•• Von Alexander Haide
Der gebürtige Innsbrucker Mario Gerber ist seit Oktober 2022 Mitglied der Tiroler Landesregierung. Als gelernter Hotel- und Gastgewerbeassistent konnte er in seinen Zwanzigern unter anderem mit Saisonstellen praktische Erfahrung im Tourismus sammeln. Seit 2003 ist der heutige Landesrat für Tourismus, Wirtschaft und Digitalisierung auch in das Familienunternehmen Gerber Hotels im Tiroler Kühtai eingebunden. Damit ist Mario Gerber sowohl mit der praktischen als auch politischen Sicht auf den Tiroler Tourismus vertraut.
Ein Bundesland im Spannungsfeld zwischen den Folgen des Klimawandels, hochpreisigem Tourismus und Fachkräftemangel. Wohin also soll sich der Tourismus in Tirol entwickeln? Im zweiten Teil der medianet-Serie „Tourismus & Politik“ gibt Gerber Antworten auf drängende Fragen.
medianet: Die Nächtigungen in der Wintersaison 2025/26 stiegen um 1,9 Prozent, das sind fast 27 Millionen Nächtigungen. Wie viele Wintertouristen verträgt Tirol? Zum Teil gibt es Kritik aus der Bevölkerung, dass der Andrang in der Hauptsaison zu groß ist und dass Wohnungskosten durch Ferienwohnungen, Stichwort Airbnb, explodieren.
Mario Gerber: Knapp 27 Millionen Nächtigungen sind ein starkes Ergebnis und zeigen, wie attraktiv Tirol als Urlaubsdestination ist. Gleichzeitig müssen wir darauf achten, dass sich der Tourismus gut über das Land und die Saison verteilt.
Unser Ziel ist nicht, immer mehr Gäste in immer kürzerer Zeit an wenigen Orten zu konzentrieren. Wir wollen den Ganzjahrestourismus stärken, die Infrastruktur bestmöglich nutzen und die Wertschöpfung pro Gast erhöhen. So schaffen wir eine gute Balance zwischen erfolgreichem Tourismus und Lebensqualität der Tiroler Bevölkerung.
medianet: Gibt es den ‚Tiroler Weg‘ – Qualität statt Masse?
Gerber: Der ‚Tiroler Weg‘ steht für eine verantwortungsvolle Weiterentwicklung des Tourismus. Im Mittelpunkt steht die langfristige Ausrichtung der Branche – wirtschaftlich erfolgreich, aber gleichzeitig im Einklang mit Natur, Bevölkerung und Lebensraum. Es geht also nicht um möglichst viele Gäste, sondern um einen Tourismus, der nachhaltig Wert schafft und von dem auch die Tiroler Bevölkerung profitiert.
medianet: Im Juni 2026 verzeichnete Tirol einen Rückgang bei den Nächtigungen von beinahe zehn Prozent, da viele Feiertage entfielen. Wie zufrieden sind Sie mit der Sommersaison?
Gerber: Einzelne Monate darf man nicht isoliert betrachten. Feiertage, Ferienzeiten und Wetter haben einen erheblichen Einfluss auf die Zahlen. Entscheidend ist die Entwicklung über die gesamte Saison. Grundsätzlich hat sich der Tiroler Sommertourismus in den vergangenen Jahren sehr erfreulich entwickelt. Mit Bergsport, Natur, Kultur, Kulinarik, Wellness und Erholung haben wir beste Voraussetzungen, diese Entwicklung hin zum Ganzjahrestourismus weiter voranzutreiben.
medianet: Hochpreisdestination Österreich. Wie lange können sich heimische und internationale Urlauber das noch leisten?
Gerber: Tirol ist erfolgreich, weil wir ein hochwertiges Gesamtangebot bieten. Natürlich müssen wir die Preisentwicklung im Auge behalten. Urlaub muss leistbar bleiben, gleichzeitig müssen unsere Betriebe faire Löhne zahlen und in Qualität investieren können. Unser Ziel ist daher nicht, über den Preis zu konkurrieren, sondern über das Preis-Leistungs-Verhältnis. Wer in Tirol Urlaub macht, soll sagen: Das war sein Geld wert.
medianet: Welche Chancen bietet der Klimawandel für den Tiroler Tourismus im Sommer? Tirol als Fluchtpunkt für Menschen, die Hitzewellen entgehen wollen?
