••• Von Georg Sohler
Österreich ist erstmals seit 28 Jahren wieder bei einer Fußball-Weltmeisterschaft mit dabei. Eigentlich sollte das ein Quotenbringer sein – nur findet die kommende Ausgabe vom 11. Juni bis 19. Juli in den USA, Kanada und Mexiko statt. Es ist die erste WM seit Brasilien 2014, die Anstoßzeiten mitten in der Nacht aufweist. Russland 2018 und Katar 2022 waren aufgrund der geringeren Zeitverschiebung einfacher zu bespielen. Wie zufrieden der ORF mit Einschaltquoten und Werbeerlösen sein kann, ist demzufolge schwer prognostizierbar. Eine WM am anderen Ende der Welt überhaupt in die Wohnzimmer zu bringen, ist eine große Herausforderung.
Vor diesem Hintergrund präsentierte der ORF seine Strategie bei einem Medientermin gemeinsam mit allen Experten. ORF-Sportchefin Veronika Dragon-Berger gab die Marschroute vor: „Wir wollen eine umfassende, multimediale Berichterstattung auf allen ORF-Kanälen und dabei informieren, unterhalten sowie österreichische Authentizität vermitteln.“ Neben der Live-Berichterstattung geschieht das etwa durch fünf „Universum“-Filme über die WM-Gastgeber-Nationen, eine „Am Schauplatz“-Reportage über Schiedsrichter und online durch alle Highlight-Videos und -Clips von allen Partien bis zu Storys, Daten, Live-Blogs und -Tickern. Neben der inhaltlichen Planung rückt dabei aber auch die wirtschaftliche und organisatorische Seite der Übertragung in den Fokus.
Synergien helfen weiter
Die Medienwelt hat sich seit der letzten WM in Übersee nicht nur hinsichtlich der multimedialen Ausspielung stark gewandelt; das macht sich unter anderem daran bemerkbar, dass man die Endrunde gemeinsam mit ServusTV als Sublizenznehmer überträgt. „Als mit der FIFA verhandelt wurde, waren die finanziellen Mittel nicht grenzenlos“, erklärt ORF-Sportchef Martin Szerencsi. „Deshalb war es wichtig, für diese XXL-WM eine Kooperation zu finden.“ Die Kooperation zeigt zugleich, wie schwer öffentlich-rechtliche Sender globale Sportrechte mittlerweile alleine finanzieren können.
Auch die Auslosung war noch nicht durchgeführt. Der ORF überträgt insgesamt rund 150 Stunden live. Die Kooperation ermöglicht eine schlanke Abwicklung. Die Synergien mit ServusTV im Bereich Produktion/Technik umfassen beispielsweise die Buchung von Produktionsleistungen bei der FIFA; beide Sender können sie nutzen, die anfallenden Kosten werden geteilt. Weiters werden Produktionsleistungen aufgeteilt. Die Teams arbeiten abwechselnd für die Übertragungen beider Sender, dazu sind auch alle gemeinsam in einem Hotel in Santa Barbara untergebracht. Das, so der ORF, führt im Endeffekt zu einer effizienteren Umsetzung der Produktionsvorhaben, die wiederum redaktionelle WM-Angebote wie ein optimiertes ORF-Studio oder mehr Experten möglich machen.
Sparsam, aber umfangreich
Der Effizienzgedanke zieht sich auch beim zehn Personen großen Expertenteam durch. Der ORF setzt, wie beim ESC, auf „Sparsam, aber spektakulär“. Konkret heißt das, dass man nur mit einem kleinen Team von rund zehn Personen in den Stadien bzw. dem österreichischen WM-Quartier in Santa Barbara präsent ist. Der größte Teil wird im ORF-Mediencampus abgewickelt, wo auch das WM-Studio untergebracht ist. Die Kommentatoren und Co-Kommentatoren melden sich ausschließlich bei den Österreich-Spielen, beim Eröffnungsspiel sowie beim Halbfinale und dem Finale direkt aus den Stadien.
Durch die nächtlichen Anstoßzeiten wird die Analyse noch entscheidender. Ergänzend zur Live-Berichterstattung in ORF 1 ist die tägliche „Morning Show“ in ORF 2 um 9.10 Uhr mit aktuellen Spiel-Highlights, Analysen und Ausblicken fixer Bestandteil. Bei den Experten setzt der ORF auf ein großes Team: Die beiden Ex-Nationalteamkickerinnen Lisa Makas und Jasmin Eder sowie der, an und für sich für Sky tätige, Andreas Herzog, Peter Stöger und Andreas Ivanschitz ergänzen das Kernteam. Dieses besteht aus Chefanalytiker Herbert Prohaska, Viktoria Schnaderbeck, Roman Mählich, Helge Payer und Michael Liendl. Dieses Team, so der ORF gegenüber medianet, wirkt umfangreich, allerdings würden bei gleich vielen Spielen auch fünf der sieben Experten gleich viel kosten.
Der ORF ist damit organisatorisch gut auf die XXL-WM vorbereitet – entscheidend wird sein, wie sich das Konzept unter den Bedingungen der Nachtspiele in der Praxis bewährt.