WIEN. Während sich die Debatte um die künftige Führung des Österreichischer Rundfunks zuspitzt und mögliche Kandidaturen zunehmend öffentlich diskutiert werden, meldet sich auch Philipp König mit zwei ausführlichen LinkedIn-Postings zu Wort.
König selbst wird in Medien immer wieder als möglicher Kandidat für eine Führungsfunktion im ORF gehandelt, hat entsprechende Ambitionen öffentlich allerdings wiederholt ausgeschlossen. Gerade vor diesem Hintergrund fallen seine Wortmeldungen auf: Anders als klassische medienpolitische Stellungnahmen bleiben diese nicht auf abstrakter Ebene, sondern befassen sich ungewöhnlich konkret mit Fragen von Governance, Führungsarchitektur, Effizienz und organisatorischem Umbau des ORF.
König bringt dabei nicht nur eine privatwirtschaftliche Medienperspektive ein, sondern auch seine Erfahrung aus dem öffentlich-rechtlichen Bereich und der Medienpolitik. Als Jurist arbeitete er ab 2014 für den ORF unter anderem als Rechtsexperte beim damaligen Chefproducer Roland Weissmann sowie danach in der kaufmännischen Direktion unter dem damaligen ORF-Finanzdirektor Richard Grasl beziehungsweise dessen Nachfolger Andreas Nadler. Mitte 2018 wechselte er als Medienrechtsexperte ins von der ÖVP geführte Bundeskanzleramt. Seine Einordnung erfolgt damit nicht ausschließlich aus der Perspektive eines privaten Medienunternehmens, sondern auch vor dem Hintergrund eigener Erfahrung mit ORF-Strukturen und medienpolitischen Rahmenbedingungen.
Bereits der Ausgangspunkt seiner Argumentation ist grundsätzlich angelegt. Die Debatte über die Governance des ORF gehöre „nicht nur in den Stiftungsrat“, sondern betreffe den gesamten österreichischen Medienstandort. Seine Begründung: „Ein funktionierendes duales Mediensystem lebt von fairem Wettbewerb, Transparenz und modernen Standards.“ Wie sich „der größte, beitragsfinanzierte Akteur im Markt organisatorisch aufstellt, wie effizient er wirtschaftet und wie er die digitale Transformation exekutiert“, setze Benchmarks für das gesamte medienpolitische Ökosystem.
Aus seiner Sicht ist die Governance-Frage damit keine rein interne Angelegenheit des ORF, sondern eine wirtschafts- und medienpolitische Standortfrage. Weil der öffentlich-rechtliche Rundfunk aufgrund seiner Finanzierung, Größe und Reichweite eine besondere Rolle im Markt einnehme, würden organisatorische Standards, wirtschaftliche Effizienz und Transformationsfähigkeit weit über den Sender selbst hinauswirken.
Im Zentrum steht dabei weniger eine Kritik am ORF als die Frage nach der organisatorischen Aufstellung des Hauses. Besonders deutlich wird dies an Königs Ausführungen zu ORF III. Als Kultur- und Informationskanal sei ORF III Teil des öffentlich-rechtlichen Kernauftrags; eine stärkere Eingliederung in die Mutterorganisation könnte aus seiner Sicht administrative Doppelstrukturen bereinigen – etwa bei Geschäftsführung, Personal oder Finanzen – und Entscheidungswege verkürzen. König argumentiert dabei aus einer Effizienzperspektive: „Strukturfragen sind letztlich Fragen der Effizienz.“
Gleichzeitig verweist er selbst auf mögliche Zielkonflikte. Operative Steigerungen der Personalkosten durch den ORF-Kollektivvertrag könnten, wenn Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus ORF III quasi ins Haupthaus zu dann teuereren Verträgen wechseln, Einsparungseffekte zumindest teilweise relativieren. Auch bei anderen Strukturen plädiert König für Differenzierung: „Man kann nicht alles über einen Kamm scheren“, schreibt er etwa mit Blick auf mögliche organisatorische Veränderungen rund um die ORF Marketingtochter OMC, in der alle Aktivitäten zur Kommunikation von ORF-Produkten zentral gesteuert werden, oder die Vermarktungstochter ORF-Enterprise und verweist darauf, dass rechtliche Rahmenbedingungen berücksichtigt werden müssten.
