Weibliches Know-how an der Börse wird gefördert
© Wiener Börse/Daniel Hinterramskogler
CAREER NETWORK Redaktion 03.09.2026

Weibliches Know-how an der Börse wird gefördert

Mit Kursen speziell für Frauen sorgen die Wiener Börse und das Wifi für Fertigkeiten am besonderen Parkett.

•• Von Alexander Haide

Seit mehr als zwei Jahrzehnten vermittelt die Wiener Börse Akademie Wissen über die Mechanismen am Kapitalmarkt. „Finanzbildung ist heute eine zentrale Voraussetzung für Selbstbestimmung. Gerade Frauen profitieren davon, wenn sie Finanzentscheidungen bewusst, informiert und unabhängig treffen können. Mit den Angeboten der Wiener Börse Akademie schaffen wir einen praxisnahen Zugang zu Geldanlage, Vorsorge und persönlicher Finanzkompetenz, verständlich, fundiert und unmittelbar anwendbar“, unterstreicht Christian Faymann, Institutsleiter des Wifi Wien der Wirtschaftskammer Wien.

An der Wiener Börse selbst ist Erwin Hof für die Finanzbildung mit den Schwerpunkten auf die Zielgruppe der Schüler und der Erwachsenen zuständig. Er leitet die Wiener Börse Akademie. Im medianet-Interview erklärt Hof, weshalb es immer wichtiger wird, sich mit Aktien und Fonds zu beschäftigen, wobei sich immer mehr Frauen für die Börse interessieren.

medianet: Welche Programme zur Finanzbildung gibt es an der Wiener Börse?
Erwin Hof: Es gibt zwei Schwerpunkte. Einerseits bieten wir Vorträge für Schüler an und haben dafür gemeinsam mit Pädagogen Unterrichtsmaterialien entwickelt. Der zweite große Bereich ist die Erwachsenenbildung für Männer und Frauen. In den vergangenen Jahren haben wir ein verstärktes Interesse von Frauen an Geldthemen und an der Börse wahrgenommen und deshalb eigene Frauenseminare im Rahmen der Wiener Börse Akademie aufgesetzt.

medianet: Die Österreicher ­gelten allgemein als Börsenmuffel.
Hof: Hier hat sich in den vergangenen Jahren einiges getan. Noch vor knapp einem Jahrzehnt besaßen nur vier bis fünf Prozent der Österreicher Aktien, heute sind das laut unseren Umfragen bereits 18 Prozent. Die Tendenz ist steigend.
Rechnet man den Besitz von ETFs, Anleihen und Anteilen an Fonds hinzu, betrifft das Thema jeden dritten Österreicher. Das sind rund 2,4 Millionen Menschen. Hinzu kommen 1,4 Millionen, die noch keine Wertpapiere besitzen, aber am Kauf interessiert sind. Dabei besitzt jede vierte Frau Wertpapiere.

medianet: Wie ausgeprägt ist das Defizit bei der Finanzbildung in Österreich?
Hof: Studien zeigen ein gemischtes Bild. Im Rahmen der PISA-Studie wurde im Jahr 2022 erstmals auch das Finanzkompetenzmodul abgefragt. Von zwanzig teilnehmenden Ländern belegte Österreich den sechsten Platz. Das internationale Niveau ist im Allgemeinen gemäßigt. Wir müssen das Finanzwissen der Bevölkerung steigern, damit sie es zielgerichtet zum Vermögensaufbau oder zur Altersvorsorge einsetzen kann. Unsere jährliche Aktienbarometerstudie ergab, dass die Österreicher meinen, über nicht genügendes Finanzwissen zu verfügen. Es gibt hier also einen Bildungsauftrag.

medianet: Welche Inhalte vermitteln Sie im Rahmen Ihrer Lehrgänge? Sind die Kurse didaktisch für Frauen und ­Männer unterschiedlich gestaltet?
Hof: Wir bieten ein umfangreiches Programm mit rund 35 Seminaren und Lehrgängen an. Wir haben festgestellt, dass es unterschiedliche Anlegertypen und unterschiedliche Wissensniveaus gibt. Manche kommen ohne jegliche Vorbildung und wollen sich die Grundlagen aneignen. Andere haben bereits Erfahrungen am Markt gesammelt.

