•• Von Dinko Fejzuli
Bisher wurde nur spekuliert, nun gibt es tatsächlich die erste offizielle Kandidatur für die Führung des ORF ab dem 1. Jänner 2027. ORF-Magazin-Chefin Lisa Totzauer hat am Dienstag dieser Woche intern ihre Kandidatur verkündet und am Mittwoch in einem Pressegespräch ihre Beweggründe erläutert.
Fasst man diese zusammen, so sind ihre Motive vor allem unternehmens- und demokratiepolitischer Natur. Der ORF sei in einer Krise, aus der es ihn herauszuführen gelte. Es müsse eine neue Kultur nach innen gelebt werden, um sie als öffentlich-rechtlicher Watchdog nach außen glaubwürdig auch von anderen verlangen zu dürfen. Und dafür trete sie ein.
ORF-Bild korrigieren
Das Bild, das der ORF aktuell nach außen bietet, nennt sie „schmerzhaft und beschämend“. Ihr sei klar, dass der ORF jetzt reformiert werden müsse, um „einen wichtigen Teil der demokratischen Infrastruktur unseres Landes“ zu erhalten. Dass sie diese Aufgabe bewältigen könne, dafür sprächen ihre 30 Jahre Tätigkeit im und für den ORF: „Ich weiß von den Stärken und Schwächen und weiß in der Sekunde, was zu tun ist“, so Totzauer. In ihrer Karriere habe sie Programme und Formate entwickelt, den digitalen Wandel vorangetrieben und Teams durch diesen Wandel begleitet.
Wichtig aus ihrer Sicht sei es, dass der ORF künftig von einem Journalisten oder einer Journalistin geführt werde. Ihre Begründung: Der ORF sei nicht „nur“ ein Medienunternehmen, das man verwalten dürfe, sondern eine demokratische Institution, die man retten müsse. „Viele Probleme können nur von innen heraus überwunden werden“, zeigte sie sich überzeugt. Man müsse den ORF-Auftrag „fühlen, wollen und verstehen“.
Bis zur Bewerbung von Totzauer dominierte ein Name in den letzten Tagen die Berichterstattung, wenn es um die Frage ging, wer den ORF künftig führen soll – und das war jener von APA-Chef Clemens Pig. Dem erfolgreichen Manager wird nicht nur gerüchteweise großes Interesse am Topjob am Wiener Küniglberg nachgesagt. Clemens Pig will, und wie immer wieder in der Branche zu hören ist, trauen ihm viele den Job auch zu.
Top-Kandidat Clemens Pig
Pig selbst kam schon früh mit der Medienbranche in Berührung. Während seines Studiums engagierte er sich beim Forschungsprojekt mediawatch, das den EU-Wahlkampf 1996 in News-Sendungen des ORF analysierte. Im gleichen Jahr gründete er mit Kollegen daraufhin das Unternehmen mediawatch – Institut für Medienanalysen, das 2001 mehrheitlich von der APA übernommen wurde.
Er selbst kam 2008 zur APA, wurde dort 2016 Vorsitzender der Geschäftsführung der APA-Gruppe und initiierte deren Wandel hin zu einer News-Tech-Agentur, war maßgeblich an medienübergreifenden Innovationen wie dem Austria-Kiosk, der Austria-Videoplattform, der branchenübergreifenden Log-in-Lösung MediaKey beteiligt und zeichnet in diversen Funktionen für rund 850 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im D-A-CH-Raum, davon an die 350 Journalistinnen und Journalisten in Österreich und in der Schweiz, verantwortlich.
Was unbestrittenermaßen für Pig spricht, ist die Fähigkeit, dass er einerseits den u.a. auch von Lisa Totzauer geforderten Cut des ORF mit der Vergangenheit bewältigen könnte – und parallel dazu auch den notwendigen Neuanfang. Ob durch die genossenschaftliche Verbindung von ORF und APA die notwendige Distanz gegeben ist, um als, wie von Stimmen aus der Politik gefordert, „von außen“ zu gelten? Tatsache ist, der ORF ist zwar mit gut 45% der größte Gesellschafter der APA, aber gleichzeitig hat Pig nicht nur zum ORF, sondern auch zu den anderen Gesellschaftern, insgesamt zwölf österreichische Verlage, gute Kontakte, die er als neuer ORF-Chef auch brauchen würde.
Zukunftsfragen lösen
Im Abwehrkampf gegen die globalen Tech-Giganten wird es dringend weitere Kooperationen am Markt benötigen, ohne dabei aber die Identität des ORF selbst zu verwässern. Und um die eigene Marktposition zu festigen, wird auch die Digitalisierungsstrategie im ORF vorangetrieben werden müssen, vor allem in Richtung Plattformgedanke und Streaming-Services.
Bei den als Voraussetzung geltenden Erfahrungswerten in Sachen TV kann Pig seine Expertise im Aufbau der bereits erwähnten Austria-Videoplattform ins Treffen führen, einer neutralen Austauschplattform für Video-Content von Medien-unternehmen in Österreich, ebenso wie die Entwicklung etlicher technischer Lösungen in diesem Bereich, insbesondere im Zusammenhang mit dem Thema KI sowie auch das jahrelange Management der Bewegtbildinfrastruktur des ORF durch die APA.