Eine weitere zentrale Lesart seiner Postings betrifft die Führungslogik des ORF insgesamt. König argumentiert aus seiner Sicht implizit gegen historisch gewachsene, kanalorientierte Organisationsformen und plädiert für eine funktionale Neuordnung. Die „historische Trennung in Fernsehen, Radio und Online“ solle aufgebrochen und durch neue Direktionen ersetzt werden – etwa für Information, Programm, kaufmännische Steuerung sowie „Technologie, Plattformen & KI“.
Dies würde bedeuten, dass es künftig keine Radio- oder TV-Direktion, sondern eben eine Programm-Direktion geben würde. Dahinter steht für König die Überlegung, dass Inhalte künftig weniger entlang klassischer Verbreitungskanäle, sondern stärker plattformübergreifend organisiert werden müssten.
Besonders konkret wird König bei der Frage, wie eine solche Transformation aussehen könnte. Das aktuelle ORF-Gesetz schreibe „formell das Prinzip der Alleingeschäftsführung vor“, die operative Führung eines Milliardenunternehmens liege rechtlich damit in einer Hand. Aus seiner Sicht handle es sich dabei um „ein anachronistisches Modell, das den Anforderungen eines agilen, technologiegetriebenen Medienkonzerns im digitalen Wettbewerb kaum mehr gerecht werden kann“.
Interessant ist dabei seine Bezugnahme auf § 24 Abs. 2 des ORF-Gesetzes, welches aus seiner Sicht bereits jetzt die Möglichkeit bieten würde, das Direktorium neu zu ordnen. König argumentiert, strukturelle Modernisierung müsse eben „nicht auf den Gesetzgeber warten“. Bereits heute habe eine Geschäftsführung die Kompetenz, Bereiche neu zu ordnen. Der „entscheidende Zwischenschritt zu mehr Marktagilität und Transparenz“ könne aus seiner Sicht über eine neue Geschäftsordnung erfolgen – etwa durch das Aufbrechen bestehender Strukturen oder durch ein verbindliches Vier-Augen-Prinzip bei wesentlichen Entscheidungen. Statt eines starken Einzelentscheiders skizziert König damit implizit ein stärker arbeitsteiliges Führungsmodell mit gegenseitiger Kontrolle in einem gemeinsamen Board.
Sein Fazit fällt entsprechend klar aus: „Weniger Bürokratie bedeutet mehr Tempo.“ Doppelgleisigkeiten und Zwischenebenen würden aus seiner Sicht Entscheidungswege verlängern und Organisationen verlangsamen. Eine schlankere Führungsstruktur könne hingegen nicht nur Kosten senken, sondern auch die Handlungsfähigkeit erhöhen.
Am Ende stellt sich – gerade vor dem Hintergrund der laufenden ORF-Wahl und der Debatte um geeignete Führungsprofile – zumindest hypothetisch die Frage: Handelt es sich bei den beiden Postings um eine informelle „Nicht-Bewerbung“? Also weniger um eine Kandidatur im eigentlichen Sinn als um eine öffentliche Skizze dessen, wie jemand aus einer privatwirtschaftlichen Medienlogik den ORF organisieren würde, sollte er jemals Verantwortung in einem solchen System übernehmen wollen? Zumal König selbst entsprechende Ambitionen bislang stets öffentlich ausgeschlossen hat. Dafür gibt es zumindest vor Ende der Bewerbungsfrist am Donnerstag dieser Woche noch (keine öffentlich bekannten) Hinweise. Die Wortmeldungen lesen sich jedoch zumindest wie eine ungewöhnlich konkrete Positionsbeschreibung darüber, wie ein moderner ORF aus Managementsicht strukturiert sein könnte. (fej)