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Go for Gold © PantherMedia/zamuruev
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britta biron 18.11.2022

Go for Gold

London/Tannay/Genf. Gold steht für Reichtum, Luxus, Macht und Schönheit, aber auch für Umweltverschmutzung, Menschenrechtsverletzungen, Zwangsarbeit und die Finanzierung von Gewalt, Terror und kriminellen Aktivitäten. Mit dieser dreckigen Kehrseite möchte die Goldindustrie klarerweise nichts zu tun haben und hat in den vergangenen Jahren eine Reihe von Initiativen und Zertifizierungsprogrammen, wie zum Beispiel die Swiss Better Gold Association, das Responsible Jewellery Council, die Responsible Mining Foundation, Fairminded- und Fairtrade-Gold oder die Watch and Jewellery Initiative 2030, gestartet um die Lieferketten möglichst sauber und transparent zu halten.

Parallel haben etliche große Minengesellschaften begonnen, ihre Umwelt- und Klimabilanz zu verbessern. Zentrale Punkte dabei sind die Umstellung von Diesel-betriebenen Maschinen und Fahrzeugen auf solche mit Elektromotoren und deren Betrieb mit Strom aus erneuerbaren Quellen. Wie der bereits Ende 2018 erschienene Bericht „The Renewable Power of the Mine” des Columbia Center for Sustainable Investment und der deutschen Gesellschaft für Entwicklungszusammenarbeit (GIZ) zeigt, wurden dabei schon gute Fortschritte erzielt.

Lieferkette mit …

Auch in Sachen sozialer Verantwortung hat sich einiges verbessert. Laut dem World Gold Council (WGC) zahlen dessen Mitgliedsbetriebe ihren insgesamt knapp 200.000 direkt Beschäftigten – mehrheitlich übrigens Einheimische – im Schnitt sechs Mal mehr als das Durchschnittseinkommen in den Förderländern. Von der Goldgewinnung leben zusätzliche 1,2 Mio. Beschäftigte in der Zulieferindustrie und weitere 700.000 in der lokalen Wirtschaft der Minenregionen. Insgesamt steuerten die WGC-Mitglieder 2020 37,9 Mrd. USD in Form von Gehältern, Steuern und Zahlungen an ihre Lieferanten zum BIP der Förderländer bei. Dazu kamen noch 438 Mio. USD Spenden an lokale Gemeinden und indigene Gruppen. „Wir und unsere Mitglieder sind seit Langem davon überzeugt, dass der Goldabbau, wenn er verantwortungsvoll betrieben wird, einen wichtigen Beitrag zur sozialen und wirtschaftlichen Entwicklung der Gastgemeinden und -länder leisten kann”, sagt Terry Heymann, CFO des World Gold Councils.

… schwachen Gliedern

Aber nicht alle großen Goldförderer sind Mitglied im WGC und beachten dessen Responsible Gold Mining Principles. In der Kritik von Umwelt- und Menschenrechtsorganisationen steht besonders der Goldabbau in sensiblen Ökosystemen, wie etwa das Volta Grande-Projekt des kanadischen Unternehmens Belo Sun am Rio Xingu im brasilianischen Amazonasregenwald.
Während der Präsidentschaft von Jair Bolsonaro wurden die Hürden für die Goldgräber kontinuierlich gesenkt, und einer der letzten Gesetzesentwürfe sieht vor, dass indigenes Land seinen durch die Verfassung geschützten Status verliert und für die Goldförderung geöffnet wird. Betroffen davon wäre ein Gebiet 20 Mal so groß wie die Schweiz. Ob der neu gewählte brasilianische Präsident Luiz Inácio Lula da Silva dem Goldrausch wie versprochen Einhalt tatsächlich gebietet, ist derzeit noch offen.
Trotz etlicher Fortschritte ist der industrielle Goldbergbau längst noch kein Eldorado in Sachen Nachhaltigkeit und sozialer Fairness. Diesbezüglich ein echtes Minenfeld ist aber der handwerkliche und kleingewerbliche Sektor (ASM, Artisianal and small-scale Mining), aus dem etwa 20% der gesamten globalen Goldfördermenge (2021 waren das laut WGC-Statistik 3.560,7 t) stammen.
Zwischen 20 und 40 Mio. Menschen weltweit arbeiten in diesem Sektor und rechnet man deren Familien dazu, sind weit über 100 Mio. Menschen wirtschaftlich von ihm abhängig. Die Minen liegen so gut wie ausschließlich in Entwicklungsländern mit ohnehin schon niedrigen Umwelt- und Sozialstandards, die zudem kaum kontrolliert werden. Kinder- und Zwangsarbeit, Ausbeutung, fehlender Arbeitsschutz und der unkontrollierte Einsatz giftiger Substanzen, wie Quecksilber und Zyanid, sind bei der ASM-Goldgewinnung daher an der Tagesordnung.

