ORF Wahl: Ein deutlicher Sieg für Clemens Pig
APA MAX SLOVENCIK
Clemens Pig
PRIMENEWS Dinko Fejzuli/Jakob Klawatsch 12.06.2026

ORF Wahl: Ein deutlicher Sieg für Clemens Pig

Ehemaliger APA-CEO setzt sich bereits im ersten Wahlgang durch und führt ab 1.1.2027 Österreichs größtes Medienunternehmen. Die Sitzung dauerte ingesamt über 16 Stunden.

WIEN Am Ende hat sich der Favorit durchgesetzt: APA-CEO Clemens Pig wird ab Jänner 2027 neuer Generaldirektor des ORF. Der 51-Jährige hat sich im ersten Wahlgang mit 21 von 35 Stimmen der Stiftungsräte gegen die acht Konkurrentinnen und Konkurrenten mehr als deutlich durchgesetzt. Unter den restlichen Mitbewerberinnen und Mitbewerbern teilten sich die restlichen Stimmen wie folgt auf: Johannes Larcher 6 Stimmen, Markus Breitenecker 4 Stimmen, Lisa Totzauer 3 Stimmen, Kathrin Zierhut-Kunz eine Stimme. Keine Stimmen erhielt Sonja Sagmeister. Lisa Totzauer hat übrigens bei ihrem damaligen ersten Antritt im Jahr 2021 fünf Stimmen erhalten.  

In seinem ersten Statement nach der Wahl zeigt sich der designierte ORF Generaldirektor erleichtert: Clemens Pig: "Ich nehme diese Verantwortung mit Dankbarkeit und Demut an und werde bereits morgen beginnen, in enger und kooperativer Abstimmung mit der amtierenden Generaldirektorin Ingrid Thurnher die dringenden Aufgaben zu übernehmen".

Finanzierung des ORF als dringlichste Aufgabe

Als die aktuell wichtigste zu lösende Frage bezeichnet Pig jene nach der künftigen Finanzierung des ORF: "Das unmittelbar Dringlichste ist, wie so oft im Leben, das Geld. Und wenn die finanzielle Schieflage zu groß wird, dann lassen sich insgesamt keine Dinge mehr realisieren." Insgesamt gäbe es aber "eine Reihe von Themen" die es anzugehen gelte, aber "es muss immer zuerst der Haushalt stimmen, um auf Basis eines guten Haushalts dann auch Investitionen, Entwicklungen, die Plattform, Themen wie den Vertrauensaufbau oder neue Publikumsformate herzustellen", so Pig.

Vom Favoriten zum Generaldirektor

Pig galt über lange Strecken als klarer Favorit, doch kurzzeitig musst er sich gegen den Vorwurf wehren, ein Parteikandidat zu sein, nachdem der ÖVP-Generalsekretär Nico Marchetti ihm öffentlich empfahl, sich für den Posten des ORF Generaldirektors zu bewerben. 

In einem Interview mit medianet sprach Pig in diesem Zusammenahang von einem "gezielten Akt" um seine Bewerbung "und eine allfällige Bestellung tatsächlich zu verhindern. Ich hatte nie eine Zusage von irgendeiner Partei – weder Regierung noch Opposition – auch von keinen Stiftungsräten. Ich habe auch bis zum heutigen Tag niemanden in dieser Republik ersucht, mich zu wählen oder für mich zu lobbyieren. Ich bin kein Parteikandidat und war mein ganzes Leben lang nie Mitglied irgendwo – weder im CV noch bei einer schlagenden Burschenschaft oder den Freimaurern. Diese gezielt gestreuten Gerüchte kann ich mit der Kraft meiner eigenen Glaubwürdigkeit und Marke dementieren. Ich bin froh, dies nun tun zu können, nachdem meine Bewerbung offiziell ist", so Pig damals.

Über zwei Stunden Befragung

Dieses Thema begleitete den Kandidaten Pig auch bei seinem Hearing am gestrigen Wahltag. Den Reigen der Bewerbungen eröffnete aber zunächst nach Auslosung die ORF III-Co-Geschäftsführerin Kathrin Zierhut-Kunz, die am Ende eine Stimme erhalten sollte. Am Ende des Abends wurde die einst im Unfrieden aus dem Medienhaus geschiedene ORF-Journalistin Sonja Sagmeister von den Stiftungsräten und -rätinnen befragt. Jeder und jede hatte zunächst 20 Minuten Zeit zur Präsentation, der sich jeweils eine Fragerunde anschloss - die sich im Falle des künftigen ORF-Chefs Pig über zwei Stunden erstreckte.

ORF-Stiftungsratsvorsitzender Heinz Lederer hatte vor Beginn des Marathontages betont, dass man sich "sicherlich nicht von irgendjemandem unter Druck setzen lassen werde". Das galt auch in puncto Zeitkorsett. Zugleich betonte man vonseiten des Gremiums, dass mit dem Bestellprozess auch alle Anforderungen des erstmals anzuwendenden Europäischen Medienfreiheitsgesetzes (EMFG) in Richtung Gleichbehandlung, Transparenz und Nachvollziehbarkeit erfüllt worden seien.

