••• Von Reinhard Krémer
WIEN. „Die heimische Wirtschaft, allen voran der KMU-Sektor, ist krisenerprobt – ein zarter Aufschwung zeichnet sich ab“. So lautete der Untertitel zu dieser Story vor genau einem Jahr. Und ein Jahr später passt er noch immer. Was war passiert? Nun, es war wie bei der ikonischen Hollywood-Produktion „Und täglich grüßt das Murmeltier“. Doch diesmal ist nicht nur Bill Murray in einer Zeitschleife gefangen, sondern die ganze Welt. Und immer wenn wir dachten, es geht wieder aufwärts, geht’s in Wirklichkeit wieder zurück an den Anfang.
Oranger Furor ungebremst
Wer ist Schuld daran? Nun, ganz zuvorderst wohl der aktuelle Bewohner des Weißen Hauses, der vor nichts und niemand, ja sogar vor Kriegen und einem Brechen jedweder internationalen Norm nicht zurückschreckt, um seinen Allerwertesten zu retten.
Da ist es ein Wunder, dass die Wirtschaft – auch in Österreich – überhaupt noch irgendwie funktioniert. Wie könnte es heuer weitergehen? Nun, die Krise in Nahost erhöht natürlich die Unsicherheiten, dämpft den Aufschwung in Europa, Deutschland und Österreich und lässt die Inflation steigen. „Das Wirtschaftswachstum in Europa dürfte schätzungsweise um 0,4 Prozentpunkte niedriger ausfallen, wenn die Straße von Hormus insgesamt drei Monate gesperrt wäre“, sagt Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank AG.
Für die Konjunktur in Österreich gilt Ähnliches. „Die Erwartungen der Industrie sinken mit März. Es gibt weniger Optimismus als zuletzt. Das Wachstum wird 2026 mit 0,8 Prozent kaum höher als 2025 mit 0,6 Prozent sein. Bei hohen Risikoszenarien könnte das Wachstum sogar bei unter einem halben Prozent liegen“, sagt Stefan Bruckbauer, Chefvolkswirt der UniCredit Bank Austria.
Krämer ordnet die Energiekrise und Ölangebotslücke ein: „Die von der Blockade verursachte Lücke lässt sich bestenfalls auf sechs Millionen Barrel Öl pro Tag senken, was immer noch sehr viel wäre“, erläutert der Ökonom. Dennoch sei die Energiekrise bisher noch nicht schlimmer als jene aus den 70er Jahren: „Die Wirtschaft ist heute weit weniger ölintensiv als vor 50 Jahren und wir haben heute Reserven von vier bis sechs Monaten.“
Deutsche Industrie schwach
„Die Industrieproduktion fällt in Deutschland unter Schwankungen seit sieben Jahren. Die Exporte nach China sind seit 2021 stark zurückgegangen und die US-Exporte sinken wegen der US-Zölle seit letztem Jahr ebenfalls“, sagt Krämer und betont, dass die Auftragseingänge der deutschen Industrie „bis zuletzt schwach“ seien. Ausnahme ist die Rüstungsindustrie: „Bei der Rüstung kommt es zu einer Auftragsflut.“
Erholung in Österreich
Die österreichische Industrie habe, so Bruckbauer, mit einem deutlichen Anstieg der Einkaufspreise zu kämpfen. Zudem steigen die Verkaufspreise weniger, die Lieferzeiten nehmen zu und der Lagerabbau nimmt ab. „Die österreichische Industrie verzeichnet eine leichte Erholung trotz weiterhin pessimistischer Stimmung“, sagt Bruckbauer und ordnet es in das globale Bild ein: „Die weltweite Industrieproduktion zeigt Zeichen der Stabilisierung, das gilt auch für Österreich. Der Einzelhandel stagniert. Österreichs Wachstumsschwäche ist seit 2019 besonders im Bau und Export zu sehen, Österreich fehlt ebenso wie Europa das Konsumwachstum.“ So erholte sich die Konsumentenstimmung etwas, im März erfolgte erneut ein Rückgang.
Die Sparquote bleibt in Österreich über dem Vor-Pandemieniveau. Von der EZB erwarten beide Experten eine Zinserhöhung für das laufende Jahr 2026.