Tourismus in Österreich: Die Grenzen des Wachstums
© APA/Harald Schneider
DESTINATION Redaktion 26.08.2026

Tourismus in Österreich: Die Grenzen des Wachstums

Trotz guter Auslastung schmelzen die Gewinne wie Gletscher im Sommer, warnt ÖHV-Präsident Walter Veit.


Österreich wurde in der bisherigen Sommersaison von Gästen aus dem In- und Ausland sehr gut besucht. In den Monaten Mai bis Juli stiegen die Nächtigungszahlen um 3,2% auf 41,87 Mio. Das sei ein historischer Höchstwert seit Beginn der elektronischen Aufzeichnungen 1973, gab die Statistik Austria am Dienstag bekannt. Österreichs Tourismus eilt von Rekord zu Rekord: mehr Ankünfte, mehr Nächtigungen, höhere nominelle Einnahmen. Gleichzeitig geraten viele Betriebe wirtschaftlich stärker unter Druck. Im medianet-TV-Format „destination“ diskutierten Herausgeber Chris Radda, ÖHV-Präsident Walter Veit und Wifo-Ökonom Oliver Fritz darüber, warum volle Häuser noch lange keine hohen Erträge garantieren.
Die Branche hat ihre Preise in den vergangenen Jahren teils deutlich angehoben, dennoch bleibt inflationsbereinigt vielerorts weniger Gewinn als noch vor zehn Jahren. Veit sieht diese Entwicklung im betrieblichen Alltag klar bestätigt: „Wir als Hoteliers sehen das ja jedes Jahr, jeden Monat in unseren Zahlen, dass es nicht so bergauf geht, wie es immer dargestellt wird.“

Kosten fressen Erträge auf
Besonders schwer wiegen aus Sicht des ÖHV-Präsidenten die Personalaufwendungen. „Unsere Mitarbeiter verdienen zu wenig, aber sie kosten uns zu viel“, beschreibt Veit das Spannungsfeld zwischen Einkommen und Lohnnebenkosten. Die Preisschraube lasse sich zugleich nicht beliebig weiterdrehen. Österreich drohe sonst, im internationalen Vergleich an Wettbewerbsfähigkeit einzubüßen. Ein Gast habe ihm zuletzt erzählt, dass sich die Preisniveaus in Hotellerie und Gastronomie zwischen Österreich und der Schweiz mittlerweile stark angenähert hätten.
Zusätzlich setzen hohe Energiepreise, zunehmende Bürokratie und laufender Investitionsbedarf den Betrieben zu. Veit bemängelt, dass energieintensive Tourismusunternehmen, etwa Thermen- oder Spa-Betriebe, von Entlastungen deutlich weniger profitierten als Teile der Industrie. „Wir sind ein großer Exportfaktor für das Land“, unterstreicht er mit Blick auf den hohen Anteil internationaler Gäste. Auch die steuerlichen Rahmenbedingungen seien aus seiner Sicht wenig investitionsfreundlich: Während Hotels regelmäßig modernisieren müssten, erschwerten lange Abschreibungszeiträume rasche Erneuerungen.
Wifo-Ökonom Fritz plädiert deshalb dafür, den Blick weg von reinen Mengenindikatoren zu lenken. „Schauen wir nicht auf die Mengen und auf die Nächtigungen, schauen wir eher auf die Einnahmen“, sagt er. Für die wirtschaftliche Bewertung der Branche sei letztlich entscheidend, was nach Abzug aller Kosten bei Unternehmen und Beschäftigten übrig bleibt.

Mehr Gäste, aber nicht automatisch mehr Wertschöpfung
Auch die Struktur des Wachstums spielt dabei eine Rolle. Veit verweist auf starke Zuwächse bei Apartments, Ferienwohnungen und Campingplätzen. Diese Angebotsformen seien zwar fixer Bestandteil des Tourismus, erzeugten im Durchschnitt aber weniger Wertschöpfung als höherpreisige Hotelangebote.
Fritz warnt allerdings vor einer vorschnellen Gleichsetzung von Preis und Qualität. Gute touristische Angebote seien keineswegs an eine bestimmte Sterne-Kategorie gebunden; auch preisgünstigere Betriebe oder Campingplätze könnten hochwertige Leistungen bieten.
Übereinstimmung besteht vor allem in einem Punkt: Österreich kann seine Position im internationalen Tourismus nicht über niedrige Löhne absichern. Fritz spricht sich für stärker qualitätsorientiertes Wachstum und bessere Investitionsbedingungen aus. Veit wiederum fordert veränderte steuerliche Rahmenbedingungen: „Wenn man am Weltmarkt bestehen will, braucht es andere steuerliche Zugänge.“ Das Wifo plädiert seit Langem dafür, Arbeit weniger und Ressourcen stärker zu besteuern.
Die touristischen Rekorde erzählen damit nur die halbe Geschichte. Die Nachfrage nach Urlaub in Österreich ist hoch. Die entscheidende Frage lautet jedoch zunehmend, wie viel wirtschaftliche Substanz davon tatsächlich bei Betrieben, Beschäftigten und Regionen ankommt.

Wirtschaftsleistung dürftig
Auch die Agenda Austria widmete sich vor einiger Zeit der unbefriedigenden Ertragssituation der heimischen Tourismusbetriebe. Ökonom Jan Kluge, bei der Agenda Austria unter anderem zuständig für den Bereich Wirtschaftsstandort, zeichnete in einem Kommentar für den Kurier ein dramatisches Bild. „Während die Österreicher in diesen Tagen nach dem Sommerurlaub allmählich wieder an die Fließbänder und Schreibtische zurückkehren, kommt eine Meldung der Statistik Austria nicht überraschend, denn der österreichische Tourismus ­feiert fröhliche Urstände. Die erste Hälfte der Sommersaison ist in den Büchern und sie brachte mehr Nächtigungen als je zuvor.“

Unter Vorkrisenniveau
Doch die harten volkswirtschaftlichen Daten sprechen eine weniger erfreuliche Sprache, so Kluge: Die Wirtschaftsleistung der Gastronomie- und Beherbergungsbranche sei zwar zu aktuellen Preisen kräftig gestiegen, inflationsbereinigt dümple sie aber noch immer unter Vorkrisenniveau. Kaum eine Branche sei durch Corona und die Teuerung so durchgerüttelt worden wie der Tourismus. Selbst nach drei Jahren Rezession seien Servicekräfte schwer zu finden und noch schwerer zu bezahlen. Hohe Preise für Energie, Lebensmittel oder Kaffee kämen noch dazu. Immer wieder als Inflationstreiber verschrien, blieb vielen Betrieben gar nichts anderes übrig, als ihre Preise kräftig zu erhöhen. “

Lücke zur Eurozone
Vor allem die Lohnentwicklung in Österreich sollte nicht aus dem Blick verschwinden. Kluge: „Gerade in den arbeitsintensiven Dienstleistungsbranchen haben die sagenhaften Lohnabschlüsse der letzten Jahre Spuren hinterlassen. Um mehr als acht Prozent würden die Tariflöhne hierzulande sinken müssen, um die in den letzten fünf Jahren aufgerissene Lücke zur ­Eurozone wieder zu schließen.“ (ah)

Sehen Sie das gesamte Interview mit Walter Veit und Oliver Fritz auf: tv.medianet.at

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