Was hat Pig vor?

Und wie tickt nun der designierte ORF-Generaldirektor Clemens Pig inhaltlich? Ein Blick in sein 129-seitiges Bewerbungskonzept für die Führung des ORF ab 2027 zeigt, dass sich seine Vorstellungen vor allem um vier große Leitmotive drehen: Vertrauen, wirtschaftliche Stabilität, digitale Transformation und den Ausbau des ORF zur führenden österreichischen Medienplattform. Der ehemalige APA-CEO versteht den öffentlich-rechtlichen Sender dabei nicht mehr primär als klassisches Rundfunkunternehmen, sondern als Plattform der Gesellschaft und als demokratische Infrastruktur für die digitale Ära. Public Value definiert er als überprüfbaren Gegenwert der öffentlichen Finanzierung.

Vertrauen als Kernressource

Vor allem der Begriff Vertrauen stand in mehreren Varianten und Bedeutungen im Mittelpunkt seiner Bewerbung. Für Pig ist Vertrauen die wichtigste Ressource des ORF und die Grundlage seiner gesellschaftlichen Legitimation. Die Zukunft des Senders entscheide sich nicht primär an Technologie oder Programmen, sondern an der Wahrnehmung durch die Bevölkerung als unabhängig, fair, glaubwürdig und nützlich.

Dazu setzt er in seinem Konzept auf eine Stärkung der journalistischen Unabhängigkeit, mehr Transparenz sowie eine offene Fehler- und Korrekturkultur. Zudem soll der Dialog mit dem Publikum ausgebaut und die redaktionelle Arbeit stärker an Fakten, Quellenvielfalt und Ausgewogenheit ausgerichtet werden. Der ORF soll wieder verstärkt als gemeinsames Medienhaus für das ganze Land wahrgenommen werden und nicht als Medium einzelner gesellschaftlicher Gruppen. Seinen eigenen Führungsstil beschreibt Pig als respektvoll, konsequent und lernfähig.

Finanzen und strategische Priorisierung

Bei der künftigen Finanzierung setzt der gebürtige Tiroler weiter auf die Haushaltsabgabe, die er über die Legitimation in der Bevölkerung absichern will. Die Menschen müssten nachvollziehen können, wofür das Geld verwendet wird und welchen Gegenwert sie dafür erhalten.

In diversen Interviews auf konkrete Sparziele angesprochen, hielt sich Pig bisher bedeckt. Er spricht sich nicht für pauschale Sparprogramme aus, sondern für eine strategische Umschichtung von Ressourcen. Geld soll dort eingesetzt werden, wo es den öffentlich-rechtlichen Auftrag am besten erfüllt. Seine Schwerpunkte liegen auf Budgetreviews, höherer Transparenz bei der Mittelverwendung, klarer Priorisierung von Investitionen, Verwaltungsvereinfachungen sowie effizienteren Strukturen.

Digitalisierung und Streaming-Logik

Die Digitalisierung ist das entscheidende Zukunftsthema des Konzepts und wird nicht als zusätzliche Ebene, sondern als künftige Grundlogik des gesamten Unternehmens verstanden. Pig beschreibt den Wandel hin zu einer digitalen Plattformorganisation. Dazu gehören eine einheitliche digitale Produktstrategie, der Ausbau der Datenkompetenz, der Einsatz von Künstlicher Intelligenz unter klaren Regeln sowie neue Angebote für jüngere Zielgruppen.

Beim Streaming sieht Pig ORF ON als zentrales Zukunftsprojekt. Da sich die Mediennutzung zunehmend zu Streaming, On-Demand-Angeboten, Podcasts und Social Media verlagert, soll ORF ON zur zentralen öffentlich-rechtlichen Plattform ausgebaut werden. Das gesamte Content-Angebot – inklusive ORF.at, Radio und Podcasts – wird plattformübergreifend gedacht. Die bisherige Trennung der Ausspielwege soll aufgehoben werden, um auch die Auffindbarkeit österreichischer Inhalte im Netz strukturell zu verbessern.

Neue Struktur der Direktionen

Organisatorisch schlägt Pig eine tiefgreifende Reform der bisherigen Direktions-Struktur (Finanzen, Technik, Hörfunk und Programm) vor. Die Informationsdirektion soll künftig direkt in der Generaldirektion angesiedelt bleiben. Seine Begründung für diesen Schritt: "Damit wird die sensibelste publizistische Kernaufgabe des ORF direkt an die Gesamtverantwortung des Generaldirektors gebunden. Dies stärkt Unab- hängigkeit, Klarheit und Rechenschaft, ohne die Zusammenarbeit mit Programm, Plattformen, Technologie und Finanzen zu schwächen", so Pig. Damit folgt Pig übrigens der bisherigen Tradition seiner Vorgänger. Denn auch bei ihnen war die Information direkt beim Generaldirektor, bzw. der Generaldirektorin angesiedelt.