Schaden für Umwelt …

Laut einem Anfang Juni erschienen UN-Bericht ist allein in Kolumbien im vergangenen Jahr auf einer Fläche von 1.000 km², davon rund die Hälfte Naturparks und Schutzgebiete, Schwemmgoldabbau betrieben worden und etwa 600 km² Land mit Chemikalien verseucht. Eine Untersuchung des WWF Brasilien zeigt, dass zwischen 2019 und 2020 durch den Goldabbau 100 t Quecksilber in das Ökosystem des Amazonas gelangt sind.
Auch in Ghana, Nummer 6 im Ranking der Goldförderländer, steigt die verseuchte Landfläche durch die Ausweitung des illegalen Abbaus. Das wirkt sich auch negativ auf einen anderen wichtigen Wirtschaftszweig des Landes aus, den Anbau von Kakao. Laut dem ghanaischen Kakaoboard (Cocobod) sind zwischen 2019 und 2020 rund 19.000 ha Kakao-Plantagen durch Goldgräber übernommen oder langfristig beschädigt worden.
In seinem Ende September vorgestellten Bericht führt Marcos Orellana, UN-Sonderberichterstatter für Giftstoffe und Menschenrechte, an, dass gut ein Drittel des weltweiten eingesetzten Quecksilbers auf den ASM-Goldbergbau entfällt.
„In den meisten Teilen der Welt, in denen Quecksilber im kleinen Goldbergbau verwendet wird, sind die Menschenrechte der Bergleute, ihrer Familien und Gemeinden, die oft in bitterer Armut leben, zunehmend durch die Quecksilberkontamination bedroht”, so Orellana.
Die hochtoxische Substanz gelangt in die Luft, die Gewässer und die Nahrungskette auch weiter von den Minen entfernter Regionen, was zu schwerwiegenden gesundheitlichen Schäden führt.
Zwar gibt das Minamata-Abkommen, das Mitte 2017 in Kraft getreten ist und das mittlerweile 137 Staaten unterzeichnet haben, klare Regeln für den Schutz der menschlichen Gesundheit und der Umwelt vor Quecksilber-Emissionen vor, hat aber etliche Lücken. Die Emissionen von Quecksilber im ASM-Goldbergbau sind seither sogar gestiegen. „Daher sollte die Verwendung und der Handel mit Quecksilber in diesem Sektor verboten werden. Dies wäre ein wesentlicher Schritt, um andere Elemente des Übereinkommens zu stärken und wirksamer zu machen”, so der Experte.

… und Gesundheit

Da der kleingewerbliche Goldbergbau meist informell oder illegal betrieben wird, ist er ein Hotspot der globalen Kriminalität, die sich damit sprichwörtlich eine Goldene Nase verdient. Interpol-Schätzungen zufolge erwirtschaften Verbrecherorganisationen mit Goldgewinnung und -handel jährlich zwischen 12 und 48 Mrd. USD. Die steigende Nachfrage nach dem Edelmetall befeuert dieses Geschäftsfeld noch weiter.
„Im Zusammenhang mit Covid-19 hat der illegale Goldabbau die Taschen von Kriminellen mehr denn je zuvor gefüllt und es ihnen ermöglicht, Geld in andere illegale Aktivitäten zu stecken und gleichzeitig die lokale Umwelt zu zerstören”, sagt Cindy Buckley, stellvertretende Direktorin der Interpol-Abteilung für illegale Märkte.
Mit einer neu gegründeten Taskforce bietet die globale Polizeibehörde den betroffenen Ländern jetzt mehr analytische, ermittlungstechnische und operative Unterstützung bei der Bekämpfung des illegalen Goldbergbaus und den damit verbundenen Verbrechen.