Deshalb haben wir uns ein sehr breites Seminarprogramm überlegt, darunter ein speziell für Frauen entwickeltes Einstiegsseminar. Dabei gehen wir darauf ein, weshalb eine finanzielle Vorsorge für Frauen besonders relevant ist. Sie leben länger als Männer und verdienen weniger. Daraus ergibt sich oft ein geringerer Pensionsanspruch. Diese Seminare werden von Frauen geleitet. Ansonsten gibt es keine geschlechterspezifischen Unterschiede bei den Inhalten. Für Fortgeschrittene bieten wir eine Reihe von Aufbauseminaren an, bis hin zum Lehrgang zum Börsenhändler, für alle, die in diesem Bereich auch beruflich Fuß fassen möchten.

medianet: Wie ist das Geschlechterverhältnis derzeit bei Börsenhändlern am Parkett?
Hof: Es sind ungefähr 70 Prozent Männer und 30 Prozent Frauen. Wenn man aber die Teilnehmer an unseren Seminaren durchrechnet, kommen wir auf einen Frauenanteil von 44 Prozent. Wir nähern uns Jahr für Jahr der 50-Prozent-Marke.

medianet: Wie viele Lerneinheiten sind nötig, um sich beim Handeln an der Börse, auch mit digitalen Tools, halbwegs sicher zu fühlen?
Hof: Mit Menschen ohne Grundkenntnisse beschäftigen wir uns rund eineinhalb Tage, in denen wir die wichtigsten Wertpapierarten und ETFs erklären, um den Teilnehmern eine Orientierung zu geben. Danach ist der gezielte Besuch weiterer Seminare möglich, bei denen die einzelnen Anlagearten im Mittelpunkt stehen. Das hängt davon ab, in welche Richtung die Teilnehmer gehen wollen, das Spektrum reicht von ETFs über Fonds bis hin zu einzelnen Aktientiteln. Man muss sich aber nicht Jahre lang mit dem Thema beschäftigen oder ein Börsenexperte sein, um zu investieren.

medianet: Wie setzen sich Ihre Klientinnen demographisch und mit welchem Bildungsniveau zusammen?
Hof: Das ist komplett durchmischt und fokussiert sich nicht auf bestimmte Altersgruppen oder auf ein Bildungsniveau.

medianet: Gerade in den vergangenen Jahren gab es durch diverse Krisen und geopolitische Verwerfungen extrem volatile Entwicklungen. Sollte man deshalb jetzt abwarten?
Hof: Turbulente Entwicklungen gab es auch vor fünf, zehn oder 15 Jahren. Es ist in der Finanzpsychologie eine bekannte Verzerrung, dass Ereignisse aus der jüngeren Vergangenheit überbewertet und fortgeschrieben werden. Es müssen sich solche Ereignisse aber nicht wiederholen. Ein Großteil der Menschen verfolgt ein langfristiges und regelmäßiges Anlegen in ein breites Portfolio an Produkten. Das Erraten des idealen Ein- oder Ausstiegs ist selbst für Profis schwierig. Für Anleger, die langfristig orientiert sind, ist es wesentlich klüger, regelmäßig mit einem Sparplan anzusparen.
Es ist der Wiener Börse Akademie wichtig, dass wir neutral sind, keine Anlagetipps geben und das tägliche Marktgeschehen nicht kommentieren. Es wird von unseren Seminarteilnehmern geschätzt, dass wir keine konkreten Produkte verkaufen, sondern die Menschen informieren wollen.

medianet: Haben Menschen, die Ihre Kurse absolvieren, mehr Erfolg an der Börse?
Hof: Begegnungen mit ehemaligen Teilnehmern nach einigen Jahren zeigen, dass unsere Seminare als wertvoll eingeschätzt werden und das erworbene Wissen direkt angewandt wurde. Das ist eine schöne Bestätigung.

medianet: Im Vorjahr feierte die Börse Akademie ihren 20. Geburtstag. Wie soll sie in einem Jahrzehnt aussehen?
Hof: Wir haben bei der Gründung erkannt, dass es in unserer Gesellschaft Finanzbildung braucht und dadurch entstand das Gemeinschaftsprojekt mit dem Wifi Wien. Es geht mit der Finanzbildung langsam aufwärts. Wir müssen aber auch an die junge Generation denken, die nachrückt. Deshalb denke ich, dass wir auch in zehn oder 15 Jahren noch einen Job haben werden, denn unser Bildungsauftrag ist ein Dauerauftrag, den wir so gut wie möglich erfüllen wollen.

Derzeit wirkt die KI immer stärker in den Börsenbereich und wir werden dem im kommenden Jahr mit einem eigenen Lehrgang auch Rechnung tragen. Dafür ist das Wifi Wien der Wirtschaftskammer Wien für uns der ideale Kooperationspartner.

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