••• Von Georg Sohler
Die alte Welt liegt im Sterben, die neue ist noch nicht geboren. Es ist die Zeit der Monster.“ Dieser Satz von Antonio Gramsci beschreibt die heutige Medienrealität recht gut: Noch erscheinen heimische Tageszeitungen gedruckt, wie lange noch und in welcher ePaper- oder 9:16-Form es weitergeht, ist noch offen – und dazwischen machen sich Fake News und KI-generierter Unsinn breit. Maximilian Dasch ist Präsident des Verbands Österreichischer Zeitungen und spricht im medianet-Interview über den gegenwärtigen Zustand der rot-weiß-roten Medien.
medianet: Die Weltlage hat Auswirkungen auf Österreich, somit auch auf den Verband Österreichischer Zeitungen (VÖZ). Wie geht es den Zeitungen?
Maximilian Dasch: Im vergangenen Jahr musste unsere Branche einen deutlichen Aderlass hinnehmen. Rund 300 Personen sind einvernehmlich oder durch Kündigungen davon betroffen. Das ist alles andere als rosig. Wenn man sich das aktuelle Jahr ansieht, dämpfen Krisen und Kriege die Konsumlaune und die Wirtschaft steht wie noch nie zuvor unter Druck. Das hat Auswirkungen auf die Werbespendings und somit die gesamte Medienbranche. Was bei klassischen Medienhäusern dazu kommt, ist das x-te Jahr der digitalen Transformation. Zudem müssen wir Preissteigerungen überproportional abfedern– das ist eine Spur drastischer als in anderen Wirtschaftsbereichen.
medianet: Ist die Talsohle schon erreicht?
Dasch: Das ist aus heutiger Sicht schwer einzuschätzen. Allerdings sind große Einstellungswellen aktuell nicht zu erwarten, und was wir sicherlich benötigen, ist ein wirtschaftlicher Aufschwung. An einer Sache halte ich fest: Qualitätsorientierter Journalismus mit Mehrwert und USP wird auch in Zukunft seinen Platz finden. Das ist für unsere Demokratie notwendig.
medianet: Die Bundesregierung reformiert derzeit ständig. Wie schätzen Sie die jüngsten Vorschläge ein?
Dasch: Für uns ist wesentlich, dass die bereits zugesicherten Fördermaßnahmen nun rasch umgesetzt werden. Es geht nicht um einen radikalen Umbau des Fördersystems, dafür ist die Zeit einfach zu knapp. Die schon im Regierungsprogramm niedergeschriebene Zustellförderung ist ein wichtiges Werkzeug, damit die Versorgung aller Bevölkerungsgruppen mit relevanten und qualitätsvollen Informationen sichergestellt werden kann. Auch der Fokus auf die jüngeren Zielgruppen, die sich überwiegend im digitalen Raum bewegen, sollte nicht aus den Augen verloren werden.
medianet: Die Regierung hat das Social-Media-Verbot beschlossen. Rechnen Sie hierbei mit einem Vorteil für ‚Legacy Media‘?
Dasch: Es ist höchst an der Zeit, dass entsprechende Maßnahmen gesetzt werden. Das angesprochene Verbot kann meines Erachtens allerdings nur der Anfang sein. Hier sehen wir national und auf europäischer Ebene Handlungsbedarf, denn durch das Host-Provider-Privileg (d.h., dass diese grundsätzlich nicht für rechtswidrige Inhalte ihrer Nutzer haften, solange sie keine Kenntnis davon haben, Anm.) können sich die Plattformen ihrer Verantwortung einfach entziehen. Es ist an uns als Gesellschaft, die spaltende Wirkung und seinen gesellschaftszersetzenden Einfluss zu minimieren.
medianet: ‚Mit großer Macht kommt große Verantwortung‘, sagte Onkel Ben zu Spider-Man – Soziale Medien sind für Zeitungen ebenfalls ein zweischneidiges Schwert, weil man dort ausspielt bzw. ausspielen muss, aber Werbegelder abgesaugt werden. Kann man durch Pod- und Videocasts sowie 9:16 mehr in den Becher hineingießen als unten Richtung Silicon Valley abfließt?
Dasch: Unser Medium, die Salzburger Nachrichten, ist dem Mediengesetz und klaren ethischen Standards unterworfen, wir orientieren uns an handwerklichen Richtlinien. Daraus folgt ein Selbstverständnis, wie wir mit Inhalten umgehen. Für Fehler stehen wir natürlich ein. All das liegt unserem Schaffen zugrunde. Diese Spielregeln gelten für Social Media nicht. Content rein über Plattformen auszuspielen, konterkariert unser eigentliches Geschäftsmodell.
medianet: Diese Arbeitsweisen sind das, was man KI-generierten Unsinn oder dem US-Prinzip von ‚Flood the Zone with Shit‘ entgegnen kann. Sehen Sie hierbei eine Chance?
Dasch: Ich hoffe nicht, dass man sich diese Art der politischen Kommunikation zum Vorbild nimmt. Wir als Medien müssen uns auf unsere Stärken fokussieren, das heißt Qualität im Journalismus und ein professionelles Handwerk. Das bedeutet auch Nachvollziehbarkeit und Transparenz in den Arbeitsweisen. Im Zuge von Medienkompetenzinitiativen wollen und müssen wir erklären, wie ein Verlag strukturiert und organisiert ist und wie das die Unabhängigkeit der Berichterstattung sicherstellt. Daraus folgt eine sukzessive und schärfere Differenzierung gegenüber neuen Formen der Kommunikation. Dazu braucht es jedoch nicht nur unsere Branche, sondern auch Mitstreiter in Politik, Wirtschaft und der Zivilgesellschaft. Ich sage das bewusst so: Nur so können wir mit einer freien und vielfältigen Medienlandschaft unsere Demokratie erhalten.
