Die Debatte über eine Zuckersteuer brandet wieder auf – mit tendenziell bitterem Beigeschmack. Speziell die Lebensmittelindustrie warnt vor höheren Preisen und zusätzlichen Belastungen für die heimische Produktion. „Gerade jetzt über neue Abgaben auf Lebensmittel nachzudenken, ist das völlig falsche Signal“, ist Katharina Koßdorff, Geschäftsführerin des Fachverbands der Lebensmittelindustrie, überzeugt. Zusätzliche Abgaben würden Lebensmittel verteuern, die Kaufkraft schwächen und den Produktionsstandort belasten. Befürworter einer Zuckersteuer erwarten sich hingegen weniger Zucker in Lebensmitteln, ein verändertes Konsumverhalten und langfristig weniger Übergewicht und Folgeerkrankungen. Ein Blick ins Ausland zeigt: Abgaben können den Markt und somit auch die Rezepturen deutlich verändern. Ob daraus im selben Maß gesundheitliche Verbesserungen entstehen, ist dennoch fraglich.
Besonders häufig wird Großbritannien als Vorbild genannt. Dort gilt seit 2018 die Soft Drinks Industry Levy. Diese hat Spuren im Sortiment hinterlassen: Zwischen 2015 und 2024 sank der durchschnittliche Zuckergehalt der von der Abgabe erfassten Softdrinks laut britischer Regierung um 47%. Heute liegen 89% der verkauften Softdrinks unterhalb der Schwelle für die Abgabe.
Allerdings: Genau darin liegt auch ein Kritikpunkt. Die britische Abgabe erfasst Zucker, nicht aber Zuckerersatzstoffe wie Aspartam, Sucralose oder Stevia. Hersteller können daher Zucker durch Süßstoffe ersetzen und damit die Abgabe vermeiden. Die Steuer hat somit zwar Reformulierungen ausgelöst, aber nicht zwingend eine Abkehr von stark gesüßten Getränken. Vielmehr kann sie den Wechsel von Zucker zu kalorienarmen oder kalorienfreien Süßungsmitteln beschleunigen.
Auswirkungen überschaubar
Auch bei den gesundheitlichen Resultaten ist das Bild differenzierter als die reine Zuckerbilanz. Untersuchungen zur britischen Abgabe ergaben bei Kindern eine Verringerung der täglichen Zuckeraufnahme um rund drei Gramm und bei Erwachsenen um etwa fünf Gramm. Das entspricht ungefähr zwölf beziehungsweise 21 Kilokalorien und damit nur rund ein Prozent des täglichen Energiebedarfs.
Bei zehn- bis elfjährigen Mädchen wurde zwar ein Rückgang der Adipositas-Prävalenz gegenüber dem erwarteten Trend beobachtet, besonders in sozial benachteiligten Gebieten. Bei Buben und anderen untersuchten Altersgruppen zeigte sich dieser Effekt jedoch nicht. Ein allgemeiner Nachweis, dass eine Zuckersteuer das Adipositasproblem bei Kindern löst, lässt sich daraus nicht ableiten.
Ähnliche Grenzen zeigen sich in anderen Ländern. Abgaben können den Absatz besteuerter Produkte reduzieren, daraus folgt aber nicht automatisch ein entsprechender Rückgang von Übergewicht. Der Fachverband verweist etwa auf Mexiko, wo die Zuckersteuer rechnerisch lediglich eine Verringerung der Energieaufnahme um rund sechs Kilokalorien pro Tag bewirkt habe. In Ländern wie Mexiko, Chile, Frankreich und Großbritannien seien die Übergewichts- und Adipositasraten trotz Abgaben nicht generell gesunken.
Maßnahmen empfohlen
Die WHO empfiehlt Abgaben auf zuckergesüßte Getränke grundsätzlich als Teil eines größeren gesundheitspolitischen Maßnahmenpakets. Sie sollen Konsum reduzieren und Hersteller zu Reformulierungen bewegen. Die entscheidende Frage bleibt aber: Führen veränderte Kaufentscheidungen in weiterer Folge auch langfristig zu einer relevanten Verringerung der gesamten Energieaufnahme?
Die österreichische Lebensmittelindustrie hält der Forderung nach einer Steuer zudem entgegen, dass der Zuckerkonsum bereits ohne zusätzliche Abgaben sinkt. Nach Angaben des Fachverbands ging der Pro-Kopf-Konsum seit Mitte der 1990er-Jahre um rund 30% zurück und lag 2024/25 bei 26,8 kg jährlich, gegenüber 33,2 kg im EU-Durchschnitt. Die Getränkeindustrie habe den Zuckergehalt ihres Portfolios in den vergangenen 20 Jahren um rund ein Drittel reduziert.
Vorreiterrolle von Spar
Dass Zuckerreduktion ohne gesetzlichen Zwang möglich ist, zeigt Spar. Der Händler startete 2017 seine Zuckerreduktionsoffensive und überarbeitet seither schrittweise die Rezepturen seiner Eigenmarken. Bis Ende 2025 wurden nach Unternehmensangaben bei mehr als 380 Spar-Markenprodukten insgesamt rund 5.300 t Zucker eingespart.
Bemerkenswert ist dabei der Umgang mit Zuckerersatz. „Wir fokussieren uns bei den Rezepturen für unsere Spar-Markenprodukte auf den echten, unverfälschten Geschmack, ohne dabei auf Zuckeraustauschstoffe oder künstliche Süßungsmittel zu setzen“, sagt Markus Kaser, stellvertretender Vorstandsvorsitzender von Spar. In einer Marketagent-Befragung im Auftrag von Spar erklärten Anfang 2026 48% der Österreicher, ihren Zuckerkonsum reduzieren zu wollen.
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