••• Von Georg Sohler
Wer heutzutage Lebensmittel verkauft, muss nicht nur auf den Inhalt achten, sondern auch auf die richtige Verpackung. Und die richtige Verpackung herzustellen, ist eine eigene Wissenschaft, denn sie muss das Produkt schützen, haltbar machen, die Marke transportieren, das Kleingedruckte enthalten … Dazu kommt: In Zukunft muss sie zudem umweltfreundlicher sein.
Seit 12. August 2026 gilt die EU-Verpackungsverordnung (PPWR, Packaging and Packaging Waste Regulation) unmittelbar – die einzelnen Anforderungen greifen allerdings stufenweise. Damit wird die alte EU-Verpackungsrichtlinie 94/62/EG abgelöst, mit dem Ziel, dass in der gesamten Europäischen Union einheitliche Vorgaben hinsichtlich Abfallreduzierung, Recyclingfähigkeit, Rezyklatanteil, Mehrwegquoten und Schadstoffe gelten.
Für Blei, Cadmium, Quecksilber und sechswertiges Chrom wurden die Grenzwerte übernommen. Für die sogenannten Ewigkeitschemikalien PFAS (Per- und polyfluorierte Alkylsubstanzen) gelten erstmals verbindliche Grenzwerte für Lebensmittelkontaktverpackungen. Viele der zentralen Vorgaben – etwa zu Rezyklatanteilen, recyclinggerechter Gestaltung, Verpackungsminimierung und Mehrweg – greifen ab 2030.
Große Aufgabe, wenig Zeit
Während Richtlinien in nationales Recht übersetzt werden, gelten Verordnungen unmittelbar. Die Harmonisierung der bislang teilweise unterschiedlichen nationalen Vorgaben zu einem EU-weit geltenden Rechtsrahmen ist denkbar schwierig, hält viele Fragen bereit – und kommt zudem mit großen Schritten auf alle Branchen zu, die etwas mit Verpackung zu tun haben. Bei Lebensmitteln bedeutet das: vom Rohstoffproduzenten über Verpackungsentwickler bis hin zum Lebensmitteleinzelhandel. Besonders herausfordernd ist die PPWR für kleinere Händler, die grenzüberschreitend verkaufen: Sie brauchen je nach Geschäftsmodell einen Bevollmächtigten für die erweiterte Herstellerverantwortung in den jeweiligen EU-Ländern. Doch auch die Lebensmittelindustrie muss damit umgehen lernen. So steht etwa die Verpackung der Mannerschnitte unter dem Anpassungsdruck. Aber auch bestimmte Einwegverpackungen für Saucen und Würzmittel im HoReCa-Bereich (Hotel, Restaurant und Café bzw. Catering, Anm.) werden sich ab 2030 ändern. Die Grundintention ist gut. Allerdings eben sehr fordernd, vor allem auch deshalb, weil die Pflichten beim jeweils verantwortlichen Hersteller beziehungsweise dem für das Inverkehrbringen verantwortlichen Akteur zusammenlaufen.
Was gilt eigentlich schon?
Erster Anlaufpunkt ist die World Packaging Organisation (WPO). Generalsekretär der 1968 in Tokio gegründeten Nicht-Regierungsorganisation ist mit Johannes Bergmair ein Österreicher. Er ist allgemein beeideter und gerichtlich zertifizierter Sachverständiger mit dem Spezialgebiet firmenübergreifendes Qualitätsmanagement in der Supply-Chain für Lebensmittel. Er ordnet ein: Die schon geltenden Vorgaben hinsichtlich Schwermetallen wurden aus der alten Richtlinie übernommen. „Bei den sogenannten Ewigkeitschemikalien gibt es erstmals Vorgaben“, so Bergmair.
