WIEN. Österreichs Steuerberatungsbranche steuert auf eine Nachfolgewelle zu. Anfang 2025 waren rund 47% der 8.616 physischen Mitglieder der Kammer der Steuerberater und Wirtschaftsprüfer älter als 50 Jahre, knapp 20% hatten bereits das 60. Lebensjahr überschritten. Gleichzeitig wächst der Nachwuchs: Die Zahl der Berufsanwärter stieg zwischen 2015 und 2024 um rund 46% auf 4.366.
Dennoch finden vor allem kleinere und mittlere Kanzleien zunehmend schwer geeignete Nachfolger. Das Problem sei weniger ein Mangel an qualifizierten Steuerberatern als die Bereitschaft, unternehmerische Verantwortung zu übernehmen, meint Edin Salihodzic, Gründer der Wiener Steuerkanzlei Team23. „Uns droht kein Mangel an Steuerberaterinnen und Steuerberatern, sondern ein Mangel an Kanzleiunternehmern.“
Denn eine bestehende Kanzlei zu übernehmen bedeutet nicht nur, Mandanten zu betreuen. Mit dem Kauf gehen auch Personalverantwortung, Finanzierung, gewachsene Strukturen und wirtschaftliches Risiko einher. Viele jüngere Steuerberater bevorzugten daher die Neugründung, zumal die Nachfrage nach Beratungsleistungen hoch sei. Der Umsatz der Kammermitglieder stieg von rund 2,2 Mrd. Euro im Jahr 2014 auf knapp 3,6 Mrd. Euro 2023.
Wertvorstellungen klaffen auseinander
Ein weiteres Hindernis sind unterschiedliche Erwartungen von Verkäufern und potenziellen Käufern. Während Kanzleiinhaber jahrzehntelange Arbeit, Kundenbeziehungen und das eigene Lebenswerk einpreisen, achten Interessenten stärker auf Personalbindung, Mandantenstruktur, technische Ausstattung, Modernisierungsbedarf und Finanzierung.
„Bei einer guten Kanzlei kauft man nicht bloß eine Liste mit Klientennamen. Man kauft ein Unternehmen, das bereits jeden Montagmorgen funktioniert“, sagt Salihodzic. Gerade ein eingespieltes Team, dokumentierte Prozesse und stabile Mandantenbeziehungen könnten gegenüber einer Neugründung erhebliche Vorteile bieten.
Scheitert die Übergabe, hat das auch Folgen für Kunden und Beschäftigte. Mandate werden verteilt, Kanzleien von größeren Einheiten übernommen oder Kundenstöcke verkauft. Damit drohten nicht nur Know-how und Arbeitsplätze verloren zu gehen, sondern auch gewachsene Beratungsbeziehungen – insbesondere für kleine und mittlere Unternehmen.
Salihodzic empfiehlt Kanzleiinhabern deshalb, die Nachfolge drei bis fünf Jahre vor dem geplanten Rückzug vorzubereiten. Prozesse müssten dokumentiert, Teams stabilisiert und potenzielle Nachfolger frühzeitig eingebunden werden. Auch nach dem Verkauf sollte der bisherige Inhaber idealerweise noch eine Zeit lang begleiten. „Nachfolge ist kein Verkauf, bei dem am Freitag der Schlüssel übergeben wird und am Montag alles weiterläuft. Sie ist ein mehrjähriger Transformationsprozess.“
„Wir wollen Dinge anders machen“
Vor gut zwei Jahren haben Diego del Pozo und Melanie Fischer die Kreativagentur Lwnd gegründet, weil sie mit der eigenen Branche unzufrieden waren. Im Interview sprechen die beiden