Gerber: Der Klimawandel stellt uns vor große Herausforderungen, verändert aber auch die Nachfrage. Tirol kann mit seiner alpinen Lage im Sommer punkten. Wenn Städte von Hitzewellen betroffen sind, werden kühlere Regionen attraktiver. Wir dürfen das aber nicht darauf reduzieren. Tirol muss sich als ganzjährige Destination positionieren – mit Naturerlebnis, Bewegung, Kultur, Kulinarik und Erholung.
medianet: Oliver Fritz vom Wifo prognostiziert, dass es à la longue einen Rückgang der Gäste aufgrund des Schneemangels geben wird. Gibt es hierzu Überlegungen in Tirol? Verstärkter Ausbau von Gletscherschigebieten oder alternativer Betätigungen im Winter?
Gerber: Der Wintersport bleibt eine zentrale Säule des Tiroler Tourismus. Gleichzeitig müssen wir den Wintertourismus unter veränderten klimatischen Bedingungen weiterentwickeln. Neben dem klassischen Wintersport gewinnen Winterwandern, Langlaufen, Wellness, Kulinarik und Kultur an Bedeutung. Wir wollen Tirol weiterhin als starke Wintersportdestination positionieren und gleichzeitig die Vielfalt des Wintererlebnisses ausbauen.
medianet: Spüren Sie den Fachkräftemangel im Tourismus?
Gerber: Ja, der Fachkräftemangel bleibt eine Herausforderung. Entscheidend sind attraktive Arbeitsplätze und gute Rahmenbedingungen – von fairer Entlohnung und zeitgemäßen Mitarbeiterunterkünften über Weiterbildung bis zur besseren Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben. Gleichzeitig müssen wir Potenziale im Inland besser nutzen und dort, wo es notwendig ist, qualifizierte Fachkräfte aus dem Ausland gewinnen.
medianet: Tirol tritt vehement gegen den Bau von Windrädern ein – sie würden die Umwelt ‚verschandeln‘. Als Gegenargument wird die Verbauung der Berge mit Liftanlagen ins Treffen geführt. Gibt es einen Mittelweg?
Gerber: Hier braucht es eine differenzierte Betrachtung. Liftanlagen sind Teil der touristischen Infrastruktur – entscheidend ist eine sinnvolle und maßvolle Entwicklung. Gleichzeitig brauchen wir eine sichere Energieversorgung und müssen auch bei erneuerbaren Energien die jeweiligen Standorte genau prüfen.
Für mich gilt daher: Wir müssen Lösungen finden, die für Tirol, seine Bevölkerung, die Wirtschaft und unsere Natur gleichermaßen vertretbar sind.
medianet: Würde der Ausbau erneuerbarer Energien in Tirol nicht Energiekosten entlasten?
Gerber: Mehr heimische Energieproduktion kann langfristig unsere Versorgungssicherheit stärken und Abhängigkeiten von Energieimporten reduzieren. Gerade die vergangenen Jahre haben gezeigt, wie wichtig eine möglichst eigenständige Energieversorgung ist. Deshalb sollten wir die Potenziale bei Wasserkraft, Photovoltaik und weiteren Technologien bestmöglich nutzen – dort, wo dies wirtschaftlich und langfristig sinnvoll ist.
medianet: Was erwarten Sie von der Wintersaison 2026/27 und gibt es spezielle Highlights für Touristen, die Sie schon verraten können?
Gerber: Ich gehe mit Zuversicht in die kommende Wintersaison. Tirol verfügt über eine starke internationale Position und die Nachfrage nach alpinem Urlaub ist weiterhin hoch. Gleichzeitig wollen wir die Saison breiter aufstellen und die Wertschöpfung im Land halten.
Bei den konkreten Highlights möchte ich noch nicht alles vorwegnehmen. Sicher ist: Tirol wird auch im kommenden Winter mit Wintersport, Natur, Kulinarik, Kultur und gelebter Gastfreundschaft punkten.