Die große Frage
Das Problem bestehe nicht in den Grenzwerten selbst, sondern darin, dass es beispielsweise keine harmonisierte EU-weite Analysemethode gibt und noch Fragen zur Verantwortlichkeit offen sind. „Die eigentliche Unsicherheit entsteht derzeit vor allem beim PFAS-Thema und bei der Frage, wie die neuen Vorgaben praktisch nachgewiesen und entlang der Lieferkette umgesetzt werden sollen.“ Denn die Information über die Verpackungsmaterialien muss weitergegeben werden, vom Rohstoffproduzenten bis zum Lebensmitteleinzelhandel. Die entstehenden Berichtspflichten sorgen für mehr bürokratischen Aufwand.
Recycling allein reicht nicht
Hierbei muss aber klar sein, dass Mehrweg nicht automatisch in jedem Fall ökologisch überlegen sei. Auch Mehrwegsysteme verursachen Energieverbrauch, Reinigungsaufwand und den Aufwand für Rücktransport und Wiederaufbereitung. „Ein wesentlicher Grund ist die fehlende Skalierung. Es gibt sehr viele unterschiedliche Kunststoffe und Kunststoffkombinationen. Dadurch ist das Sammeln, Sortieren, Reinigen und Aufbereiten komplex. Gleichzeitig ist neuer Kunststoff aus fossilen Rohstoffen bislang sehr günstig. Recyclingmaterial muss dagegen gesammelt, gereinigt und aufbereitet werden – all das verursacht Kosten, Energie- und Arbeitsaufwand“, so Bergmair.
Durch die PPWR sollen aus seiner Sicht nun wirtschaftliche Anreize geschaffen werden, damit mehr gesammelt und sortiert wird und ein Markt für Recyclingmaterial entsteht. Bei PET, Glas oder Metalldosen gebe es diesen bereits. Ziel ist es, Sammel-, Sortier- und Recyclingstrukturen wirtschaftlich attraktiver zu machen – der eigentliche „Game-Changer“.
Mit all diesen Herausforderungen beschäftigt sich die niederösterreichische Firma Marzek Etiketten+Packaging GmbH ganz genau. Stefanie Wareka, Verkaufsleitung Industrie, Marketing, fünfte Generation der Gründerfamilie, weist auf die bisherigen umfangreichen Vorbereitungen auf die PPWR hin: „Bei Marzek Etiketten+Packaging wurden der gesamte Vertriebsinnendienst, das Verkaufsteam und das Management bereits in umfangreichen internen Schulungen mit externen Spezialisten mit den Zielen der PPWR vertraut gemacht.“
Enge Kooperation gefragt
Als Produzent von Etiketten und Verpackungen stellt Marzek nicht die finale Gesamtverpackung zusammen: „Eine besondere Herausforderung besteht darin, dass es bei der PPWR nicht nur um das Etikett, sondern um die Verpackung als Gesamtlösung geht, bei der alle Komponenten der Wiederverwertbarkeit in Kombination berücksichtigt werden müssen“, ergänzt sie. „Marzek Etiketten+Packaging liefert meist lediglich eine Komponente für eine Verpackung, die dann von den Produzenten mit weiteren Verpackungsteilen kombiniert werden. Aus diesem Grund steht die enge Kooperation mit B2B-Kunden im Vordergrund, um gemeinsam mit ihnen eine optimale Lösung zu erarbeiten.“
Verursacht viel Aufwand
Auf der Seite der Lebensmittelproduzenten gibt es jedenfalls Fragezeichen, wie Wiesbauer-Geschäftsführer Thomas Schmiedbauer wissen lässt: „Der damit verbundene Aufwand für uns Produzenten ist enorm und verursacht erhebliche Mehrkosten – neben hohen, fünfstelligen Investitionen in Software haben wir bei Wiesbauer auch einen eigenen Mitarbeiter einstellen müssen, der sich ausschließlich mit dieser Thematik beschäftigt.“
Gleichzeitig wären die Vorgaben zur Dokumentation und Konformitätsprüfung jeder einzelnen Verpackungskomponente „kaum umsetzbar. Unsere größte Sorge gilt aber dem Produktschutz und der Qualität: Wenn Verpackungsmaterialien bis 2030 schrittweise reduziert werden müssen, wird sich das negativ auf die Haltbarkeit und Produktsicherheit auswirken.“
Adieu, Mannerschnitte?
