INDUSTRIAL TECHNOLOGY
100 Mio. Euro für 1.000 neue Jobs auf dem Land © ABB
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Manfred Haider 27.04.2018

100 Mio. Euro für 1.000 neue Jobs auf dem Land

Der Weltkonzern ABB investiert ganz groß in einen ­Forschungscampus bei der 2017 gekauften B&R.

••• Von Manfred Haider

Die Marktgemeinde Eggelsberg im Bezirk Braunau hat genau 2.376 Einwohner und außerhalb von Oberösterreich dürfte den Ort wohl kaum jemand kennen.

Vor einem Jahr hatte der Schweizer Technologiekonzern ABB das dort ansässige Unternehmen B&R (Bernecker + Rainer) übernommen und damit in der Region für einen Paukenschlag gesorgt. Nun sorgt ABB für die nächste Überraschung:
Die Schweizer investieren beim neuen Tochterunternehmen 100 Mio. € in einen globalen Innovations- und Bildungscampus, wodurch bis 2022 rund 1.000 zusätzliche Hightech-Arbeitsplätze entstehen sollen.
Eggelsberg wird künftig konzernintern als Forschungs- und Enwicklungsstandort in einer Liga mit Shanghai oder Bangalore spielen. Bereits jetzt arbeiten rund 1.000 der insgesamt 3.500 (!) B&R-Mitarbeiter im F&E-Bereich; konzernweit sind es bei ABB 30.000 von 135.000.
Bei der Präsentation der Pläne in Linz standen am Podium neben dem ABB- und B&R-Management auch Landeshauptmann Thomas Stelzer und sein Vize Michael Strugl – und sogar Sebastian Kurz war gekommen.

Silicon Valley der Automation?

Der Bundeskanzler versprach, alles zu tun, damit der Wirtschaftsstandort Österreich noch attraktiver werde, und gelobte zugleich Budgetdisziplin. „Wir werden sparen, wo es möglich ist, aber bewusst nicht bei der Forschungsförderung und der Bildung.” ABB-Konzernchef Ulrich Spiesshofer hatte bereits beim Weltwirtschaftsforum in Davos bei Kurz vorgefühlt und sich über Steuerlast, Forschungsinvestments und die Bildungspolitik erkundigt. Künftig möchte Spiesshofer auch Lieferanten und andere innovative Unternehmen von der Region überzeugen. Im Innviertel soll eine Art „Silicon Valley der Industrieautomation” entstehen. „Innovation und Forschung ist unser zentrales Lebensblut”, lobte Spiesshofer in seiner Rede mehrmals Standort und Mitarbeiter.

In Eggelsberg wird bereits im Sommer der Spatenstich für die 35.000 m² große Anlage ­erfolgen, die künftig ­zukunftsweisende Einrichtungen beherbergen wird.
Hochmoderne Labors zur Entwicklung und Erprobung neuester Automationstechnologien sollen entstehen. Es geht um industrielle Steuerungssysteme bis hin zu maschinellem Lernen und künstlicher Intelligenz. Die „Automation Academy” wird den Kunden, Parnern und ABB-Mitarbeitern aus der ganzen Welt ein einzigartiges Trainings- und Weiterbildungsprogramm in diesem Bereich offerieren. Bereits 2020 soll der Campus in Betrieb gehen.

Visionäre Fabrik der Zukunft

Es ist die größte Einzelinvestition in der fast 40jährigen Geschichte des Unternehmens B&R, das seit Juni 2017 definitiv zu ABB gehört. „Wir werden das Thema Fabrik der Zukunft, in dem die ABB mit B&R heute schon führend ist, weiter ausbauen”, sagt Spiesshofer.

In dieser Fabrik werden in nicht mehr allzu ferner Zukunft smarte und cloudvernetzte Maschinen und Roboter ebenso smarte Produkte weitgehend autonom herstellen. Und weil das für misstrauische Menschen vielleicht ein wenig bedrohlich klingen mag, stellt Spiesshofer klar, dass dadurch keine Jobs vernichtet würden, sondern – ganz im Gegenteil – neue entstünden. „Wir werden am Standort Eggelsberg junge Digitalfüchse mit erfahrenen Industriehasen zusammenbringen”, so der Konzernchef wörtlich.
Er sprach zudem immer wieder von „Gas geben”, wobei B&R bereits vor der Übernahme in 70 Ländern präsent und alles anderes als eine lahme Ente war: Der Umsatz ist in den vergangenen zwei Jahrzehnten jedes Jahr um mehr als elf Prozent gestiegen.

Ein Spitzen-Roboter-Portfolio

Laut Geschäftsführer Hans Wimmer habe B&R von der Übernahme durch die Schweizer profitiert. „ABB hat ein Spitzen-Roboter-Portfolio – das hilft uns, die Maschinen noch besser und schneller zu machen.” Durch das erweiterte Produktangebot könne man am Markt als Komplettanbieter noch stärker auftreten. Zudem war das Unternehmen früher eher auf Europa fokussiert, ABB sei hingegen auch in China, Indien und Nordamerika sehr stark. „Wir haben bereits im ersten Jahr durch die Kooperation im Vertrieb hervorragende Ergebnisse erzielt. Wir werden weiterhin Elektronik im Innviertel produzieren und in alle Welt liefern”, sagt Wimmer.

ABB hat nicht gefragt

Die Technologie von B&R kommt in Anlagen und Maschinen aus nahezu allen Branchen und Industriegebieten zum Einsatz, angefangen von Baumaschinen bis hin zu Anlagen zur Lebensmittelproduktion, Druckmaschinen und sogar Ölplattformen.

Landeshauptmann Thomas Stelzer hat das Weltunternehmen ABB bereits vor einem Jahr „mit offenen Armen Willkommen geheißen”.
Auf die Frage zu den Plänen zur Ausbildungspolitik erklärt sein Vize Michael Strugl, dass es viele Abstimmungen zwischen dem Land und B&R gebe. „Das Unternehmen rekrutiert sehr viele Fachkräfte aus unseren HTLs und Fachhochschulen in Braunau, Wels, Linz und Steyr sowie von der Johannes Kepler Universität.” Vor allem Fachkräfte aus den Bereichen Mechatronik, Informatik, Elektrotechnik und Elektronik werden gesucht.
Finanzielle Zuschüsse gibt es für das neue Werk hingegen keine, wie Landeschef Stelzer klarstellt: „Wir sind in der EU und unterliegen daher der Beschränkung von Förderungen. Das Unternehmen ABB ist zu groß, weil nur bis zum KMU-Status gefördert werden darf. Und ganz ehrlich: ABB hat uns nicht einmal danach gefragt.”

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