Fair gefördert

Die massiven Probleme im ASM-Sektor betreffen dabei die gesamte Goldindustrie. Am Weg von der Mine bis zu Schmuckstücken, Uhren, Münzen und Barren durchläuft das Edelmetall zahlreiche Verarbeitungsschritte, und das in mehreren Ländern mit unterschiedlichen gesetzlichen Vorschriften, Standards, Kontrollen und Einfuhrbestimmungen; dabei verschmelzen im wahrsten Sinne des Wortes legal und illegal geschürftes Gold miteinander.
Da man den ASM-Bergbau nicht eindämmen kann und außerdem auf sein Gold auch angewiesen ist, wurden in den letzten Jahren verschiedene Maßnahmen gesetzt, um die Kleinen besser in das legale System zu integrieren.
Ein Beispiel dafür, dass kleingewerbliche Goldgewinnung ökologisch und sozial verträglich geht, zeigt die Marke Fairtrade. Die Kleinbergbauern werden hinsichtlich Umwelt- und Arbeitsschutz geschult und unterstützt und erhalten einen Mindestpreis (95% des von der London Bullion Market Association festgelegten Goldpreises) sowie eine zusätzliche Prämien von 2.000 USD pro kg Feingold zur Finanzierung sozialer, wirtschaftlicher oder ökologischer Projekte, wie etwa den Bau von Schulen und Krankenhäusern oder den Kauf von Schutzausrüstung und Arbeitsgeräten.
Auch etliche große Minengesellschaften haben Kooperationsprogramme mit ASM-Goldschürfern, aber wie ein im Frühling dieses Jahres vom WGC veröffentlichter Bericht zeigt, mit überschaubaren positiven Effekten. Bisher stammen nur rund zwei Prozent des Goldes, das über den London Bullion Market (LBMA) – die weltweit größte Edelmetallbörse – gehandelt wird, aus zertifizierten und sauberen kleingewerblichen Minen.
Entmutigen lässt man sich davon aber nicht, sondern forciert die Bemühungen.
Ende Juni haben Belgien und die Weltbank den EGPS ASM Sahel Associated Trust Fund gegründet, um den kleingewerblichen Bergbau in den Ländern der Subsahara-Zone nachhaltig zu entwickeln und zu fördern. „Die Legalisierung ist eine der wichtigsten Prioritäten, um die Menschenrechte zu verbessern, die Bergleute zu schützen, die Auswirkungen auf die Umwelt zu mindern, den Schmuggel einzudämmen und die Einnahmen der Länder aus ihrem Mineralienreichtum transparenter zu gestalten”, ist Demetrios Papathanasiou, Direktor für Energie und Rohstoffe bei der Weltbank, überzeugt. Zur Anschubfinanzierung hat Belgien zwei Mio. € zur Verfügung gestellt, insgesamt will man ein Budget von 50 Mio. erreichen.

Neue Projekte

Bei der Global Precious Metals Conference Mitte Oktober in Lissabon hat die LBMA eine Reihe konkreter Schritte vorgeschlagen, um den ASM-Sektor besser in die regulären Lieferketten zu integrieren. Grund dafür ist ein aktueller Bericht von Gregory Mthembu-Salter und Thomas Salter von Phuzumoya Consulting. Der zeigt auf, warum bisherige Programme nur wenig gebracht haben und die kleinen Goldgräber sogar – wenn auch unbeabsichtigt – zusätzlich marginalisiert und noch weiter in die Illegalität gedrängt haben. Diese Fehler mit man bei dem neuerlichen Anlauf vermeiden.
Im Bemühen um saubere und nachvollziehbare Lieferketten sind auch die Uhren- und Schmuckhersteller nicht untätig.
Chopard hat als erste der großen Luxusmarken auf zertifiziertes ASM-Gold gesetzt. 2014 wurde eine erste Kollektion aus zertifiziertem Fairminedgold präsentiert, mittlerweile werden alle Schmuckstücke und Golduhren aus diesem Material gefertigt.
Der österreichische Schmuckhersteller Brüder Novotny bietet die Trauringe seiner Collection Ruesch seit 2016 auch aus 14karätigem Fairtrade-Gold an und das kommt am europäischen Markt sehr gut an. „Der Anteil der Bestellungen von 14kt Fairtrade-Ringen ist vor allem im heurigen Sommer stark gewachsen und lag gerade bei den klassischen Modellen im zweistelligen Bereich”, freut sich Cornelia Gruber-Ruesch, Geschäftsführerin der renommierten Familienbetriebs.
Gold aus kleinen, sauberen Minen ist jetzt auch das neue Motto von Breitling. Kürzlich wurde mit der Super Chronomat Origins das erste Modell aus ASM-Gold vorgestellt. Und der Uhrenhersteller geht sogar noch einen Schritt weiter und legt – ein Novum in der Branche – die komplette Lieferkette offen. Das Gold stammt aus der Touchstone-Mine in Kolumbien und gelangt über den kolumbianischen Händler Grupo Altea – beide von Swiss better Gold zertifiziert – in die Schweiz zu den Goldraffinerien MKS PAMP und Argor Heraeus.
„Die Verbraucher kaufen zunehmend bewusster und wollen wissen, woraus die Produkte bestehen. Wir wollen die Antworten von vornherein offenlegen”, so Breitling-CEO Georges Kern. „Die Super Chronomat Origins ist ein wichtiger Schritt in dieser Transformation zu nachhaltigem Luxus von Breitling.” Zu jeder Uhr gibt es ein Blockchain-gestütztes NFT, auf dem die gesamte Lieferkette dokumentiert ist.
Und nachdem die Rückverfolgbarkeit der kleinen Diamanten, die in der Uhrenindustrie verwendet werden, ebenso unzureichend und lückenhaft wie beim Gold ist, verzichtet Breitling ganz darauf und setzt stattdessen auf Labordiamanten. Bis 2025 soll das komplettes Sortiment dahingehend umgestellt werden.