Darüber hinaus soll der ORF in vier neue, zentrale Verantwortungsbereiche gegliedert werden.

  • Programm & Brands: Im Rahmen seiner strategischen Neuausrichtung sieht der Plan von Clemens Pig in diesem Bereich eine grundlegende Strukturreform vor, um die programmliche Verantwortung, die zentrale Programmplanung und die Markenführung zu bündeln. Künftig sollen die inhaltlichen Angebote – von Kultur und Wissen über Sport bis hin zu Regionalem – nicht mehr als konkurrierende Kanäle, sondern als Teil einer integrierten, zusammenhängenden Gesamtlogik geführt werden. Um Ressourcen gezielter zu fokussieren und einen konkreten Beitrag zum Finanzergebnis zu leisten, soll die bisherige Channel-Management-Struktur in eine Zentrale Programmplanung übergehen.
    Als erste wesentliche Konsolidierungsmaßnahme steht möglicherweise dabei die Struktur von ORF 3 zur Evaluation: Geplant ist eine mögliche Aufteilung und Überführung des Informations- und des Kulturteils in die jeweils zentralen ORF-Ressorts (ORF-News und ORF-Kultur mit einem eigenen Kultur-Cluster). Ziel dieser Maßnahme soll es sein, durch die Bündelung von Verantwortung Doppelgleisigkeiten abzubauen und das öffentlich-rechtliche Profil des Senders zu stärken, ohne dabei die kulturellen Inhalte zu schwächen.
  • Audience & Plattformen: Dieser zweite Bereich soll ausdrücklich nicht als neue Programmdirektion fungieren. Pigs Ideen sehen hier vor, Zielgruppen, Nutzungsgewohnheiten, Daten und die User Experience sowie Angebote wie ORF ON, ORF Sound, Radio und Podcasts frühzeitig in strategische Entscheidungen einzubinden. Auch die Distribution, Empfehlungssysteme, die Creator Economy und die allgemeine Plattformlogik sollen hier verankert werden. Die strategische Programmplanung soll genau in diesem Bereich liegen, da sie nicht primär klassische Sendeflächen ordnen, sondern Nutzungssituationen, Zielgruppen und die digitalen Wege ins Publikum steuern soll.
  • Technologie & Innovation: Verantwortet die technische Infrastruktur – von Streaming, Login-Systemen und Metadaten über KI-Anwendungen bis hin zu Cybersicherheit und Produktionssystemen.
  • Finanzen: Bündelt Budgetierung, Controlling, Investitionen sowie Kosten- und Rechtefragen und wird frühzeitig in strategische Entscheidungen eingebunden.
 

Regionalität und Kooperationen

Die Zukunft der Landesstudios scheint unter Pig gesichert. Er sieht Regionalität als wichtige Zukunftsressource und als Teil der österreichischen Identität des Senders. Kooperationen mit Privatsendern sollen nach seinen Vorstellungen klaren Regeln und einer fairen Kostenlogik folgen. International möchte Pig den ORF stark vernetzen, der Fokus soll aber weiter klar auf Österreich liegen. Das erklärte Ziel für seine Amtszeit: Ein unabhängiger, digital konkurrenzfähiger ORF, dem Österreich vertraut und der nach publizistischen, öffentlich überprüfbaren Leitlinien arbeitet. (Dinko Fejzuli/Jakob Klawatsch)

Zur Person

Clemens Pig (51) wurde 1974 in Innsbruck geboren. An der dortigen Universität studierte er Politikwissenschaften, 2012 promovierte Pig über politische Kommunikation im digitalen Medienwandel. Bereits während seines Studiums gründetet er mit Kommilitoninnen und Kommilitonen das Start-up MediaWatch – Institut für Medienanalysen GmbH, das Pig zum österreichischen Marktführer für quantitative und qualitative Medienanalysen aufbaute.

Bilder APANach der Übernahme durch die APA im Jahr 2001 wechselte Pig in die Geschäftsführung der Austria Presse Agentur nach Wien. 2014 wurde er zum Geschäftsführer der APA-Gruppe bestellt, 2016 übernahm er den Vorsitz. Unter Pigs Führung entwickelte sich die APA zur News-Tech-Agentur und zu einer der führenden Nachrichtenagenturen Europas. International fungierte Pig als Vizepräsident der Schweizer Nachrichtenagenturgruppe Keystone-SDA und als Präsident der Vereinigung unabhängiger Nachrichtenagenturen „Gruppe 39“.
Im Dezember 2024 wurde Pig für eine dritte Amtsperiode als CEO der APA bestätigt – er beendete seinen Vertrag jedoch vorzeitig, um sich nicht aus einem aufrechten Dienstverhältnis für den ORF-Generaldirektor zu bewerben.
Bereits im Jahr 2023 veröffentlichte er das Buch „Democracy Dies in Darkness“ und 2026 das Buch „Welt ohne Wahrheit“.

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