•• Von Paul Hafner
Die Neujahrs-Pressekonferenz des Handelsverbands ist längst fester Bestandteil des Branchenkalenders: Führende Vertreter des heimischen Handels ziehen darin Bilanz über das vergangene Jahr, nehmen eine Standortbestimmung vor und richten Forderungen an die Politik. Stand die Vorjahrsausgabe nach „fünf verlorenen Jahren“ unter dem Schlagwort „Zweckoptimismus“, scheint die Zuversicht nun zumindest hinsichtlich politischer Reformen auf festeren Beinen zu stehen – obgleich der Handel sein „drittes Rekordpleitejahr in Folge“ hinter sich hat und Österreich innerhalb der EU „konjunkturelles Schlusslicht“ ist, wie HV-Geschäftsführer Rainer Will hervorhebt.
Licht und Schatten
In der Gesamtschau mischen sich durch die Bank positive Anzeichen und kritische Missstände: So gelang Österreichs Wirtschaft nach zwei Rezessionsjahren 2025 die Wende, das BIP legte um immerhin 0,5% zu. Gleichwohl fällt dieser Zuwachs wesentlich geringer aus als in den anderen Euroländern, die im Schnitt laut EZB-Dezember-Projektion um 1,4% zulegten.
Der Einzelhandel konnte 2025 laut aktualisierten Prognosen real um 1% gegenüber 2024 zulegen – und damit sein zweites Wachstumsjahr in Folge (2024: +0,7%) verbuchen. Mit laut KSV1870-Hochrechnung 1.208 Insolvenzen stellte er aber auch einen neuerlichen Rekord (+4%) bei den Konkursfällen auf.
Deutlich besser als erwartet fiel das Weihnachtsgeschäft aus, eine nachhaltige Aufhellung der Konsumstimmung dürfte dieses aber nicht bringen – nicht zuletzt, weil die Inflation in Österreich immer noch viel zu hoch ist: Mit einer Jahresinflation von 3,6% ging die Teuerung 2025 weiter nach oben (2024: 2,9%), statt sich, wie in den meisten Euroländern, in Richtung Zwei-Prozent-Marke zu bewegen.
Auch bei den Erwartungen für 2026 zeichnet sich ein differenziertes Bild: So rechnen heuer 45% der Händler mit einem Gewinn, 35% mit einem ausgeglichenen Ergebnis und nur 20% mit einem Minus. Im vergangenen Jahr schlossen rund 40% der befragten Händler mit einem Plus ab, 30% fuhren Verluste ein.
Freude über Reformpläne
Wie bereits vor einem Jahr verortet Will den österreichischen Handel weiterhin „am Scheideweg“, zollt den Anstrengungen der Bundesregierung aber durchaus Tribut: „Die jüngsten Ankündigungen aus der Regierungsklausur zeigen, dass der Umsetzungswille vorhanden ist.“
Die Mehrwertsteuersenkung auf Grundnahrungsmittel und die Einführung einer nationalen Gebühr auf Drittstaaten-Lieferungen sorgten unlängst für breite Zustimmung in der Branche, auch das kurz davor auf den Weg gebrachte Registrierkassenpaket schaffe laut Will „endlich dauerhaft klare Regeln für die Betriebe“; die Einführung des digitalen Belegs auf freiwilliger Basis stellt ebenso eine Umsetzung einer jahrelangen HV-Forderung dar.
„Unnötige Belastungswelle“
Positiv sieht die Interessenvertretung auch die ministeriell beauftragte VKI-Klage gegen Temu, das 113 Maßnahmen umfassende Entbürokratisierungspaket und die Regierungsoffensive gegen territoriale Lieferbeschränkungen. Weniger Freude hat man mit den Änderungen bei der Preisauszeichnung („Anti-Mogelpackungs-Gesetz“): Die Shrinkflation-Kennzeichnungspflicht sei eine „völlig unnötige Belastungswelle“ für die heimischen Handelsbetriebe, die hier anstelle des Verursachers, der (globalen) Lebensmittelindustrie, zum Handkuss kommt.
Preisdruck im E-Commerce
Einigkeit herrscht beim HV und seinen Mitgliederbetrieben, dass es mit den angekündigten Maßnahmen nicht getan sein darf. „Wir als Händler wollen Optimismus verbreiten, aber wir müssen die Realität zur Kenntnis nehmen. Und die schaut im Onlinehandel so aus, dass die österreichischen Anbieter in den ersten drei Quartalen 2025 um zwei Prozent gewachsen sind – das ist wenig, das ist unter der Inflation. Der Onlinehandel insgesamt, inklusive Waren aus der EU und aus Drittländern, ist in diesem Zeitraum um 14% gewachsen. Wir sehen, dass das gesamte Wachstum auf Drittländer – allen voran China – entfällt und der österreichische Onlinehandel im besten Fall stagniert“, erläutert Harald Gutschi, HV-Vizepräsident und Geschäftsführer von Otto Österreich.
