sicher so, dass zumindest fünf, wenn nicht mehr Acts in den verschiedenen Ländern in den Power-Plays gelaufen sind. Und diese Ernsthaftigkeit, gute Popmusik zu produzieren, ist sicher gestiegen in den letzten Jahren. 

medianet: Welchen Stellenwert hat der Song Contest als Live-Event für klassische TV-Sender in einer Zeit, wo man sich über Netflix und Co. jederzeit alles holen kann, was man möchte? Woher kommt diese Faszination, dass sich weltweit immer noch sehr sehr viele Menschen diesen Fernseh-Event anschauen?

Zechner: Den Song Contest gibt es seit Jahrzehnten. Ich sage auch immer, wenn man mit dem Konzept dieser Sendung heute zu einem Fernsehsender gehen würde, dann würde jeder sagen, das ist unfinanzierbar und nicht machbar, dramaturgisch nicht wahnsinnig toll, weil man im Finale das selbe wie im Semifinale sieht. Das hat sich über die Jahrzehnte hin einfach zu einem Kult entwickelt, und ich glaube auch als öffentlich-rechtlicher Sender bei einem Event dabei zu sein, den 250 Millionen Menschen nicht nur in Europa, sondern auch in China, in Australien, etc. sehen, ist glaube ich berechtigt, und auch die Botschaft der Diversity ist schon etwas Gutes in Zeiten wie diesen. (fej)

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