Viel Glanz und …

Eine saubere Alternative zum Minengold ist Recyclinggold. Einerseits glänzt es, wie eine Studie der Hochschule Pforzheim im Jahr 2019 gezeigt hat, mit einem minimalen CO2-Fußabdruck. Gerade einmal 53 kg des schädlichen Treibhausgases pro Kilogramm Gold werden freigesetzt gegenüber 10 bis 20 t bei neu gewonnenem Gold. Andererseits entfallen alle Probleme rund um schlechte Arbeitsbedingungen, Umweltschäden und Kriminalität.
Vom gesamten weltweiten Goldbedarf wird durch die Wiederaufbereitung pro Jahr rund ein Drittel gedeckt. In Deutschland und Österreich wird von der Schmuckindustrie fast ausschließlich Recyclinggold verarbeitet. Früher hat man das nicht an die große Glocke gehängt, aber zunehmend erkennt man, dass das Thema ein Pluspunkt am Markt ist und kommuniziert es offensiv.
2019 hat die Schmuckdesignerin und Umweltaktivisten Guya Merkle den World Gold Day ins Leben gerufen. Mit der Aktion, die seither Mitte November stattfindet, soll das Interesse der Hersteller und Verbraucher am hochkarätigen Recycling geweckt und gesteigert werden. Zudem soll das Bewusstsein für bisher noch weitgehend ungenutzte Goldquellen gefördert werden, nämlich das Edelmetall, das sich im Elektroschrott befindet.
In einem Smartphone stecken beispielsweise rund 30 mg des Edelmetalls. Hochgerechnet auf die etwa 200 Mio. ungenutzten und kaputten Handys, die es aut dem Branchenverband Bitkom allein in Deutschland gibt, sind das sechs Tonnen Gold.

… wenig Emissionen

Ein Kritikpunkt im Zusammenhang mit Recyclinggold ist, dass es ursprünglich ja auch aus einer Mine stammt und eventuell unter schlimmen Bedingungen gewonnen wurde. Aber nachdem man die Vergangenheit nicht ändern kann, wohl aber die Gegenwart und Zukunft, zieht dieses Argument natürlich nicht.
Auch Luxusmarken haben längst keine Scheu mehr davor, dieses Edelmetall zu verwenden und das auch ganz offen und große zu kommunizieren. Unter dem Namen Eternal Gold – ein Hinweis darauf, dass Gold unendlich oft und ohne Qualitätsverlust wiederverwendet werden kann – hat kürzlich die italienische Nobelmarke Prada ihre erste Fine Jewellery-Kollektion vorgestellt. Sie besteht aus Ketten, Ringen, Ohrringen und Armbändern sowohl für Damen als auch Herren, die zu 100% aus 18karätigem Recyclinggold sind, das aus ehemaligem Industriegold und Altschmuck gewonnen wurde.

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