Leitartikel ••• Von Sabine Bretschneider
PARADOXIEN. „Atomunfall in der Sowjetunion – Lage unklar“, „Radioaktive Wolke erreicht Österreich“, „Strahlenalarm: Erste Maßnahmen auch in Österreich“ lauteten die Schlagzeilen. Vierzig Jahre nach Tschernobyl wirkt die Erinnerung seltsam selektiv. Die Explosion in der damaligen Ukrainischen Sozialistischen Sowjetrepublik veränderte schlagartig Alltag und Denken. Österreich reagierte – politisch, gesellschaftlich – emotional. Es war der Moment, in dem aus Skepsis Haltung wurde und aus Haltung beinahe Starrsinn.
Österreich versteht sich bis heute als Anti-Atom-Land. Gleichzeitig fließt Strom aus jenen Ländern, deren Reaktoren man politisch ablehnt, munter ins Netz. Es ist paradox. Dabei ist die Lehre von Tschernobyl keine nostalgische. Sie ist hochaktuell: Risiken lassen sich nicht wegdiskutieren. Wer heute die Energiewende verzögert, entscheidet sich nicht für den Status quo, sondern für zukünftige Krisenherde.
Während die Risiken fossiler Energie sich Tag für Tag in den Alltag drängen – Klimawandel, Energieabhängigkeit, volatile Märkte –, verschiebt sich die Debatte ins Ästhetische. Windräder sind „zu groß“, „zu laut“, „zu hässlich“. Bürgerinitiativen formieren sich, nicht gegen reale Gefahren, sondern gegen sichtbare Lösungen. Und nicht selten finden sie politische Unterstützung. Es ist ein bemerkenswerter Perspektivwechsel. Ein wirtschaftliches und sicherheitspolitisches Gebot, diskutiert im Lichte touristischer Attraktivität und folkloristischer Empfindlichkeiten.
Wer heute die Energiewende verzögert, verschiebt die Kosten – zeitlich, finanziell, strukturell. Und riskiert, dass andere entscheiden, wie und wo Energie künftig erzeugt wird – und wie viel wir dafür bezahlen.
Österreich war einmal schnell darin, aus Katastrophen Konsequenzen zu ziehen. Heute organisiert es Widerstand gegen deren Vermeidung. Vierzig Jahre nach Tschernobyl fürchten wir nicht mehr das Unsichtbare. Heute reicht ein Windrad.
