•• Von Dinko Fejzuli
Diese zu Ende gehende Medienwoche hätte man sich in der Branche vermutlich auch anders vorgestellt. Ruhiger zumindest. Statt dessen passierte der überraschende Rücktritt des ORF-Generaldirektors Roland Weißmann, nachdem ihm eine Mitarbeiterin unangemessenes Verhalten vorwarf. Massive Verwerfungen folgten dem Rücktritt – inklusive einer Interimsbestellung von Hörfunkdirektorin Ingrid Thurnher zur neuen Generaldirektorin, die gestern, Donnerstag, vom Aufsichtsrat bis auf weiteres auch bestätigt wurde.
Bei einer Pressekonferenz am Mittwoch dieser Woche sicherte die Spitze des Stiftungsrats eine umfassende Aufarbeitung der Vorwürfe zu. Stiftungsratsvorsitzender Heinz Lederer erklärte, der Fall werde nun von der Compliance-Stelle untersucht, „es geht um die umfassende Aufklärung der gesamten Causa in allen Facetten“. Parallel zur Berufung von Thurnher bereitet der Stiftungsrat zwei Ausschreibungen für die Generaldirektion vor – eine Übergangslösung bis Ende 2026 sowie eine reguläre Bestellung ab 2027.
Taskforce soll nachforschen
Zudem soll eine Taskforce mögliche Probleme in der Führungskultur des Unternehmens untersuchen und ergründen, warum sich betroffene Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bisher bei möglichen Vorfällen offenbar nicht an eine bereits eingerichtete Whistleblower-Hotline oder an die hauseigene Compliance-Stelle wenden.
Der ehemalige Generaldirektor Roland Weißmann ist nach seinem Rücktritt nun in seine alte Position als ORF-Chefproducer quasi zurückgekehrt – und in dieser Position gleich wieder beurlaubt worden. Wie es mit ihm nun personalrechtlich weiter geht, wird die neue Generaldirektorin zu entscheiden haben. Die Stelle des Chefproducers ist längst mit Michael Krön, der aktuell zusätzlich mit dem ESC beschäftigt ist, mehr als erfolgreich nachbesetzt.
Wer kommt danach?
Nach all diesen ersten, wichtigen Schritten richtet sich der Blick nun auf die Suche nach einer neuen Führung für den ORF. Der Stiftungsrat startet dafür ein zweistufiges Verfahren: Zunächst soll eine Person für die verbleibende Funktionsperiode – die derzeit von Ingrid Thurnher ausgeübt wird – bis Ende 2026 bestellt werden, anschließend wird die reguläre Position für die nächste fünfjährige Amtszeit ab 2027 gewählt.
Es ist anzunehmen, dass Ingrid Thurnher sich für das laufende Jahr bewerben wird und zumindest bis Ende 2026 im Amt bleibt. Alles andere wäre eine Überraschung. Ob sie sich auch für eine Amtsperiode nach 2026 bewirbt, das lässt sich derzeit noch nicht sagen. Auswirkungen auf den laufenden Betrieb des ORF sieht der Stiftungsrat nicht, und Lederer betonte, das Unternehmen sei weiterhin voll arbeitsfähig. „Das Programm funktioniert vollinhaltlich, wir sind voll am Arbeiten.“ Auch die Vorbereitungen für den Eurovision Song Contest seien nicht gefährdet. „Sie können sich sicher sein, dass unser Team rund um die Uhr daran arbeitet“, so der Stiftungsratschef.
Namen über Namen …
Somit beginnt bereits jetzt die Diskussion über mögliche Kandidatinnen und Kandidaten für die künftige Spitze des öffentlich-rechtlichen Medienunternehmens. Erste Namen kursieren in diversen Medien schon quasi seit dem Rücktritt von Weißmann. Da wären zum einem jene, die bereits in den letzten Monaten mit Ausblick auf die im August ohnedies geplante ORF-Wahl genannt wurden. Etwa ORF Niederösterreich-Landesdirektor Alexander Hofer, dessen Name immer wieder im Zusammenhang mit der kommenden Wahl fällt, genauso wie jener von Radiosender Kronehit-Chef Philipp König, der aber ein Interesse bis dato stets verneint
hat.
… aus dem In- und Ausland
Der ehemalige Pro7-Manager Markus Breitenecker steht ebenfalls auf vielen Listen – und wenn man in Deutschland gleich weiter schauen möchte, so fällt manchen in der Branche die Österreicherin Inga Leschek ein, seit 2024 Chief Content Officer bei RTL Deutschland. Leschek hätte sogar eine kleine ORF-Vergangenheit zu bieten, war sie doch im Umfeld der damaligen ORF-Castingshow Starmania tätig.
Bleibt man bei den Frauen, so fällt unweigerlich der Name von Lisa Totzauer, ehemalige Infochefin von ORF eins, Channelmanagerin von ORF eins und aktuell Hauptabteilungsleiterin Magazine und Servicesendungen. Totzauer hatte übrigens bereits 2021 ihren Hut in den Ring der letzten ORF-Wahl geworfen. Das Personal-Gerüchtekarussell dreht sich aber noch weiter, und manche erzählen sogar, Ex-ORF Chef Wrabetz wolle es seinem Vor-Vor-Vor-Vorgänger Gerd Bacher gleich tun und wie dieser nach einer Pause auch wieder an die ORF-Spitze zurückkehren. Wie realistisch Wrabetz’ Chancen sind, ist schwer einzuschätzen, wurde er doch auch schon als Medienminister der aktuellen Regierung gehandelt – und ist es dann doch nicht geworden.
Neutraler von außen
Generell werden für die künftige Spitze des ORF mehrere zentrale Anforderungen wichtig sein. Entscheidend sind vor allem Glaubwürdigkeit und fachliche Kompetenz, verbunden mit ausgeprägter Führungs- und Managementstärke. Die neue Führungspersönlichkeit muss in der Lage sein, ein großes Medienunternehmen mit mehreren tausend Mitarbeitern zu führen und zugleich Vertrauen innerhalb des Hauses wieder zu stärken.
Darüber hinaus wird Integrationsfähigkeit als zentrale Voraussetzung gesehen. Also sowohl die Fähigkeit, unterschiedliche Bereiche innerhalb des ORF zusammenzuführen, als auch eine konstruktive Zusammenarbeit mit den Akteuren des österreichischen Medienmarktes. Dazu zählen insbesondere private Medienunternehmen und Verlage, die in vielen Bereichen zugleich Partner und Wettbewerber des öffentlich-rechtlichen Rundfunks sind.
Von der künftigen ORF-Spitze wird somit erwartet, dass sie Kooperationen nach innen wie nach außen aktiv gestaltet und ein Verständnis für die Rolle der Verlage als wesentliche Eigentümer der österreichischen Medienlandschaft mitbringt. Ziel ist eine Führung, die den öffentlich-rechtlichen Auftrag erfüllt und gleichzeitig den Dialog und die Zusammenarbeit im gesamten Medienökosystem stärkt.
Passend für all diese Attribute wird immer öfter APA-CEO Clemens Pig genannt, der in den aktuell schwierigen Zeiten sein Unternehmen sehr erfolgreich führt und zudem keiner politischen Seite zuzurechnen ist.
Oder es kommt ganz anders, und Ingrid Thurnher geht statt in die mögliche Pension in die Verlängerung als zweite Frau – nach Monika Lindner – in dieser ORF-Spitzenposition auch in das Jahr 2027.
