••• Von Jakob Klawatsch
Im Rahmen der IAA Generalversammlung Ende Jänner 2026 hat Yvonne Haider-Lenz das Zepter der Präsidentin des IAA Austrian Chapter übernommen. Gut 100 Tage später zieht sie eine erste positive Bilanz. Im medianet-Interview spricht Haider-Lenz über die Vernetzungsplattform Member Hub, wichtige Schritte zu einer faireren Pitchkultur und aktuelle Herausforderungen der Marketingbranche.
medianet: Sie sind nun rund 100 Tage Präsidentin des IAA Austrian Chapter. Zeit für eine erste Bilanz: Wie fällt Ihr Fazit aus, Frau Haider-Lenz?
Yvonne Haider-Lenz: Sehr positiv, auf mehreren Ebenen. Persönlich war es für mich ein Schritt in ein völlig neues Umfeld. Die Rolle als Präsidentin bringt andere Aufgaben und Verantwortlichkeiten mit sich als mein bisheriger Job, den ich seit über 20 Jahren ausübe. Ich habe mich aber ganz bewusst dafür entschieden, diese zusätzliche Verantwortung für die Branche zu übernehmen.
Wenn ich auf die ersten 100 Tage zurückblicke, bin ich wirklich sehr zufrieden. Wir haben im Vorstand vor Kurzem gemeinsam Bilanz gezogen und waren selbst ein wenig überrascht, wie viel wir bereits umgesetzt haben. Vor allem vor dem Hintergrund, dass wir als Team neu zusammengefunden haben und viele erstmals in dieser Konstellation zusammenarbeiten. Ein gutes Beispiel dafür ist der Member Hub, den wir bereits bei meiner Antrittsrede angekündigt haben. Das ist eines der wichtigsten Projekte meiner Amtszeit.
medianet: Was genau soll dieser Member Hub leisten?
Haider-Lenz: Der Member Hub soll das Herzstück unserer Vernetzung werden und Mitte des Jahres online gehen. Die IAA vereint ein unglaublich hochkarätiges Netzwerk mit viel Erfahrung und Expertise. Dieses Potenzial wurde bisher aber nicht optimal genutzt, weil es schlicht keine zentrale Plattform oder Mitgliederverzeichnis gab. Bislang hat Vernetzung vor allem über Events stattgefunden, aber man wusste oft gar nicht, wer zu einer Veranstaltung kommt. Genau das wollen wir ändern.
medianet: Und wie wird das konkret aussehen?
Haider-Lenz: Mitglieder können künftig aktiv angeben, welche Expertise sie mitbringen und welche sie suchen. Das schafft Anknüpfungspunkte für Austausch und Zusammenarbeit, auch außerhalb von Events.
Außerdem wird der Member Hub auch organisatorisch unterstützen: Wenn ich mich etwa zu einem Event anmelde, sehe ich, wer noch teilnimmt. Das kann die Vorbereitung und die Qualität der Gespräche ganz wesentlich verändern.
medianet: Parallel dazu haben sie mit ‚IAA Candy‘ eine neue Eventreihe gestartet. Was steckt hinter dem Format?
Haider-Lenz: Die Idee war, bereits bestehende Formate weiterzuentwickeln und offener zu gestalten. Wir wollten daraus etwas Dynamischeres machen. ‚IAA Candy‘ ist eine monatlich stattfindende, kuratierte Veranstaltung mit bewusst begrenzter Teilnehmerzahl, 20 bis 30 Personen. Es gibt einen inhaltlichen Impuls und danach eine Diskussion. Wichtig ist uns dabei auch Abwechslung, sowohl bei den Themen als auch bei den Locations.
medianet: Wie wurde das bisher angenommen?
Haider-Lenz: Sehr gut. Besonders freut mich, dass nicht immer dieselben Personen teilnehmen und wirklich ein Austausch entsteht. Das zeigt uns, dass die Themen relevant sind und unterschiedliche Zielgruppen ansprechen.
medianet: Ergänzt wird das alles auch durch einen neuen Podcast …
Haider-Lenz: Genau. Das Format heißt ‚Voices‘ und wird von Florian Schleicher, der auch Teil des neuen Vorstandsteams ist, produziert. Wir wollen damit etwas Kurzes und Prägnantes schaffen, keine langen Gespräche, sondern kompakte Einblicke in Marketing und Kommunikation geben.
Ich habe meine Aufnahme bereits gemacht. Danach starten wir mit Stimmen aus dem Vorstand, später sollen auch Mitglieder des Advisory Boards und auch andere Mitglieder zu Wort kommen. Es geht uns darum, Perspektiven sichtbar zu machen und Diskussionen anzustoßen. Noch im Mai sollen die ersten drei Folgen on air gehen und dann planen wir, regelmäßig eine neue Folge zu launchen.
medianet: Ein weiteres großes Thema war zuletzt der Influencer Marketing Guide ‚The Paper‘, der vom IAA Content Creator Hub Austria Anfang März präsentiert wurde. Wie fällt ihr Resümee dazu aus?