Auch Manner verweist auf den erheblichen Investitions- und Planungsaufwand. Manner-Pressesprecherin Karin Steinhart sagt: „Die Entwicklung neuer Verpackungskonzepte dauert – je nach Material und Anwendung – oft mehrere Jahre. Um diese Investitionen verantwortungsvoll tätigen zu können, benötigen Unternehmen stabile und rechtssichere Rahmenbedingungen.“ Laufende Änderungen oder Verschiebungen bei den Vorgaben erschweren die Planung und verzögern notwendige Investitionen.
Denn Verpackungen müssen zahlreiche Anforderungen erfüllen: Sie schützen das Produkt, gewährleisten Qualität und Lebensmittelsicherheit, transportieren Markenbotschaften und sollen gleichzeitig den neuen Recycling- und Nachhaltigkeitsvorgaben entsprechen: „Diese Ziele in Einklang zu bringen, ist eine anspruchsvolle Aufgabe. Bei Manner arbeiten wir bereits intensiv an Verpackungslösungen für die Zukunft.“
Doppelrolle des LEH
Zurückhaltender ist man noch im LEH, haben die vier Platzhirsche in Österreich doch die Doppelrolle, Händler und Hersteller zu sein. In Österreich machten Eigenmarken 2025 über 40% des Lebensmittelumsatzes aus. Die Rewe Gruppe möchte derzeit nichts dazu kommunizieren. Lidl und Hofer betonen, alle Vorgaben entsprechend umsetzen zu wollen. Spar-Unternehmenssprecherin Nicole Berkmann skizziert die Sachlage aus Sicht des Handelsriesen: „Die EU-Regulatorien betreffend die Verpackungen sind sehr umfangreich und stellen uns, wie derzeit praktisch alle EU-Richtlinien aus dem European Green Deal, vor große Herausforderungen. Ein ganzes Team an Spezialisten aus den Abteilungen Nachhaltigkeit, Qualitätssicherung und Produktmanagement arbeitet derzeit daran, für unsere Eigenmarken alles zeitgerecht umzusetzen.“
Es wird nicht günstiger
Die Unsicherheit ist somit noch groß, die letztgültige rechtliche Klärung könnte noch dauern. Überspitzt formuliert müssen alle Unternehmen entlang der Supply-Chain Vorgaben umsetzen, deren konkrete rechtliche Auslegung teilweise noch geklärt werden muss. Die PPWR betrifft im Übrigen alle Verpackungen, auch den Non-Food-Bereich, wenngleich beim Verpacken von Staubsaugern andere Vorgaben gelten als bei Gemüse. Allerdings stellt sich für Bergmair auch die Frage, was eine Lebensmittelverpackung ist: „Ein Papieretikett auf der Glasflasche ist kein Lebensmittelkontaktmaterial im klassischen Sinn.“ Dieser Umstand ist im Zusammenspiel mit anderen EU-Rechtsinstrumenten zu beurteilen. Die Sachlage ist komplex; die meisten daraus resultierenden Änderungen werden die Konsumenten wohl nicht bemerken. Günstiger wird die Verpackung durch die neuen Nachhaltigkeitsvorgaben allerdings nicht, glaubt Bergmair.
Recyclingmaterialien seien tendenziell teurer als Primärmaterialien, hinzu kämen zusätzliche Kosten für Daten, Berichtspflichten und Konformität. Viele Fragezeichen also. Nur bei Manner gibt man sich selbstbewusst: „Die Verpackung der Manner Original Neapolitaner Schnitten wird auch künftig ihren unverwechselbaren, ikonischen Charakter behalten.“