Die Leere nach dem Finale
MARKETING & MEDIA Redaktion 22.05.2026

Die Leere nach dem Finale

Der ESC zeigt, was Österreich kann, wenn es muss: organisieren, inszenieren, abliefern.

Leitartikel  ••• Von Sabine Bretschneider

BILANZ. Das Wetter war eine Zumutung, die Inszenierung eine insgesamt starke Performance. Der ESC als rot-weiß-rote „Rise Like a Phoenix“-Erzählung: ein Land, das sich aus den Niederungen der kriselnden Wirtschaft erhebt, glänzt, organisiert, herzlich empfängt und ein paar Tage lang ernsthaft Weltläufigkeit probt. Wien war dafür Bühne, Kulisse und Projektionsfläche. Die Hotels füllten sich, die Kameras liefen, die Stadt zeigte sich von ihrer besten Seite – und die Republik sonnte sich in jener „Euphoria“, die Großereignisse zuverlässig erzeugen.

Doch nach dem letzten Applaus beginnt der weniger glamouröse Abschnitt: Ein mediales Ereignis wie der Song Contest schafft Aufmerksamkeit, produziert spektakuläre Bilder, kurbelt den Tourismus an und verleiht jenen Hauch internationaler Selbstverständlichkeit, nach dem sich die Kleinen in der Staatengemeinschaft sehnen. Aber starke Standortpolitik ist kein Refrain. Sie wiederholt sich nicht, nur weil sie einmal recht gut geklungen hat. Polens Beitrag, „Pray“, lieferte den passenden Soundtrack für jene österreichische Neigung, auf den nächsten großen Moment zu hoffen: Möge Mozart wieder ein Jubiläum liefern, möge der nächste Staatsgast globales Flair versprühen, möge die Welt hinsehen und das Bild nach außen besser sein als die Debatte im Inneren.

Beten als Wirtschaftsstrategie ist allerdings ein eher dünnes Konzept. Wer internationale Sichtbarkeit in nachhaltige Standortstrahlkraft übersetzen will, braucht mehr als Charme, Kulisse und organisatorisches Geschick.

Der ESC hat gezeigt, was Österreich kann, wenn es muss: koordinieren, inszenieren, liefern. Er zeigt aber auch, woran es im Alltag oft hapert: Tempo, Mut, Konsequenz. Das eigentliche „Waterloo“ droht danach – wenn aus dem Ausnahmezustand wieder Normalbetrieb wird. Wenn man sich mit dem schönen Gefühl begnügt, eh gezeigt zu haben, dass man könnte, wenn man wollte. Die Frage ist, ob die Nation auch dann performt, wenn niemand mehr zuschaut.

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