Die „Fülle an Chinaversendern“ bringe überdies einen „enormen Preisdruck“ mit sich, der sich „längst nicht mehr nur auf den Textilbereich“ beschränke: Gutschi ortet eine massive Belastung des Warenrohertrags „in sämtlichen Sortimentsbereichen“. Immerhin würden parallel dazu auch die Rücksendungen zurückgehen, sodass als Onlinehändler „die Preissenkungen über Retourensenkungen kompensieren“ könne – für Stationärhändler entstehe hier wiederum ein Wettbewerbsnachteil.
Verschärfung der Paketflut
„Besorgniserregend“ findet Gutschi, dass im vergangenen Jahr bereits 100 Mio. Pakete aus China an die Konsumenten in Österreich verschickt wurden – insbesondere seit der Abschaffung der 800-USD-Zollfreigrenze in den USA per Ende August 2025 habe sich die „Paketflut“ in die Europäische Union und damit auch Österreich noch einmal massiv verschärft. Vor dem Hintergrund der übermächtigen Onlinekonkurrenz aus Fernost stelle sich die Frage: „Wie soll sich ein kleiner Einzelhändler in Österreich gegenüber globalen Versandriesen behaupten?“
Den Status quo habe freilich „nicht diese Regierung“ verschuldet – er sei eine Folge der Versäumnisse „der letzten 15 Jahre“ auf EU- und nationaler Ebene, ein „Level Playing Field“ zu schaffen. Der Drei-Euro-Pauschalzoll ist auch für Gutschi „ein wichtiger erster Schritt“, reiche aber „bei weitem nicht“. Es gelte, alle Hebel in Bewegung zu setzen, die EU-Zollreform zu beschleunigen, „der Zeitplan mit 2028 ist viel zu langsam“, die 150-€-Zollfreigrenze müsse „noch heuer fallen“.
Ruf nach Bürokratieabbau
Nicht nur Österreichs Versandhändler haben ein schwieriges Jahr hinter sich – auch einige Branchen fuhren 2025 ein reales Minus ein. Wenig Grund zum Jubeln gab es etwa für die Sportartikelhändler, die in den ersten drei Quartalen ein reales Minus von 2,1% zu verdauen hatten. „Unsere Branche besteht zum Großteil aus KMU, aus familiengeführten Betrieben, und das ist auch gut so – diese Händler stehen für fachkundige Beratung, für Service, für Spezialisierung und auch für Leidenschaft und Kompetenz“, holt Irina Andorfer, Präsidialmitglied des HV und Geschäftsführerin von Sport 2000, aus.
Damit diese kleinstrukturierten Unternehmen wirtschaftlich rentabel bleiben, sei es wichtig, dass sie sich bestmöglich auf ihr operatives Tagesgeschäft konzentrieren können – Stichwort: Bürokratieabbau. Eine naheliegende, konkrete Maßnahme wäre demnach „die Erhöhung der Schwellenwerte bei Statistik- und Meldepflichten wie Intrastat“. Aktuell ist jeder Mehrwertsteuerpflichtige zu einer Intrastat-Meldung an die Statistik Austria verpflichtet, wenn der Schwellenwert von 1,1 Mio. € bei Warenlieferungen innerhalb der EU überschritten wird. „Ein massiver Bürokratieaufwand insbesondere für KMU-Händler und Familienunternehmen“, kritisiert Andorfer – und erinnert daran, dass Österreich „EU-weit das Land mit den wenigsten Unternehmensgründungen“ ist. Während zu wenige „handelsnahe Start-ups, digitale Dienstleister und neue Vertriebsformen“ in Österreich entstehen, finden Traditionsbetriebe keine Nachfolger und verschwinden. „Dadurch gehen auch Jobs und die regionale Versorgung Stück für Stück verloren“, so Andorfer. Sie plädiert für eine „Halbierung der Bürokratiebelastung bis 2035, eine strukturelle Entlastung der Betriebe und Erleichterungen für Unternehmensgründungen.“
Lohnnebenkosten im Visier
„Grundsätzlich positive Signale von Seiten der Regierung in Sachen Senkung der Lohnnebenkosten“ ortet Andrea Hiotu, Mitglied der Geschäftsleitung von dm. Von einer Senkung in Etappen würden ihr zufolge sowohl Arbeitgeber als auch Arbeitnehmer profitieren – und sie wäre auch mehr als überfällig, zählt Österreich doch zu den „Ländern mit den höchsten Arbeitskosten weltweit“. Mit ca. 80.000 € pro Jahr übertrifft man etwa Länder wie Deutschland, Schweden und Frankreich.
„Österreichs Handel und Wirtschaft stehen weiterhin unter Druck“, fasst Will zusammen. Um die Insolvenzkrise in den Griff zu bekommen und gerade kleine und mittlere Unternehmen zu entlasten, sei es notwendig, dass die Bundesregierung die diversen vor ihr liegenden Herausforderungen entschlossen in Angriff nimmt – und nicht zuletzt das Budget konsolidiert, denn: „Die Schulden von heute sind die Steuern von morgen – und Steuern gibt es in Österreich bereits mehr als genug.“
