APA startet „CheckBar“
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MARKETING & MEDIA Redaktion 06.02.2026

APA startet „CheckBar“

Der stv. APA-Chefredakteur Christian Kneil über die Media Literacy-Initiative der APA und die Herausforderungen für Faktenchecker.

•• Von Jakob Klawatsch

Spätestens seit dem Einzug von Künstlicher Intelligenz (KI) in den Journalismus wurden Desinformationen, Fake News und Deepfakes Tür und Tor geöffnet. Am Medienmarkt versucht man der Entwicklung mit der Vermittlung von Media Literacy Herr zu werden – so auch die APA – Austria Presse Agentur mit der neuen Initiative „CheckBar“.medianet hat dazu mit Christian Kneil, stellvertretender Chefredakteur der APA, gesprochen.

medianet: Herr Kneil, das Faktencheck-Team der APA ist seit Februar 2020 im Einsatz. Wie hat sich dessen Arbeit in den vergangenen sechs Jahren verändert?
Christian Kneil: Die Arbeit hat sich grundlegend verändert. Wir haben knapp vor der Corona-Pandemie unser Faktencheck-Team ins Leben gerufen, ohne zu wissen, was dann kommt. Mit der Pandemie, den Kriegen in der Ukraine und in Gaza brachen Wellen an Desinformation über uns herein. Unsere Strategie war anfangs, dem Content in sozialen Medien, der polarisiert und eine dementsprechende Reichweite aufweist, aber aus unserer Sicht falsch ist oder in einen falschen Kontext gesetzt wurde, mit Faktenchecks zu begegnen. Über mehrere Jahre haben wir Userinnen und Usern Kontext geliefert, damit sie die Desinformation als solche erkennen konnten.

medianet: Und was hat sich nun geändert?
Kneil: Mittlerweile ist das Thema Faktenchecks umstrittener geworden und wird von den großen Tech-Plattformen kritisch gesehen – auch wenn wir nach wie vor über die dpa (Deutsche Presse-Agentur; Anmerkung der Redaktion) mit Facebook/Meta kooperieren. Dennoch gibt es immer wieder die Vorwürfe, Faktenchecker würden zensurieren oder von der Kanzel herab die Wahrheit verkünden, was wir nicht tun. Im Gegenteil: In der Faktencheck-Szene ist es Konsens, dass wir uns gegen die Löschung falscher Behauptungen aussprechen. Userinnen und User können dann sowohl die Falschbehauptung als auch unsere transparente Recherche mit allen Quellen dazu sehen und sich selbst ein Bild machen.

medianet: Wie hat das Faktencheck-Team der APA auf die gedrehte Stimmung reagiert?
Kneil: In den letzten zwei Jahren ist bei eigentlich allen Faktencheck-Organisationen das Vermitteln von Kenntnissen über das Aufdecken von Desinformationen in den Mittelpunkt gerückt, also Media Literacy und Medienbildung. Auch wir bei der APA sind der Meinung, dass die wichtigste Aufgabe unseres Faktencheck-Teams nicht mehr das Produzieren von Faktenchecks ist, sondern die Vermittlung von Wissen über Tools und wie diese angewendet werden können.

medianet: Die Entwicklung geht also weg von Faktenchecks in den Redaktionen und hin zu, dass Userinnen und User Werkzeuge in die Hand bekommen, um selber zu Faktencheckern zu werden?
Kneil: Genau, diese Strategie hat bei uns bisher sehr gut funktioniert. Wir haben mit unserem Faktencheck-Team schon recht früh begonnen, Workshops an Schulen, Universitäten aber auch für Journalistinnen und Journalisten zu veranstalten, denn durch KI gibt es neue Möglichkeiten und Wellen von Desinformation, für die die klassischen journalistischen Instrumente teilweise nicht mehr ausreichen. Als Faktenchecker alleine sind wir einfach zu wenige, wie schon Mark Twain gesagt hat: ‚Eine Lüge ist bereits dreimal um die Erde gelaufen, bevor die Wahrheit sich die Schuhe anzieht‘. Deshalb geben wir Journalistinnen und Journalisten, aber auch der breiten Bevölkerung Methoden, Tricks und Tools in die Hand, um die Menge an Desinformation besser in den Griff zu bekommen.

medianet: Sie sprechen die Vermittlung von Media Literacy und Medienbildung an. Was meinen Sie damit konkret?
Kneil: Dabei geht es ganz stark um die Frage: Was macht Journalismus eigentlich? Nach welchen Prinzipien funktioniert die Arbeit von Journalistinnen und Journalisten und wie unterscheidet sie sich von der einer YouTuberin oder eines Influencers? Aber auch, welchen Gesetzen Journalismus in Österreich unterliegt, denen ein Social Media Account eben nicht unterliegt.

