agency log #115: Generationenprojekt Agentur, ein sehr persönlicher Deep-Talk mit Vater & Sohn Reichl.

Die Reichl und Partner Kommunikations-Gruppe zählt mit Standorten in Linz, Wien, Graz und Salzburg sowie mehr als 170 Mitarbeitern zu den großen inhabergeführten Agenturgruppen Österreichs. Im medianet-TV-Format „agency log“ sprach Herausgeber Chris Radda mit Gründer Rainer Reichl und dessen Sohn Matthias Reichl, der mit Jahreswechsel die Rolle des Group CEO übernommen hat.

Anlass des Gesprächs war nicht nur der Generationswechsel, sondern auch der jüngste Erfolg der Gruppe bei der medianet X night 2026: Reichl und Partner war dort die meist ausgezeichnete Agenturgruppe und stand in zehn Kategorien achtmal am Stockerl.

Rainer Reichl blickte auf die Anfänge Ende der 1980er-Jahre zurück. Marketing sei damals ohne heutige IT-Unterstützung kaum mit der Gegenwart vergleichbar gewesen. Früh habe ihn Technologie fasziniert: „Wir waren technologisch immer vorne dabei“, sagte Reichl. Besonders der Apple Macintosh sei für die Agentur ein Schlüsselmoment gewesen. Ähnlich revolutionär sieht er heute künstliche Intelligenz: „KI ist eigentlich genau der Zeitpunkt, den ich damals erlebt habe mit Apple Macintosh.“ Sie ermögliche auch einer international kleinen Agentur, Kunden weltweit zu betreuen.
Als wesentliches Asset bezeichnete Reichl nicht nur Technik, sondern vor allem das Team. „Wir hatten immer eine klare Vision“, sagte er. Mitarbeiter würden erst dann wirklich gut, wenn sie diese Vision verstehen und mittragen. Viele Führungskräfte und langjährige Mitarbeiter seien über Jahrzehnte gewachsen. Der Zusammenhalt sei „eigentlich das Asset“, ebenso das kultivierte Wissen im Unternehmen.
Matthias Reichl schilderte seinen Weg in die Gruppe als organische Entwicklung. Er sei zwar in einer Unternehmerfamilie aufgewachsen, aber nie in eine Rolle gedrängt worden. Schon mit elf beziehungsweise zwölf Jahren habe er erste Technologieprojekte gestartet. 2020 trat er operativ in die Agentur ein. Prägend sei für ihn die Verbindung aus Unternehmertum, Technologie, Design und Kreativität gewesen.

Auch die Rolle der Familie wurde offen angesprochen. Rainer Reichl verwies auf seine Frau Silvia Reichl, die im Hintergrund als CFO wesentlich zur Stabilität beigetragen habe. Matthias Reichl beschrieb diese Balance als entscheidend: Der Vater habe das „stürmische, kreative Unternehmerische“ eingebracht, die Mutter den kontrollierenden, finanziellen Blick.
Der Übergang an die nächste Generation wurde über Jahre vorbereitet. Begleitet von externer Family-Governance-Expertise habe die Familie Fragen zu Zukunft, Verantwortung und Wissenstransfer geklärt. Rainer Reichl sprach auch von einer Unternehmensverfassung, die Mitarbeitern Sicherheit über Strategie und Entwicklung geben solle. Beteiligungsmodelle und neue Honorarsysteme würden seit längerem diskutiert.

Zur Zukunft der Agenturen zeichnen beide ein klares Bild: Kommunikation werde ganzheitlicher, strategischer und stärker sinnorientiert. Themen wie CSR, Nachhaltigkeit, Klimaticket oder Gesundheitskommunikation spielten eine wachsende Rolle. „Reduce, Review, Recycle, Repair“ nannte Rainer Reichl als Richtung. Reine Umsetzer und „Schmähführer“ hätten keine Zukunft. Matthias Reichl betonte: „Umsetzung gehört dazu, aber das Agenturgeschäft verlagert sich immer mehr in die Beratung.“
Kritisch sieht Rainer Reichl die heimische Pitch-Kultur. Reichl und Partner nehme an unbezahlten Wettbewerbspräsentationen nicht mehr teil. Stattdessen setze man auf bezahlte Konzepte oder Testprojekte.
Sehr persönlich wurde das Gespräch beim Thema Krankheit. Rainer Reichl hatte seine Krebsdiagnose vor genau zehn Jahren öffentlich gemacht. „Ein Informationsvakuum ist die Grundlage für Spekulationen“, sagte er. Er würde wieder offen kommunizieren. Aus der Krise sei auch ein neues Geschäftsfeld entstanden: Gesundheitskommunikation. „Gesundheit ist ein Kommunikationsthema“, sagte Reichl.
So wurde das Gespräch weniger zu einer klassischen Agenturpräsentation als zu einer Bestandsaufnahme: über Technologie, Führung, Familie, Krankheit, Verantwortung und die Frage, wie eine Agenturgruppe über Generationen hinweg zukunftsfähig bleibt.

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