WIEN. Nach dem Rücktritt von ORF-Generaldirektor Roland Weißmann hat die Spitze des ORF-Stiftungsrats eine umfassende Aufarbeitung der Vorwürfe angekündigt. Stiftungsratsvorsitzender Heinz Lederer erklärte bei einer Pressekonferenz, der gesamte Sachverhalt werde nun intern geprüft.
„Es geht um die umfassende Aufklärung der gesamten Causa in allen Facetten“, sagte Lederer. Die Angelegenheit sei unmittelbar nach Bekanntwerden an die Compliance-Stelle des ORF übergeben worden. Ziel sei gewesen, das Verfahren rasch in geordnete Bahnen zu lenken. „Wir haben versucht, das Verfahren genau dorthin zu bringen, wo es hingehört, nämlich in die Compliance-Stelle“, so der Stiftungsratsvorsitzende. Der Stiftungsrat werde über alle Schritte informiert. „Es wird jeder Schritt auch minutiös von uns dargestellt werden.“
Thurnher soll vorläufige Geschäftsführung übernehmen
Nach dem Rücktritt Weißmanns ist die Position des Generaldirektors vakant. Lederer kündigte an, dem Stiftungsrat Ingrid Thurnher als vorläufige Geschäftsführerin vorzuschlagen. Thurnher bringe umfangreiche Erfahrung im ORF mit. „Sie trägt praktisch die öffentlich-rechtliche DNA in sich“, erklärte Lederer. Als ehemalige ZiB-2-Moderatorin, ORF-III-Chefredakteurin und Hörfunkdirektorin habe sie zentrale Funktionen im Unternehmen ausgeübt. Die vorläufige Geschäftsführung solle vor allem gewährleisten, dass die laufenden Untersuchungen unabhängig durchgeführt werden können. Thurnher könne „unbeeinflusst die weiteren Schritte der Compliance-Stelle begleiten“.
Zwei Ausschreibungen für die ORF-Spitze
Der ORF steht nun vor einem komplexen Auswahlverfahren für die künftige Führung. Laut Stiftungsrat sollen zwei Ausschreibungen erfolgen. Zunächst wird die Position des Generaldirektors beziehungsweise der Generaldirektorin bis Ende 2026 ausgeschrieben. Zusätzlich soll ab Ende April eine zweite Ausschreibung für die reguläre Funktionsperiode ab 1. Jänner 2027 vorbereitet werden. Der Hintergrund sind auch neue europäische Vorgaben. „Das europäische Medienfreiheitsgesetz zwingt uns, die Geschäftsordnung und die Ausschreibungskriterien entsprechend anzupassen“, sagte Stiftungsratsvize Gregor Schütze.
Taskforce zur Führungskultur geplant
Neben der Aufklärung des konkreten Falls will der Stiftungsrat auch strukturelle Fragen im ORF prüfen. Dazu soll eine Taskforce eingesetzt werden, die sich mit der Führungskultur im Unternehmen beschäftigt. Auslöser dafür ist laut Lederer die Tatsache, dass interne Meldewege offenbar nicht genutzt wurden. „Es gibt schon ein Problem, wenn eine betroffene Mitarbeiterin sich einen Anwalt nehmen muss, um einen möglichen Schaden abzuwenden“, erklärte er. Die Taskforce soll daher untersuchen, warum vorhandene Instrumente wie Whistleblower-Hotline oder Gleichstellungskommission nicht in Anspruch genommen wurden.
Rücktritt laut Stiftungsrat ohne Druck
Gerüchte, Weißmann sei zum Rücktritt gedrängt worden, wiesen Lederer und Schütze zurück. Weißmann habe seine Entscheidung selbst getroffen. „Er hat uns am Sonntag um 12.45 Uhr seinen Rücktritt bekannt gegeben“, sagte der Stiftungsratsvorsitzende. Man habe ihm zuvor verschiedene Möglichkeiten offengelassen. „Von einer Drucksituation kann nicht die Rede sein“. Nach seinem Rücktritt sei Weißmann in seine frühere Funktion zurückgekehrt und anschließend beurlaubt worden. Weitere arbeitsrechtliche Fragen müsse nun die Geschäftsführung klären.
Betrieb und ESC-Vorbereitungen laufen weiter
Auswirkungen auf den laufenden Betrieb des ORF sieht der Stiftungsrat nicht. Lederer betonte, das Unternehmen sei weiterhin voll arbeitsfähig. „Das Programm funktioniert vollinhaltlich, wir sind voll am Arbeiten. „Auch die Vorbereitungen für den Eurovision Song Contest seien nicht gefährdet. „Sie können sich sicher sein, dass unser Team rund um die Uhr daran arbeitet“, so Lederer abschließend. (red)