Haider-Lenz: Es war ein wahnsinnig positiver Auftakt. Das Interesse an ‚The Paper‘ war von Anfang an sehr groß und das Feedback sehr positiv. Wir sehen auch, dass der Guide sehr stark nachgefragt wird, auch wenn wir natürlich nicht wissen, wie stark ‚The Paper‘ genutzt wird.
Jetzt geht es darum, den Guide weiter auszurollen und zu beobachten, ob und wann Neuerungen kommen und wir den Guide aktuell und relevant halten. Denn wichtig ist: Es soll ein lebendiger Leitfaden sein, weil der Markt entwickelt sich ständig weiter.
medianet: Welche Bedeutung spielt das Thema Creator Economy generell für Ihre Arbeit als IAA-Präsidentin?
Haider-Lenz: Influencerinnen und Influencer sind gekommen, um zu bleiben. Es kommen viele junge Menschen neu in diese Branche und genau die brauchen Orientierung. Hier sehen wir als IAA unsere wichtige Aufgabe: Wissen bündeln, Leitlinien entwickeln und so einen Rahmen schaffen, der eine gute und faire Zusammenarbeit ermöglicht.
medianet: Stichwort Rahmenbedingungen: Sie arbeiten auch an einer Überarbeitung der Quality Pitch Charta der IAA.
Haider-Lenz: Das ist eines unserer zentralen Themen. Die Quality Pitch Charta existiert bereits seit Jahren und ist ein wichtiger Branchenstandard. Mein Team und ich glauben aber, dass sie in ihrer aktuellen Form zu wenig praxisnah ist. Unser Ziel ist es, sie verständlicher und prägnanter zu formulieren, um sie besser auf die aktuellen Anforderungen auszurichten. Außerdem wollen wir sie auf andere Player ausweiten, etwa Foto- und Filmproduktionen.
medianet: Was steht dabei im Fokus?
Haider-Lenz: Im Kern geht es um drei Dinge: klare Briefings, transparente Bewertung und respektvollen Umgang. Das klingt selbstverständlich, wird aber nicht immer so gelebt. Deshalb sagen wir auch ganz bewusst: Eine Charta allein verändert noch kein Kultur. Es braucht ein aktives Bekenntnis und tägliche Umsetzung. Denn wir glauben, dass Fairness für alle einen Mehrwert hat.
medianet: Sie selbst kommen von der Auftraggeberseite. Welche Rolle spielt in Bezug auf Pitch-Kultur?
Haider-Lenz: Auftraggeberinnen und Auftraggeber haben einen entscheidenden Einfluss darauf, wie Pitchprozesse gestaltet werden. Deshalb war es mir wichtig, mehr Auftraggeberinnen und Auftraggeber in den Verband und in das Vorstandsteam zu holen. Wir wollen diese Verantwortung aktiv wahrnehmen und selbst zeigen, wie faire Zusammenarbeit funktionieren kann.
medianet: Wenn wir den Blick weiten: Was sind aktuell die größten Herausforderungen für die Branche?
Haider-Lenz: Ein großes Thema ist sicher die Budgetentwicklung. Marketing wird in vielen Unternehmen noch immer als Kostenfaktor gesehen, doch wir sollten es stärker als Investition positionieren. Wir müssen unseren Beitrag zum langfristigen Unternehmenserfolg noch klarer darstellen, denn der Druck, sich zu beweisen, ist gestiegen. Wo Budgets gekürzt werden, da muss man zeigen, was man kann.
medianet: Und technologisch? Stichwort KI?
Haider-Lenz: KI ist aktuell kein eigener Schwerpunkt meiner Präsidentschaft. Nicht weil das Thema unwichtig wäre, aber es gibt viele Organisationen und Plattformen, die sich sehr fundiert mit KI beschäftigen. In der IAA beschäftigen wir uns weniger mit kurzfristigen Tool-Diskussionen, sondern mehr mit strategischen, ethischen und qualitativen Fragestellungen – das passt sehr gut in unsere Eventserie ‚IAA Candy‘.
medianet: Blicken wir zum Abschluss nach vorne: Was sind Ihre Prioritäten für die übrigen gut eineinhalb Jahre als IAA-Präsidentin?
Haider-Lenz: Der Member Hub wird uns stark beschäftigen, auch nach dem Launch. Denn entscheidend ist nicht nur die Plattform selbst, sondern dass sie auch aktiviert wird. Wir haben einige Kommunikationsideen dazu, wie man die Leute dazu bringt, den Member Hub aktiv zu nutzen. Gleichzeitig wollen wir das Netzwerk erweitern, insbesondere auf der Auftraggeberseite und auch international. Viele wissen gar nicht, dass die IAA ein globales Netzwerk ist, dass von allen Mitgliedern genutzt werden kann. Diese Perspektive wollen wir stärker aufzeigen und in Österreich sichtbarer machen.
medianet: Welche Rolle spielen dabei junge Talente in der Branche?
Haider-Lenz: Eine sehr wichtige. Unsere Young Professionals sind ein eigener Schwerpunkt. Im zweiten Halbjahr 2026 werden hierzu ein paar Neuerungen und Initiativen kommen, um die junge Zielgruppe noch besser einzubinden. Denn die Branche muss attraktiv bleiben und dafür brauchen wir die nächste Generation.