Der APA-Chef selbst wird, für Österreich unüblich, keinem Lager zugerechnet. Umso verwunderlicher war die Wortmeldung von ÖVP-Generalsekretär Nico Marchetti in puncto ORF-Chef, als er in der Tageszeitung Die Presse kürzlich anmerkte, er würde Pigs Bewerbung begrüßen. Ob das Pigs Chancen steigert oder vielmehr schmälert, wird sich weisen.
Internationale Kandidaten
Chancen rechnet sich als weiterer Kandidat auch Markus Breitenecker aus. Von Der Österreichische Journalist mehrfach als „Medienmanager des Jahres“ ausgezeichnet, hat Breitenecker eine beeindruckende Vita vorzuweisen. Im Jahr 1996 als damaliger Geschäftsführer eines Wetterkanals ins TV-Geschäft eingestiegen, war er danach erster Geschäftsführer des 1998 gegründeten Senders ProSieben Austria, launchte erfolgreich den Wiener Stadtsender Puls TV (heute Puls 4) und baute bis zu seiner Berufung in den Vorstand der ProSiebenSat.1 Media in Deutschland im April 2024 jene Sendergruppe auf, die heute unter dem Namen ProSiebenSat.1Puls4 Österreich-Gruppe bekannt ist und zu der auch die beiden ATV-Sender gehören. Quasi zeitgleich mit seinem Rücktritt als Chief Operating Officer (COO) von ProSiebenSat.1 tauchten erste Vermutungen auf, er hätte Interesse an der Führung des ORF.
Über den großen Teich
Diese Woche ist mit Johannes Larcher ein weiterer international tätiger Manager als möglicher ORF-Chef aufgetaucht. In der Alpenrepublik weniger bekannt, war der aus Österreich stammende Larcher unter anderem Manager der US-Streamingplattform Hulu, Head of HBO Max International und unter anderem auch Gründer von SubVRsive, einem Studio für Augmented und Virtual Reality des Werbeagenturriesen WPP. Seine Verbindung zum ORF geht in die 1990er-Jahre zurück, als er dort unter anderem als Producer tätig war.
Und je nach Zahl der Kandidatinnen und Kandidaten und der daraus entstehenden Dynamik wäre da noch Kronehit-Chef Philipp König zu erwähnen. Königs Vita weist mehrere Qualifikationen hinsichtlich eines Topjobs im ORF auf. Der Jurist arbeitete ab 2014 im ORF unter anderem als Rechtsexperte beim damaligen Chefproducer Roland Weißmann und danach in der kaufmännischen Direktion beim damaligen ORF-Finanzdirektor Richard Grasl beziehungsweise dessen Nachfolger Andreas Nadler, bis er Mitte 2018 als Medienrechtsexperte ins von der ÖVP geführte Bundeskanzleramt wechselte.
Zudem kennt König auch die Medienseite abseits des ORF: Seit 2021 ist er, zunächst gemeinsam mit Mario Frühauf – und nach dessen Wechsel zur RMS allein – als Geschäftsführer von Österreichs größtem Privatradio Kronehit tätig. Abhängig davon, welche Kandidatinnen oder Kandidaten noch ins Rennen einsteigen, könnte eine Dynamik entstehen, an deren Ende es durchaus zu einer Überraschung kommt.
Dies hängt vor allem auch davon ab, was die aktuelle ORF-Chefin Ingrid Thurnher plant. Vor wenigen Wochen auf einem Krone-Cover als „Trümmerfrau“ bezeichnet, die am Küniglberg nach den Skandalen aufräumen soll, wollte sie sich unmittelbar nach ihrer Wahl nicht festlegen, ob sie auch ab Jänner 2027 weiter den ORF führen möchte. Die öffentlich geäußerten Wünsche mancher Politiker, der ORF brauche nun eine Führung „von außen“, könnten ihr jedoch bereits signalisiert haben, dass sie bei den Stiftungsräten keine Mehrheit erhält.
Was macht Ingrid Thurnher?
Sollte sich Ingrid Thurnher jedoch erneut bewerben – und bei ihrer ersten Wahl am 23. April erhielt sie 31 von 35 Stimmen – könnte es schwer werden zu erklären, warum sie wenige Wochen später nicht mehr wählbar sein sollte. Und: Es könnte eine völlig neue Dynamik in die Wahl bringen.
Ein etwaiger Antritt der aktuellen ORF-Generaldirektorin könnte damit nicht nur das Kräfteverhältnis unter den bisherigen Kandidaten durcheinanderbringen, sondern auch weitere Kandidatinnen und Kandidaten dazu animieren, ebenfalls ihren Hut in den Ring zu werfen. Ganz genau wissen werden wir es am 28. Mai, denn dann endet die Bewerbungsfrist für den aktuell begehrtesten Medienjob im Land.