medianet: Junge Menschen kann man recht einfach über Workshops an Schulen oder Universitäten erreichen. Wie stellen Sie sicher, dass auch der übrige Teil der Bevölkerung mit Wissen über die Funktionsweisen von Journalismus und Medien versorgt wird?
Kneil: Es ist wichtig, dass wir die jungen Menschen erreichen, aber ich glaube, es ist mindestens genauso – wenn nicht sogar noch wichtiger – die Erwachsenen zu erreichen. Dazu gibt es aktuell die Überlegung seitens der Politik und der Bundesregierung, in jeder Gemeinde Schulungen anzubieten. Denkbar wäre auch, Angebote über Vereine, Feuerwehren, Pfarrgemeinderäte oder ähnliches zu schaffen. Bei über 2.200 Gemeinden in Österreich braucht es dementsprechende Kapazitäten.
Aber das Wissen, wie solche Schulungen aussehen müssen, haben wir bei der APA und haben Medienhäuser in Österreich – wir müssen es nur zu den Leuten bringen.

medianet: Unterscheidet sich denn die Herangehensweise bei den Workshops für Schülerinnen und Schüler und für Erwachsene?
Kneil: Wir arbeiten bei beiden Gruppen mit sehr ähnlichen Materialien. Bei unseren Faktencheck-Schulungen haben wir zum Beispiel Aufgaben, wo man anhand eines Fotos den Aufnahmeort erkennen muss. Dafür gibt es verschiedene Tools, etwa der Sonnenstand, der verrät zu welcher Uhrzeit und Tageszeit das Foto aufgenommen wurde. Solche ‚detektivischen‘ Aufgaben begeistern bei unseren Workshops sowohl junge Menschen als auch Erwachsene.

medianet: Für Schülerinnen und Schüler bringt die APA Ende Februar das Portal ‚CheckBar‘ an den Start. Was hat es damit auf sich?
Kneil: ‚CheckBar‘ richtet sich an Schülerinnen und Schüler der Oberstufe und ist eine Lernplattform, die auf deren Bedürfnisse, aber auch auf die von Lehrerinnen und Lehrern, abgestimmt ist. Als ersten Schritt haben wir Workshops mit Lehrerinnen und Lehrern gemacht, um herauszufinden, was es für die Vermittlung von Medienbildung in der Schule braucht.

medianet: Und was braucht es dafür?
Kneil: Wir haben herausgefunden: Es gibt kein eigenes Fach dafür. Das war dann für uns der Anstoß ‚CheckBar‘ zu machen. Außerdem war klar: Das Material muss so aufbereitet sein, dass es Lehrerinnen und Lehrer mit möglichst wenig Vorbereitungszeit übernehmen können. ‚CheckBar‘ ist modular aufgebaut, damit auch nur Teile von ganzen Unterrichtsstunden damit gefüllt werden können.

medianet: Wie sieht das dann inhaltlich aus?
Kneil: Jede Einheit folgt einem klaren Ablauf: Wir starten immer mit einem kurzen Einstiegsvideo, das das jeweilige Problem umreißt. Insgesamt behandeln wir sechs Themen – von grundsätzlichen Fragen der inneren Logik von Desinformation bis hin zu ganz konkreten Tools wie einer Bilder-Rückwärtssuche oder anderen Methoden des Faktencheckings. Wichtig war uns auch die Vielfalt der Formate. Es gibt Videos, interaktive Grafiken und einen starken Gamification-Ansatz, etwa Quizformate, bei denen man ausprobieren kann, welches von zwei Bildern KI-generiert ist. Zusätzlich binden wir Influencerinnen und Influencer in die Videos ein, um die Inhalte greifbarer zu machen.

medianet: APA, ORF und Der Standard haben allesamt Media Literacy-Initiativen gestartet. Sehen Sie die Gefahr, dass durch ein unkoordiniertes Vorgehen manche davon im Sand verlaufen könnten?
Kneil: Ich schätze jede Initiative, die das Tageslicht erblickt, appelliere aber für einen Zusammenschluss. Denn jetzt bekommt jeder aus unterschiedlichen Fördertöpfen Geld, in ein bis zwei Jahren, wenn die Fördermittel aufgebraucht sind, landen manche Projekte vielleicht wieder in der Schublade. Ich würde mir wünschen, dass von einer zentralen Stelle diese Initiativen gebündelt werden, damit sie auch gemeinsam auffindbar sind. Österreichische Medien müssen sowieso in Zukunft noch mehr kooperieren, um die aktuelle Krise zu bewältigen.

medianet: Schülerinnen und Schüler erreicht man über ‚CheckBar‘. Wie erreicht man Menschen die ein geringes Vertrauen in Medien haben und so besonders anfällig für Desinformation sind?
Kneil: Ich glaube, dass man einen relativ kleinen Prozentsatz der Bevölkerung gar nicht mehr erreicht, weil das Misstrauen gegenüber Medien einfach zu groß ist. Wir sollten uns daher auf jene konzentrieren, die gerade so an der Kippe stehen und auf diese offen zugehen: Fehler aus der Vergangenheit zugeben und damit transparent umgehen, aber ihnen auch den Wert von Journalismus und den Unterschied zu PR oder Influencerinnen und Influencern vermitteln. So könnten wir Medien einen Teil dieser 25 bis 30 Prozent der Bevölkerung, die wir ein bisschen verloren haben, wieder zurückgewinnen, oder sie zumindest zum Nachdenken anregen.

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