ORF wünscht sich mehr digitale Freiheit für eine abgesicherte Zukunft
© MN Martina Berger
ORF-Generaldirektorin Ingrid Thurnher
MARKETING & MEDIA Redaktion 09.09.2026

ORF wünscht sich mehr digitale Freiheit für eine abgesicherte Zukunft

Diese Woche findet das ORF Zukunftsforum statt. Im Vorfeld skizziert die ORF Generaldirektorin Ingrid Thurnher die Wünsche des ORF.

WIEN Im Vorfeld des ORF-Zukunftsforums hat Generaldirektorin Ingrid Thurnher die Position des öffentlich-rechtlichen Rundfunks zu den anstehenden Reformfragen dargelegt. Der ORF gehe mit drei zentralen Themen in den Diskussionsprozess: der programmlichen, der technologischen und der finanziellen Zukunftsfähigkeit. Ziel sei es, den öffentlich-rechtlichen Auftrag an die veränderte Mediennutzung und neue gesellschaftliche Anforderungen anzupassen.

Auftrag aus Publikumsperspektive

Bei der programmlichen Zukunftsfähigkeit stellt Thurnher das Publikum in den Mittelpunkt. „Wir den Menschen in Österreich für ihre Haushaltsabgabe so viel ORF wie möglich bieten wollen und das auf allen Kanälen, die für sie relevant sind“, erklärte sie. Der bestehende Auftrag umfasse Information, Unterhaltung, Kultur und Sport und müsse aus ihrer Sicht technologischen und gesellschaftlichen Veränderungen Rechnung tragen.

Dabei gehe es auch um neue Aufgabenfelder wie Medienkompetenz, digitale Bildung und den Umgang mit Künstlicher Intelligenz. Eine Beschneidung des bestehenden Auftrags lehnt Thurnher ab: „Unsere Linie ist daher sehr klar Wir wünschen uns eine Stärkung unseres Auftrags und nicht eine Beschneidung.“ Gleichzeitig könne der bestehende, aus 19 Punkten bestehende Auftrag teilweise gebündelt und dadurch zeitgemäßer formuliert werden.

Mehr Möglichkeiten im Digitalen

Besonders deutlich fällt die Forderung nach einer Lockerung der bestehenden Regeln für Online-Only- und Online-First-Angebote aus. Der ORF wolle seine Inhalte dort anbieten können, wo das Publikum sie tatsächlich nutze. Auch längere Bereitstellungsdauern für Audio- und Videoinhalte seien aus ihrer Sicht notwendig.

Als Beispiel nannte Thurnher das Ö3-Weihnachtswunder, das der ORF derzeit nicht zusätzlich im Fernsehen ausspielen könne. Auch bereits produzierte Inhalte müssten nach bestimmten Fristen aus den Onlineangeboten verschwinden. Aus Sicht der Generaldirektorin passe das nicht mehr zum heutigen Mediennutzungsverhalten.

Kritisch sieht sie zudem das bestehende Aggregationsverbot und die Einschränkungen bei Foren. Der ORF müsse stärker mit seinem Publikum interagieren und bestehende eigene Inhalte auch zu neuen digitalen Angeboten zusammenführen können. „Das heißt, wir werden auch hier sozusagen im Sinne des Publikums darum kämpfen, dass wir dort andere Möglichkeiten künftig haben.“

Kooperationen mit privaten Medien

Gleichzeitig will Thurnher die Zusammenarbeit mit privaten Medienhäusern ausbauen. Gespräche über mögliche Kooperationen seien wieder aufgenommen worden. Im Raum stehen unter anderem gemeinsame Initiativen zur Stärkung des Werbestandorts sowie eine Weiterentwicklung gemeinsam genutzter Broadcasting-Infrastruktur.

Auch bei österreichischen Medieninhalten sieht die Generaldirektorin Möglichkeiten für eine engere Zusammenarbeit. So werde bereits darüber gesprochen, Verlinkungen zu österreichischen Zeitungen in ORF-Angeboten zu ermöglichen. Grundsätzlich versteht sich der ORF dabei als „Infrastrukturpartner des gesamten österreichischen Medienstandorts“.

Eine Einschränkung des ORF zugunsten privater Medien lehnt Thurnher hingegen ab. „Das Einzige, was ich sage, was auf gar keinen Fall geht, ist die Nummer. Wir müssen den ORF beschränken, damit es uns besser geht.“ Statt einer solchen Abgrenzung setzt sie auf gemeinsame Lösungen: „Ich würde lieber eine Vorwärtsstrategie gemeinsam mit den Privaten entwickeln als eine Abwehrstrategie.“

Finanzierung als zentrale Voraussetzung

Über allen Reformfragen steht für Thurnher die finanzielle Zukunftsfähigkeit des ORF. Der Sender befinde sich weiterhin auf Sparkurs, müsse seinen Auftrag aber auf einer vorhersehbaren und nachhaltigen finanziellen Grundlage erfüllen können. Die derzeitigen Kürzungen stellten diese Planungssicherheit infrage.

Als mögliche Absicherung nannte sie eine verfassungsrechtliche Absicherung der ORF-Finanzierung. Auf die Frage, wie verhindert werden könne, dass die Finanzierung künftig kurzfristig politisch verändert werde, antwortete sie: „Indem man die Finanzierung des ORF verfassungsmäßig absichert, zum Beispiel.“

Governance als weiterer Reformpunkt

Neben Programm, Digitalangeboten und Finanzierung könnte auch die Governance des ORF Gegenstand der Reform sein. Thurnher sieht in einem Vorstandsprinzip grundsätzlich eine mögliche Variante. Die alleinige Geschäftsführung eines Unternehmens mit einem Budget von rund einer Milliarde Euro sei komplex. Gleichzeitig sieht sie weiteren Handlungsbedarf beim Stiftungsrat.

Das Zukunftsforum selbst bewertet Thurnher trotz offener Fragen positiv. Es biete die Möglichkeit, den ORF in einer für ihn ungewöhnlich breiten Perspektive zu diskutieren – von seinem Auftrag über die Erreichung verschiedener Zielgruppen bis hin zu seiner Funktion in der Demokratie und seiner künftigen Organisation. „Ich sehe es eher als Chance als als Gefahr.“ (red)

(fej)

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